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Esther Maffei.

„Es geht erstmal ums Verstehen“

Interview: Das sind die Pläne der neuen Jugendamts-Chefin

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Am 1. August tritt die Südtiroler Psychologin Esther Maffei (45) ihren Dienst als neue Jugendamtschefin an. Sie will die Behörde neu ordnen, von geschlossenen Einrichtungen hält sie wenig. 

München - Am 1. August endet eine schwierige Zeit in Deutschlands größtem Jugendamt: Nachdem der Chefsessel mehr als zweieinhalb Jahre unbesetzt war, tritt die Psychologin Ester Maffei (45) an, um Ruhe in das krisengeschüttelte Amt zu bringen. Zuletzt hatte die Behörde mehrfach für Negativschlagzeilen gesorgt, weil Betreuungsverträge für minderjährige Flüchtlinge am Stadtrat vorbei geschlossen wurden und die Rückholung von Millionenbeträgen beim Freistaat verschleppt worden war. Wir haben mit der Südtirolerin über ihre neue Aufgabe, ihre Familie und ihre Liebe zu München gesprochen.

Das Jugendamt stand monatelang in der Kritik. Wie in aller Welt kamen Sie auf die Idee, sich auf diese Stelle zu bewerben?

Esther Maffei: Vorher habe ich in Südtirol fünf Jahre lang eine Art Sozialbürgerhaus geleitet. Davon entsprach ein Großteil der Arbeit des Jugendamts. In meinen vielen Jahren im Sozialbereich habe ich gemerkt: Das Jugendamt ist das, wo ich am meisten Herzblut drin habe. Als ich die Ausschreibung gelesen habe, dachte ich: Das habe ich alles schon gemacht, wenn auch in kleinerer Dimension. Von den vielen negativen Dingen wusste ich noch nicht viel. Ich dachte aber auch, vielleicht ist es ganz gut, wenn jemand mit einem Blick von außen kommt.

Viele Bereiche sind sehr sensibel, haben etwa mit Kinderschutz zu tun. Als Behördenleiter gerät man da leicht in die Kritik. Fühlen Sie sich gewappnet, das auszuhalten?

Maffei: Absolut, genau dafür war ich in Südtirol auch verantwortlich.

Wissen Sie schon, was die größten Herausforderungen werden?

Maffei: Erstmal ist es mir wichtig, dass ich alle Fakten kennenlernen und mit allen Beteiligten sprechen kann, bevor ich ein Konzept entwickle. Aber ich will mich so schnell wie möglich gut auskennen.

Wer kann Sie da einarbeiten? Die Leute, die den Überblick haben, sind alle nicht mehr da.

Maffei: Es ist ein Führungsteam da, das in die jeweiligen Abteilungen die nötigen Einblicke hat, und viele gute Mitarbeiter. Sonst wäre nicht so viel Arbeit die ganze Zeit trotzdem gut gelaufen.

Wird es auch eine Herausforderung, die Leute nach der langen Zeit ohne Führung wieder ins Boot zu holen?

Maffei: Als erstes werde ich mir die Organisations- und Kommunikationsstrukturen anschauen. Mitarbeiterführung hat mir immer viel Spaß gemacht.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Maffei: Ich mag Menschen grundsätzlich sehr. Mir wurde rückgemeldet, dass ich sehr wertschätzend sei. Das heißt nicht, dass ich die Augen vor Fehlern verschließe. Aber es gibt eine bestimmte Art und Weise, wie man Dinge sagt. Mir ist eine gute Atmosphäre wichtig. Ich glaube daran, dass sich letztlich jeder in der Arbeit selbstverwirklichen will.

Dabei hat Ihnen sicher auch schon Ihr Studium der Psychologie geholfen.

Maffei: Ja, und auch die Erfahrung und Fortbildungen.

Thema Flüchtlinge: Hatten Sie damit auch in Südtirol schon zu tun?

Maffei: 2014 und 2015 haben wir nach München geschaut: staunend und bewundernd, wie das gelaufen ist, wie viele unbegleitete Minderjährige untergebracht wurden. Das war eine Meisterleistung. In Südtirol ist es jetzt auch mehr geworden, aber als ich Ende 2015 ging, hatten wir noch nicht viele unbegleitete Minderjährige.

Die organisatorischen Nachwehen der Flüchtlingskrise werden Sie noch zu spüren kriegen. Sind Sie da schon dran?

Maffei: Ich arbeite mich ein. Aber es ist auch wichtig anzuerkennen, wie viel getan wurde. Da haben sich viele Menschen großen Belastungen ausgesetzt.

Thema straffällige Jugendliche, die durchs Raster aller anderen Jugendhilfe-Einrichtungen fallen: Ist es das richtige Konzept, sie in ein geschlossenes Heim zu geben, wie es in München seit einigen Jahren existiert?

Maffei: Ich kenne diese Einrichtung noch nicht. Ich kann nur sagen: Italienische Gesetze sehen fast keine geschlossenen Einrichtungen mehr vor, auch keine geschlossene Psychiatrie. Geschlossene Notunterbringungen dort dürfen nur paar Tage dauern. Dahinter steckt ein bestimmtes Menschenbild, eine bestimmte Vorstellung von Hilfe und die Überzeugung, dass geschlossene Türen bestimmte Symptomatiken verstärken können. Ich habe auch eine Einrichtung für Menschen mit Behinderungen geleitet. Wir haben daran gearbeitet, dass die Türen offen bleiben, denn wir haben beobachtet, dass sich bestimmtes Verhalten dann oft auflöst. Wenn Türen geschlossen werden, gibt es zum Beispiel Menschen, die den Kopf an die Wand schlagen. Wir haben dann nicht automatisch angenommen: Der schlägt seinen Kopf an die Wand, weil er geistig behindert ist. Stattdessen haben wir versucht herauszufinden, warum er das wirklich tut. Es geht erstmal ums Verstehen.

Wie werden Sie Ihre Praxiserfahrung nutzen?

Maffei: Meine Einstellung zu sozialer Arbeit kommt sehr aus meinen Erfahrungen in der Praxis. Wir haben immer systemisch gearbeitet, also das familiäre Umfeld analysiert, bis in die dritte Generation. Nehmen wir das Thema Schulverweigerung. Sie kann viele Gründe haben. Das heißt, man kann nicht immer mit der gleichen Intervention arbeiten. Hat das Kind das Gefühl, es muss zuhause sein, um zu kontrollieren, was dort passiert? Oder kommt es in der Schule nicht mit? Oder lässt die Mutter das Kind nicht los? Bevor man nicht weiß, was los ist, ist jede Intervention wie ein Ratespiel. Anfangs ist mehr Zeit nötig, um zu analysieren, aber nachher kann es durchaus sparen, wenn man zum Beispiel eine Fremdunterbringung vermeidet.

Wenn man Ihnen zuhört, kann man sich vorstellen, warum der Stadtrat so angetan war von Ihnen. Hat Sie das vorher genervt, dass etwa viele Verbände geschimpft haben, dass es nur eine Bewerberin gibt?

Maffei: Ich hatte mit all dem ja nichts zu tun. Ich werde ohne Scheu auf die Verbände zugehen. Da ist eine große Vielfalt und so viel Wissen bei all den freien Trägern, die auch Einrichtungen und Dienste führen.

Was verraten Sie über Ihre Familie?

Maffei: Ich habe zwei ganz liebe pubertierende Kinder.

Lieb? In der Pubertät?

Maffei: Ja. Ich finde das süß, wenn es so hin- und hergeht zwischen Anhänglichkeit und „Geh weg“. Ich habe eine gute Beziehung zu ihnen. Natürlich habe ich meine Kinder auch gefragt, ob ich diesen intensiven Job antreten soll, und sie haben gesagt: „Mach! Du hast doch immer gemacht!“

Was tun Sie in Ihrer wenigen Freizeit?

Maffei: Ich gehe sehr gerne auf den Berg, auch Hochtouren. Aktive Entspannung ist meins. Ich habe es aber auch gern gesellig, koche mit Familie und Freunden. Ich fahre gern mit dem Rad, ich mag die Isar. München habe ich in meiner Zeit der Ausbildung zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin kennengelernt, die berufsbegleitend von 1999 bis 2005 gemacht habe. Der Gedanke hierherzuziehen hat mich nie mehr losgelassen.

Haben Sie Ihr Büro schon eingerichtet?

Maffei: Ich habe viele schöne Kinderzeichnungen, gesammelte Werke. Die werde ich dort verteilen.

Lesen Sie auch zum Thema: Generation Sorgenkind? So denkt das junge München

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