Neues Leben im alten Bunker

Das kurzlebige Tanzlokal „Herr Hotter“ nutzt bis Ende April den Hochbunker an der Hotterstraße mitten in der Innenstadt. In dieser Zeit finden hier Partys, Ausstellungen und Konzerte statt. Danach sollen Wohnungen oder ein Hotel entstehen.

Einen Augenblick lang würde man sich nicht wundern, wenn Rapunzel erschiene und ihr Haar herunterlassen würde. So märchenhaft Efeu-überwuchert sieht dieser dreistöckige Turm an der Hotterstraße 10 aus. Das Problem: Ein Hochbunker hat kein Fenster, nur eine wuchtige Hintertür aus Stahl. Thomas Manglkammer öffnet den Riegel und bittet herein ins „Herr Hotter“, das Tanzlokal im Bunker - genau im Dreieck zwischen Marienplatz, Sendlinger Tor und Stachus -, das er bis Ende April als Zwischennutzer betreiben darf.

Manglkammer, 30, ein schmächtiger, ruhiger Typ mit fast schon dornröschenhaft langen Haaren unter der Kapuze, wirkt ein wenig verschlafen. Aber auch glücklich. „Fünf Jahre habe ich nachgefragt, ob ich hier rein darf“, sagt er lächelnd. Fünf Jahre hat der Vater von zwei Kindern auch das „Kreuz 16“ an der Kreuzstraße 16 betrieben. „Ich wollte hinterher schon fast nach Berlin ziehen, weil es in München so wenig kulturelle Nischen gibt.“

Jetzt hat Manglkammer seine Nische. Vorbei geht es an Türmen von „Tegernseer“- und Limokästen, durch bauchige grüne Stahltüren. Zwei Stockwerke darf der Unternehmer bespielen. In verschachtelten Räumen mit schwarzen Ledermöbeln, über deren Türen „Lüftungsmaschinenraum“ oder „Überwachungsraum“ steht, finden mittwochs bis samstags Partys statt - ihre Namen: „Schutzraum-Übung“ oder „Bunker-Alarm“. Das Helle kostet 3 Euro, Zapfenstreich ist um 5 Uhr morgens.

Aber nicht nur Partys plant Manglkammer: An den Wänden hängen Schwarz-weiß-Fotografien, Zeichnungen und Gemälde. „Tagsüber finden hier bis 22 Uhr auch Ausstellungen statt“, sagt er. Bisher spielen mittwochs beim „Rock’n’Roll-Tag“ Bands, doch auch einen „Klassik-Abend“ soll es geben.

Es klingt fast so, als habe sich der Zwischennutzer das Motto des Hausherrn zueigen gemacht: „Faszination Bunker“. Unter dieser Überschrift vermarktet die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) in Bonn deutschlandweit etwa 70 Bunker, die aus der zivilschutzrechtlichen Nutzung herausgefallen sind. Im vergangenen Herbst lobte die Bima einen Ideenwettbewerb „Architekturkonzepte für Hochbunker“ aus. „Wir suchen Investoren, die mutig und einfallsreich sind, um aus solch schwierigen Liegenschaften etwas zu machen“, sagt Sprecher Guido Déus. Die Bandbreite reiche von Museum, Theater, Kirche, Club oder Bar über Hotel, Büros, Geschäfte und Wohnungen bis zum Musikstudio, Atelier oder Lager.

Nach dem 1942 erbauten Bunker an der Hotterstraße dürften sich Investoren die Finger lecken - das gerade neu entstehende Prestige-Quartier „Hofstatt“ liegt auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die Fußgängerzone ist nur einen Block entfernt. „Ein Filetstück“, bestätitgt Monika Maucher von der Bima- Regionaldirektion München. Und eines mit Besonderheit: Denn das 451 Quadratmeter große Grundstück liegt genau auf der Schnittstelle zwischen Flächen des Bundes, der Stadtwerke und des Damenstifts. „Wir sind gerade in Gesprächen über eine gemeinsame Vermarktung“, sagt Maucher. Infrage komme reines Wohnen, eine Mischung aus Wohnen und Gewerbe sowie ein Hotel. Der Denkmalschutz hat sein Okay gegeben. Möglicherweise schon im Sommer kann das Bieterverfahren beginnen.

Maucher zufolge ist dies der erste Münchner Bunker, in dem eine Zwischennutzung genehmigt wurde. Um hier rein zu dürfen, musste Thomas Manglkammer einiges in Kauf nehmen: Den gesamten Strom musste er neu verlegen, die Toiletten einbauen, jede Stahltür aus Brandschutzgründen um 20 Zentimeter verbreitern. „Aber es hat sich gelohnt“, sagt er. „Etwas Vergleichbares findet man höchstens in London oder Paris.“ „Herr Hotter“, betont er, habe keine spezielle Zielgruppe: „Hier darf jeder rein - egal, ob er Anwalt ist oder sich gerade mal ein Bier leisten kann.“

Mit den Nachbarn will er Frieden. „Wir hatten gleich zur Eröffnung einen Tag der offenen Tür.“ Vier Sicherheitskräfte sorgen für Ruhe. Das Gute: Wenn die Besucher mal drin sind, hört man nichts mehr. „Die Außenwände sind 2,20 Meter dick“, sagt Monika Maucher. „Der Bunker ist für die derzeitige Zwischennutzung optimal.“

Von Johannes Löhr

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