Wohin führt ihr Weg? Katharina Schulze im Sommer 2014. Foto: Klaus Haag

Noch lange nicht am Ziel

München - Als Chefin der Münchner Grünen wird Katharina Schulze nächstes Jahr aufhören. Die ehrgeizige 29-Jährige will sich auf die Arbeit im Landtag konzentrieren. Mancher sagt ihr schon Ambitionen auf den Fraktionsvorsitz nach.

Katharina Schulze hat immer gewonnen. Bis zum Mai 2014. Sie war Schülersprecherin, sie wurde Chefin der Grünen Jugend und der Grünen Partei, Landtagsabgeordnete und Dauersiegerin bei Volksentscheiden. Aber dann kam der Mai 2014 - und die erste heftige Niederlage. Die Koalitionsgespräche im Münchner Rathaus scheiterten, die Grünen mussten in die Opposition. Und Katharina Schulze wirkte plötzlich ratlos. „Absolut unverschämt und krass“, schimpfte sie über SPD und CSU, die es am Ende ohne die Grünen machten.

Katharina Schulze, 29, war schon immer etwas schneller unterwegs als ihre Altersgenossen. Sie denkt und spricht schneller, vor allem aber macht sie schneller Karriere. Aber diese Niederlage aus dem Mai, die kann sie nicht schnell vergessen. Wenn man Katharina Schulze in diesen Wochen in ihrem Wahlkreisbüro im Schwabinger Westen besucht, erlebt man eine junge Frau, die immer noch mit der Aufarbeitung dieser Niederlage beschäftigt ist. „Ich wehre mich eben einfach gegen den Eindruck, wir wären eine Mords-Stümper-Truppe“, sagt sie. Sehr ausführlich und detailliert erzählt Schulze vom Scheitern der Verhandlungen und davon, warum es nicht die Schuld der Grünen gewesen sei, dass sie am Ende nicht klappten. Aber Katharina Schulze schaut auch schon wieder nach vorne. Auf die Zeit, wenn sie nicht mehr Vorsitzende der Münchner Grünen ist.

Kürzlich hat ihr Mit-Vorsitzender Sebastian Weisenburger das Handtuch geworfen. Er will mehr Zeit für die Familie, zieht sich aus der Politik zurück. Bei Katharina Schulze ist eher das Gegenteil der Fall. Sie selbst sagt nur, dass sie sich auf die Arbeit im Landtag konzentrieren wolle. Deshalb gibt sie 2015 den Vorsitz ab. Was in ein paar Jahren ist, könne man ja nicht planen. Aber Schulze ist im Landtag auf Anhieb Fraktions-Vize geworden. Wenn 2016 neu gewählt wird, könnte sie zur Nummer 1 aufsteigen, so sehen es sehr viele bei den Grünen. „Sie drängt perspektivisch an die Spitze“, sagt Bayerns Grünen-Chef Dieter Janecek. „Katharina Schulze ist jemand, der immer an die Spitze drängt.“

Ihr langjähriger Parteichef-Partner Sebastian Weisenburger sagt immer, er kenne überhaupt niemanden, der so viel arbeitet wie Katharina Schulze. Ihr besonderes Engagement und die Fähigkeit, ganz verschiedene Menschen zu begeistern, haben Schulze nach oben gespült. Das aber hat ihr auch viele Gegner eingebracht - vor allem parteiintern. Bei der letzten Vorstandswahl bekam sie weniger Zustimmung als Weisenburger, hinter vorgehaltener Hand wird viel gestichelt. Was ihr genau vorgeworfen wird? Da fällt vielen aber nur sehr wenig ein. „Die gönnen ihr ganz einfach den Erfolg nicht“, sagt ein älterer Grüner.

Geradezu begeistert wird hingegen in den anderen Münchner Parteien über sie gesprochen. Frau, jung, engagiert, schlau, authentisch: Schulze ist, was die anderen auch gerne mehr hätten. Zum Beispiel die CSU. Aber auch die SPD. Der eben zurückgetretene SPD-Chef Hans-Ulrich Pfaffmann hört, auf Katharina Schulze angesprochen, gar nicht mehr auf zu schwärmen. „Sie ist ein großes politisches Talent“, sagt er. „Sie schimpft nicht einfach, sie greift Themen mit Empathie und Überzeugung auf. Während viele überhaupt kein Profil mehr haben, hat Katharina Schulze ein klares, politisches Profil.“ Er wünsche sich, sagt Pfaffmann, „dass es mehr solche Leute gibt“.

Leute, die sich auch trauen, mal zu polarisieren, soll das heißen. Schulze war das Gesicht der erfolgreichen Volksbegehren gegen die Olympischen Winterspiele und die dritte Startbahn am Flughafen. Die größten Aggressionen aber hat sie mit einer symbolischen Aktion ausgelöst: Ende 2013 verhüllte sie mit einem Landtags-Kollegen das Trümmerfrauen-Denkmal. Unmöglich fanden das viele, geschmacklos. Aber Schulze blieb hartnäckig, argumentierte mit den historischen Fakten - und findet die Aktion bis heute nicht falsch.

„Ein bisschen ist sie immer noch die Grüne-Jugend-Vorsitzende“, sagt Sebastian Weisenburger. „Sie hat diesen großen Idealismus behalten.“ Schulze selbst sagt bei Bio-Apfelschorle in ihrem Wahlkreis-Büro: „Es ist schon immer noch so, dass mich viele Dinge aufregen. Und dann beginne ich eben zu arbeiten. Wenn man hart genug arbeitet und sich Mistreiterinnen und Mitstreiter sucht, dann lohnt sich das.“

Seit November 2010 ist Schulze Münchner Parteichefin. Von 800 auf 1200 Mitglieder ist der Stadtverband seitdem angewachsen, das Klima zwischen Stadtrats-Fraktion und Partei hat sich deutlich verbessert. In ihren letzten Monaten will sie nach all den Wahlkämpfen über Strukturen und Grundsatz-Inhalte sprechen - und über die Frage, wer ihr nachfolgen könnte.

Entscheiden wird sich aber auch, wie man ihre Amtszeit im Rückblick beurteilt. Denn bei allem, was gewonnen wurde: In den letzten Wochen herrschte Chaos bei den Grünen, innerparteiliche Grabenkämpfe brachen wieder auf. „Die Zeit seit der Kommunalwahl ist wahrlich keine Erfolgsgeschichte“, sagt Dieter Janecek. „Da hat sie viel Lehrgeld bezahlt.“

Schulze auf jeden Fall wird auf allen Ebenen weiterkämpfen. Sie hat sich die echte Sprache einer jungen Frau bewahrt, eine Fähigkeit, die fast allen erfolgreichen Politikern sehr schnell abhanden kommt. Sie male gerne Schildchen für die Demo, hat Katharina Schulze mal gesagt, „aber ich will auch da hin, wo ich Gesetze kippen kann“. Ein Jahr später saß sie im Landtag. Wohin es jetzt gehen wird, vielleicht weiß sie es selbst noch nicht. Aber dass Katharina Schulze noch lange nicht am Ziel ist, da darf man sich sicher sein.

Felix Müller

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