Mehr oder weniger auf einer Wellenlänge: Die OB-Kandidaten Mattar, Reiter, Schmid und Nallinger (Mitte, v. li.), interviewt von Sibylle Steinkohl (li.) und Michael Grill (re.) Foto: Löhr

Podiumsdiskussion

OB-Kandidaten debattieren über Kultur

München - Die vier OB-Kandidaten stehen nicht gerade in dem Ruf, leidenschaftliche Kunstliebhaber zu sein. Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema machten sie immerhin keine schlechte Figur - und verrieten ein paar Geheimnisse.

Es ist ein Kreuz, wenn man einen Oberbürgermeister beerben soll, der seit seinem Amtsantritt als „heimlicher Kulturreferent“ der Stadt gilt. Der in Sachen Kunstverwaltung über 20 Jahre die Fäden gezogen und München seinen Stempel aufgedrückt (oder es zumindest versucht) hat. Eines vorneweg: Die vier Kandidaten für die Nachfolge von Christian Ude machten ihre Sache bei der Podiumsdiskussion der Theatergemeinde München in der „Theaterfabrik“ nicht schlecht. Echte Leidenschaft fürs Thema sieht freilich anders aus - übrigens auch beim Publikum: Knapp 100 Interessierte waren gekommen.

Eines schickte Michael Grill - Geschäftsführer der Gemeinde und mit der Vorsitzenden Sibylle Steinkohl Leiter der Diskussion - vorweg: Dieter Reiter (SPD), Josef Schmid (CSU), Sabine Nallinger (Grüne) und Michael Mattar (FDP) sollten heute nicht nur über Geld und das Fördern von Kultur reden. „Wir wollen etwas über Ihr persönliches Verhältnis zur Kultur wissen.“

Da wurde erstmal launig erzählt - doch kamen in diesem Bereich auch die größten Überraschungen zum Vorschein. Wer weiß schon, dass Nallinger seit ihrem 14. Lebensjahr Geige spielt? „Ich musste meine Mutter überzeugen“, betonte sie und brachte gleich die Forderung unter, dass musikalische Förderung nicht nur vom Elternhaus abhängig sein dürfe.

Doch von wegen launig: Als Steinkohl erzählte, Josef Schmid verrate nicht gerne, was er in Sachen Kultur macht - doch habe er einst „Schlagzeug in einer Tanzkapelle“ gespielt, ging Schmid gleich in Verteidigungshaltung: „Natürlich verrate ich das.“ Überhaupt habe er im Alter von sieben Jahren bereits angefangen, „elektronische Heimorgel“ zu spielen, betonte der Mann, der in Cowboystiefeln auf der Bühne saß. „Und wir haben nur bei Goldenen Hochzeiten gespielt, weil es da nun mal am meisten Geld zu verdienen gab. Wir mussten uns ja finanzieren.“ Dieter Reiter fiel es da relativ leicht, sich an seine Motivation für das Gitarrespielen zu erinnern. „Mit 16 hat man es mit einer Gitarre an der Isar einfach leichter als mit einem Schlagzeug.“

Michael Mattar, der nach eigenem Bekunden unmusikalisch, aber literaturbegeistert ist, sorgte im Verlauf des Abends für das kontroverseste, wenn auch ein vorhersehbares Thema: der zweite Konzertsaal für München, ein Lieblingsprojekt seines aus dem Amt des Kunstministers geschiedenen Parteifreundes Wolfgang Heubisch. „Die Stadt darf sich bei der Suche nach einem Standort künftig nicht so zurücklehnen wie bisher.“ Auch Reiter, Nallinger und Schmid blieben hier bei den altbekannten Positionen ihrer Parteien: „Der Freistaat muss erst einen ernsthaften Plan vorlegen, dann unterstützen wir ihn“ auf der rotgrünen Seite. „Die Zusammenarbeit mit dem Freistaat muss sich verbessern“ auf der schwarzen Seite.

Auch die Frage, was denn ihre erste Amtshandlung in Sachen Kultur wäre, beantworteten die Kandidaten recht vorhersehbar und lagen weitgehend auf einer Wellenlänge: freie Szene fördern („Wir brauchen ein Sonderbudget“, forderte Schmid unter Applaus des Publikums), mehr Räume für Künstler in München, auch mehr Kunst im öffentlichen Raum (Nallinger). Die städtische Tourismus-Strategie nicht mehr nur auf Oktoberfest und FC Bayern beziehen, sondern auch auf München als Kunststadt (Reiter). Alle waren im Grunde dafür, das Volkstheater im alten Viehhof unterzubringen. Schmid zeigte sich besser vertraut mit den Problemen der Künstler in den Domagkateliers, Reiter und Nallinger kannten die Sorgen der Münchner Hallenbetreiber.

Was man von all dem halten soll, wird sich weisen. Und ob die Kandidaten sich tatsächlich von Kultur berühren lassen, wenn sie in der Oper sind (Mattar), Ludwig Hirsch hören (Reiter), im Auto die Musik laut aufdrehen (Schmid) und mit der Tochter ins Theater gehen (Nallinger), wird keiner nachprüfen können. Nach dem Diskussionsabend wurde allerdings klar: Die selbstironisch-kabarettistische Brillanz des Redners Christian Ude wird einem fehlen. Aber vielleicht erlernt man die auch im Laufe der Zeit.

Johannes Löhr

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