Münchens Schuldneratlas: In den Bezirken mit roter Schrift ist die Schuldnerquote im vergangenen Jahr gestiegen.

Trauriger Rekord

Stirbt Münchens Mittelschicht aus? Immer mehr sitzen in der Schuldenfalle

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Immer mehr Münchner sind überschuldet. Am härtesten trifft es dabei die Mittelschicht, wie der aktuelle Schuldneratlas zeigt. Vor allem die hohen Münchner Mieten treiben viele Haushalte in die Schuldenfalle.

München - Es ist ein trauriger Rekord: 109.739 Münchner sind überschuldet – so viele wie noch nie. Das zeigt der neue Schuldneratlas von Creditreform. Die Überschuldungsquote in der Stadt klettert damit auf 8,92 Prozent – im Vorjahr lag sie noch bei 8,63 Prozent. Zum Vergleich: Bundesweit ist die Überschuldungsquote im vergangenen Jahr leicht gesunken auf 10,04 Prozent.

Im Zentrum dieser Entwicklung steht die Mittelschicht: Der komplette Anstieg der Verschuldung in München im vergangenen Jahr geht auf ihr Konto. Dagegen war die Zahl der Verschuldungsfälle in den „gehobeneren“ und den „unteren“ Schichten sogar rückläufig.

Steigende Mieten sind ein großes Problem

„Die immer weiter steigenden Mieten und die damit verbundenen hohen Lebenshaltungskosten bringen inzwischen weite Teile unserer Bevölkerung in Existenznöte“, klagt Sozialreferentin Dorothee Schiwy. Münchens Creditreform-Chef Philipp Ganzmüller pflichtet ihr bei: „München ist eine reiche Stadt, aber hier ballt sich ein großes Problem zusammen.“

Jeder elfte Erwachsene in der Stadt ist der Studie nach verschuldet – und die Tendenz ist steigend. 68.600 Fälle stammen dabei aus der Mitte der Gesellschaft – das sind 62,5 Prozent aller Fälle in München. Erschreckend ist dabei vor allem die Dynamik. Seit 2010 sind 10.400 Fälle von Überschuldung aus der Mittelschicht dazugekommen – allein 5300, also mehr als die Hälfte davon, im vergangenen Jahr. Als einen der Hauptgründe für diese Entwicklung machen die Statistiker die hohen Lebenshaltungskosten in der Stadt aus. Ganzmüller: „Die Mieten steigen schneller als viele Einkommen – das frisst die Mittelschicht langsam auf.

Erika Schitz leitet die Schuldnerberatung der Stadt und kann diese Vermutung bestätigen: „Die Lebenshaltungskosten sind so hoch, dass schon eine Mieterhöhung das enge Haushaltsbudget schnell sprengen kann.“ Sie kann das an einem Fall aus der Praxis illustrieren. Erst kürzlich sei ein städtischer Angestellter zu ihr gekommen, der mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in einer 65-Quadratmeter-Wohnung lebt. „Eigentlich ist die Wohnung zu klein, doch nach einer Modernisierung wurde die Miete erhöht, und jetzt ist selbst diese eigentlich nicht mehr zu stemmen“, sagt Schitz.

Immer mehr Münchner müssen dazuverdienen: Mittlerweile haben schon 71.000 Münchner neben ihrem Hauptjob noch eine weitere Tätigkeit in Form eines Minijobs.

Druck auf die Mittelschicht nimmt zu

Wie sehr der Druck auf die Mittelschicht wächst, lässt sich auch an der Statistik der Schuldnerberatung festmachen: Während 2013 noch 40 Prozent der Betroffenen über ein Netto-Einkommen von über 1300 Euro im Monat verfügten, waren es 2016 bereits 60 Prozent. Besonders schwierig sei die Situation dabei für diejenigen, deren Verdienst knapp über den Schwellen für eine Förderung, etwa durch Wohngeld liegen. Ganzmüllers Prognose verheißt nichts Gutes: „Für die nahe Zukunft ist trotz weiterhin positiver konjunktureller Rahmenbedingungen nicht mit einer nachhaltigen Entspannung in München zu rechnen.“ Gleichzeitig öffnet sich die Schere zwischen den Stadtteilen immer weiter.

Wo ist in München die Schuldnerquote am höchsten?

Münchens Überschuldungshochburg ist Berg am Laim mit einer Überschuldungsdichte von 11,80 Prozent, gefolgt von Milbertshofen mit 11,73 Prozent. Dagegen liegt die Überschuldungsquote in Schwabing-West bei lediglich 6,40 Prozent.

Langfristig nimmt übrigens auch die Schuldenquote bei den gehobeneren Schichten zu. Creditreform-Chef Ganzmüller macht hier insbesondere das Phänomen derjenigen aus, die „von Beruf Sohn oder Tochter sind“. Sie möchten den Status ihrer Eltern fortführen, können sich das finanziell aber eigentlich nicht leisten. „Das mag eine Zeit lang gut gehen, funktioniert aber auch nicht ewig“, erklärt Ganzmüller.

Kniepkamp Marc

So tappte ich in die Schuldenfalle

Er hat seine Mütze tief ins Gesicht gezogen. Mit roten Wangen und weißen Fingern sitzt Ercan Uzun am Sendlinger Tor. Der 50-Jährige ist Biss-Verkäufer. Sein Arbeitsplatz: eine blaue Säule im Sperrengeschoss. „Es hat Zeiten gegeben, da war ich 80.000 Mark im Minus“, erzählt er. „Mittlerweile bin ich schuldenfrei.“

Ercan Uzuns Geschichte beginnt mit dem Schritt in die Selbstständigkeit. 1996 gründet der gelernte Hausmeister eine eigene Firma, der Betrieb läuft gut. Doch irgendwann verliert Uzun die Kontrolle, nimmt brutto für netto und gibt sein Geld nach Lust und Laune aus. „Als ich gemerkt habe, dass ich mich verkalkuliert hatte, war es leider schon zu spät.“ 

Biss-Verkäufer schildert seinen Abstieg – und den Weg zurück

Beim Klang seiner Worte schaut Uzun beschämt zu Boden, steckt sich eine Zigarette in den Mund und drängt ins Freie. Er sei angespannt, gesteht er, habe Hemmungen, über seine Vergangenheit zu sprechen. Trotzdem will der 50-Jährige seine Geschichte erzählen und anderen Münchnern Mut machen. „Ich wünschte, ich hätte früher verstanden, dass man nur das Geld ausgeben kann, das man hat“, sagt er. Das zu lernen, sei ein Prozess, der bei manchen Wochen, bei anderen Jahre dauere. „Doch das Entscheidende ist: Es nie zu spät, neu anzufangen!“ 

Ercan Uzun hat neu angefangen. Nachdem ihn seine Schulden „krank gemacht“ haben, ging er in Therapie. Im Wartezimmer habe er eine Biss-Zeitung liegen sehen – und die Chance ergriffen. „Ich habe mich in der Redaktion vorgestellt“, erzählt er, „ein paar Monate als Verkäufer gearbeitet und schließlich eine Festanstellung bekommen.“ Obwohl das Geschäft am Anfang holpert, macht der Münchner weiter. Schließlich steigen die Verkaufszahlen. Mit dem Geld kehrt der Mut zurück. Inzwischen ist der 50-Jährige wieder voll angekommen – in der Gesellschaft, in der Arbeitswelt, im Leben…

Sarah Brenner

Schon der Armutsbericht 2017 für München war schockierend: Jeder Sechste in München muss in Armut leben.

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