+
Andrang in der Notaufnahme: Vor dem Klinikum Harlaching steht ein Rettungswagen neben dem anderen auf dem Parkplatz.

Engpässe wegen Personalmangels

Notaufnahmen in Not

  • Carina Zimniok
    vonCarina Zimniok
    schließen

München - In Münchens Kliniken fehlt Personal. Kliniken schließen Stationen, in Notaufnahmen stauen sich Patienten, Sanka fahren Kranke in Nachbarlandkreise. Offiziell sieht keiner die Versorgung gefährdet. Doch langsam wird die Politik hellhörig.

Ein Freitag im November, Klinikum Harlaching. Hans Simmer (Name geändert) hat seinen Schwiegervater in die Notaufnahme gebracht, der hat Bauchspeicheldrüsenkrebs, es geht ihm nicht gut. Was Simmer dort sieht, macht ihm Angst: Im Gang stehen acht Betten mit Kranken. Die Aufnahmezimmer, so erfährt er, sind voll. Draußen auf dem Parkplatz drängeln sich Rettungswagen. Drinnen hetzt eine Schwester von einem Patienten zum anderen, eine Angehörige ruft: „Wenn nicht gleich ein Arzt vorbei kommt, dann...!“ Auch Simmers Schwiegervater bekommt nur einen Platz auf dem Gang, er muss sich ausziehen, bis auf die Unterhose, und in ein OP-Hemd schlüpfen. Vor allen Leuten. Irgendwann, nach zwei Stunden, wird der Senior doch in ein Zimmer gebracht. „Wahrscheinlich, weil ich dabei war“, sagt Simmer.

Solche Szenen kommen nicht nur in der Harlachinger Notaufnahme vor, sondern in allen großen Münchner Kliniken. Ein Grund: Personalmangel. Der ist so dramatisch, dass Stationen in akuten Situationen ganz oder teilweise geschlossen werden – oder sogar komplett dicht gemacht werden. Und in den Notaufnahmen stauen sich die Patienten, weil sie nicht aufs Haus verteilt werden können. Darunter leiden die Kranken – und das Personal, das noch da ist.

Dienstag und Mittwoch voriger Woche waren zeitweise fast alle Notaufnahmen voll belegt. „Der Rettungsdienst musste“, so berichtet ein Arzt, „auch die Kliniken der umliegenden Landkreise anfahren, weil die Münchner Kapazitäten erschöpft waren.“ Ein Beispiel: Rettungsfahrzeuge mit Notfallpatienten mussten aus Perlach nach Freising ins Kreiskrankenhaus geschickt werden. Kranke aus Aying in den Dritten Orden nach Nymphenburg. Am Dienstagabend ist nur noch eine einzige von 50 Münchner Kliniken aufnahmebereit: das Pasinger Krankenhaus. Am Mittwochabend war zeitweise kein einziges Intensivbett in München frei. Das alles ist sogar öffentlich im Internet einsehbar: das Computersystem Ivena bildet die Kapazitäten der Häuser in Echtzeit ab.

„Die Lage ist sehr kritisch“, sagt ein Mitarbeiter der Leitstelle der Berufsfeuerwehr München. Von hier aus wird über Ivena die Verteilung der Patienten auf die Krankenhäuser in München organisiert. Seinen Namen will er nicht nennen – das Thema ist heikel. Offiziell sieht man kein großes Problem: „Das ist nur eine Momentaufnahme“, sagt Roland Dollmeier, Geschäftsleiter vom Rettungszweckverband München.

Doch Engpässe gibt es schon länger: Anfragen unserer Zeitung für einen achtwöchigen Zeitraum von Oktober bis Ende November ergaben, dass es an allen Kliniken massiven Personalmangel gibt. Im Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität fehlen Pflegekräfte vor allem in der Anästhesie- und Intensivpflege sowie in der Kinderkrankenpflege. 16 Betten mussten zum Zeitpunkt der Anfrage in der Kinderkrankenpflege geschlossen werden. In der Frauenklinik in der Maistraße wurde die Intensivstation dicht gemacht, das Personal überwiegend nach Großhadern abgezogen. Im Klinikum rechts der Isar sind in diesem Zeitraum 30 Betten nicht belegbar. Die internistische Notaufnahme musste fast täglich stundenweise wegen Überbelegung geschlossen werden. Auch die Schwabinger Notaufnahme, die größte der Stadt, war an manchen Tagen abgemeldet. Abmeldung – das heißt, dass die Klinik im Ivena-System Bescheid gibt, keine Patienten mehr aufnehmen zu können. Dann schickt die Leitstelle in der Regel keinen Sanka.

Ein Sprecher des Städtischen Klinikums bezeichnet diese Abmeldung als einen „normalen Vorgang“. Was den eingeschränkten Betrieb angeht, bleibt er vage: „Es kommt immer wieder temporär vor, dass wir Betten oder Stationen schließen müssen“, teilt er mit. Das betreffe insbesondere Intensivbetten. Doch die Gründe hierfür seien vielfältig und nicht allein in einem Personalmangel zu sehen. „Sie können auch bauliche Maßnahmen, Infektionen, geplante Zusammenlegung von Stationen, ein gesunkener Bedarf oder ein insgesamt bestehendes Versorgungsüberangebot in München sein.“ Doch Klinikangestellte wittern einen anderen Grund: den Sparkurs.

Das Städtische Klinikum ist der größte Notfallversorger in München. Mehrere Ärzte, die dort arbeiten, aus Angst um ihren Job aber anonym bleiben wollen, berichten von chaotischen Zuständen in den Notaufnahmen. In der Hektik passieren Fehler: Patienten werden verwechselt, der falsche zum Röntgen geschickt. Das kann manchmal nur Zeit kosten, aber auch lebensbedrohlich sein. Oft wäre es wichtig, dass ein Arzt ein gründliches Gespräch mit dem Patienten führt. Nur wenn er die Vorgeschichte kennt, kann er richtig behandeln. Selten ist dafür Zeit. Manchmal kommt es zu menschenunwürdigen Szenen. Als kürzlich eine Klinik wieder einmal heillos überfüllt war, lag eine Seniorin im Sterben. „Erst konnten wir sie in ein Einzelzimmer schieben“, erzählt ein Mediziner. Doch dann kamen weitere Patienten – schließlich musste die Frau doch wieder in ein Dreibettzimmer. Dort starb sie.

Kommt ein Patient mit einer ansteckenden Krankheit wie dem Norovirus oder einem hohen Risiko, antibiotika-resistente MRSA in sich zu tragen, bedeutet das Mehrarbeit für Pfleger und Ärzte – doch auch dafür sei meistens keine Zeit. „Jeder ist froh, wenn der Patient weg ist“, sagt ein Arzt. „Das sind arme Geschöpfe.“ Weg – das heißt im Isolationszimmer. Das darf nur mit Schutzkleidung betreten werden. „Aber wenn ich alleine auf Station bin, kostet es mich zu viel Zeit, sie immer anzuziehen“, sagt eine Krankenschwester. Sie gibt zu: „Wenn es nicht unbedingt sein muss, gehe ich nicht ins Zimmer.“ Was ist, wenn der Patient etwas braucht? „Ich kann nur hoffen, dass er nichts braucht.“ Oft müssen solche Patienten tagelang in der Notaufnahme ausharren – wenn auf den anderen Stationen der Platz fehlt, um ihn in einem separaten Zimmer abzuschotten.

Weil die Schwestern ständig unter Zeitdruck stehen, organisieren sie die Pflege der Patienten so einfach wie möglich: Senioren bekommen Windeln verpasst – so müssen sie nicht zur Toilette gebracht werden. Essen und Trinken wird nur angeboten, wenn es unbedingt nötig ist. „Das macht einen fertig“, sagt eine erfahrene Krankenschwester. Zu wissen, dass Menschen Hilfe brauchen, die man ihnen nicht geben kann.

Auch in der Notarztversorgung brennt es, Dokumente belegen das. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern verschickte Ende Oktober eine interne E-Mail mit dem Betreff „Dringend heute Springer für den Notarztwagen gesucht!“ An manchen Tagen wird kein Springer gefunden, dann bleibt der Notarztwagen komplett in der Garage. Wie oft das vorkommt, teilt die Vereinigung nicht mit. Dollmeier vom Rettungszweckverband warnt vor Panikmache: „Wir haben in München elf Notärzte. Wenn einer mal ausfällt, ist die Versorgung trotzdem sichergestellt.“

Der Personalmangel beutelt auch das Harlachinger Klinikum. Zwei chirurgische und eine internistische Station sind seit Monaten geschlossen. Die Kinderintensivstation ist wegen Pflegermangel zu. Und manche Ärzte haben den Verdacht, dass Stationen zugemacht werden, damit die Auslastung im ganzen Klinikum höher ist.

Harlaching ist nach Informationen unserer Zeitung auch an normalen Wochentagen bis zu 96 Prozent ausgelastet, manche Stationen sogar zu 100 Prozent. Ein Sprecher will das nicht kommentieren, er verweist auf Wettbewerb. Fest steht: Eine hohe Auslastung ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht lukrativ. Doch 2014 wurde eine beunruhigende Studie veröffentlicht. Kernaussage: Je höher die Bettenauslastung, desto höher die Sterblichkeitsrate.

Die Wissenschaftler untersuchten Daten von über 80 000 Klinik-Patienten. 14 321 dieser Patienten lagen an Tagen im Krankenhaus, an denen die Bettenauslastung 92,5 Prozent überschritt – 541 von ihnen starben. 14,4 Prozent der Todesfälle wären bei einer geringeren Auslastung vermeidbar gewesen. Doch über der kritischen 92,5-Prozent-Grenze liegt in Harlaching an einem Beispieltag im November mehr als jede zweite Station. Am Tag darauf auch. „Und das waren ganz normale Tage“, sagt ein Mitarbeiter. Keine Grippewelle, kein böser Virus, keine Großveranstaltung – keine Massenkarambolage auf der Autobahn. Je voller das Krankenhaus, desto höher ist die Arbeitsbelastung für das Pflegepersonal in den noch offenen Stationen. Eine Schwester sagt: „Das wird immer schlimmer.“ Wenn sie Nachtschicht hat, ist sie für 26 Patienten zuständig, viele davon sind frisch operiert.

Noch dramatischer ist es, wenn eine Krankheitswelle auch Pfleger und Ärzte erwischt. Dann müssen ganze Stationen geschlossen werden, die Patientenversorgung kommt zum Erliegen. Wenn es besonders brenzlig ist, würden die Ärzte der Städtischen Kliniken ihre Notaufnahmen gerne noch öfter von der Rettungsleitstelle abmelden. Aber: „Aus wirtschaftlichen Gründen wird Druck auf uns ausgeübt, dass wir das nicht zu oft tun“, klagt ein Mediziner. Das weist ein Kliniksprecher aber zurück.

Selbst wenn die Ärzte Alarm schlagen und sich beim Ivena-System abmelden, kommen Sanka und Hubschrauber trotzdem mit neuen Patienten. Weil auch die anderen Kliniken voll sind. „Zwangsbelegungen“ nennen Ärzte das. Dollmeier vom Rettungszweckverband erklärt, dass die Abmeldung von Ivena lediglich als Orientierung für die Leitstelle dient. „Wenn ein akutgefährdeter Patient eingeliefert wird, erfolgt vorher eine telefonische Absprache – er wird auf alle Fälle behandelt.“ Eine volle Belegung der Notaufnahme bedeute zum Beispiel noch lange nicht, dass auch das Herzkatheterlabor ausgelastet sei. Und ein Sprecher des Städtischen Klinikums sagt, die Anzahl der temporären Abmeldungen sei übers Jahr gesehen so gering, dass damit „in keiner Weise die Versorgung der Notfallpatienten beeinträchtigt“ sei.

Doch auch Dollmeier gibt zu, dass es bereits Gespräche über „vereinzelte Engpässe“ in der Notfallversorgung gegeben habe. Das bayerische Innenministerium, zuständig für Rettungswesen, ist im Bilde. Gerade aus Schwabing und Harlaching würden immer wieder Probleme gemeldet. Offiziell will man nichts sagen, das sei Sache der Stadt München. Dollmeier will demnächst ans bayerische Gesundheitsministerium schreiben und ein Gespräch mit allen Beteiligten anregen. Auf Anfrage unserer Zeitung verweist die Behörde auf die Eigenverantwortlichkeit der Kliniken. Bislang gebe es keine Berichte über mögliche Mängel bei der Krankenhausversorgung. Man werde den Hinweisen aber nachgehen. Vielleicht bringt ein Antrag der CSU im zuständigen Bezirksausschuss etwas ins Rollen. Gefordert wird, das Problem anzugehen – das Gremium stimmte am Dienstag zu.

Eine schnelle Lösung gibt es wohl nicht – woher soll zusätzliches Personal kommen? Die Städtischen Kliniken, wo 2500 Pflegekräfte arbeiten, haben derzeit 70 Stellen ausgeschrieben. Auch am Klinikum rechts der Isar wird es nach Auskunft einer Sprecherin zunehmend schwieriger, Stellen nachzubesetzen oder neue Stellen zu besetzen. Die von der Bundesagentur für Arbeit regelmäßig erstellte Engpassanalyse ergebe für Bayern eine durchschnittliche Vakanzzeit von 96 Tagen – von der Meldung einer freien Stelle bis zur Besetzung.

Bleibt der Druck auf Ärzte und Schwestern: „Wir kämpfen jeden Tag“, sagt ein Mitarbeiter. „Wir sind an unseren nervlichen und körperlichen Belastungsgrenzen angekommen.“ Er hoffe, dass der Winter mild und schneearm bleibt – und die Influenza nicht auch noch um sich greift.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Lokaljournalismus hat eine Bombenzukunft“
Heimat im Herzen und den Schreibblock seit über 40 Jahren in der Hand: Wir haben vier legendäre Merkur-Reporter zum Interview eingeladen.
„Lokaljournalismus hat eine Bombenzukunft“

Kommentare