Forscht zu unerkannten Straftaten: Regierungsdirektor Johannes Luff (62) vom Landeskriminalamt.
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Forscht zu unerkannten Straftaten: Regierungsdirektor Johannes Luff (62) vom Landeskriminalamt.

Das Bundeskriminalamt will mehr zu Straftaten im „Dunkelfeld“ herausfinden – und fragt deshalb die Bürger

„Oft haben Menschen Angst, dass ihnen niemand glaubt“

  • Stefanie Wegele
    vonStefanie Wegele
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Immer wieder werden Menschen Opfer von Straftaten, gehen aber nicht zur Polizei. Weil sie sich schämen, weil sie Angst haben oder weil sie denken, dass der Täter sowieso nicht gefasst wird. Das sind Straftaten, die im sogenannten Dunkelfeld liegen. Ein Experte erklärt, was das genau ist und warum einige Münchner jetzt Post bekommen und helfen sollen, Licht ins Dunkle zu bekommen.

Das Bundeskriminalamt (BKA) startet in Zusammenarbeit mit den Polizeien der Länder jetzt eine regelmäßige Befragung unter zufällig ausgewählten Bürgern. Die Erhebung soll dann alle zwei Jahre wiederholt werden, um Veränderungen analysieren zu können.

Regierungsdirektor Johannes Luff (62) vom Landeskriminalamt (LKA) in München forscht seit mehreren Jahren auf diesem Gebiet. Der Soziologe und Leiter der Kriminologischen Forschungsgruppe im LKA erklärt, warum die Dunkelfeld-Forschung so wichtig ist und was Menschen machen sollen, die einen Brief bekommen mit der Aufforderung, an der Befragung teilzunehmen. Die Briefe finden ausgewählte Bürger am 13. November in ihrer Post. Verschickt werden sie vom Umfrage-Institut Infas (Institut für angewandte Sozialwissenschaft), mit dem das BKA zusammenarbeitet.

Herr Luff, warum gehen Sie davon aus, dass Menschen jetzt an einer Befragung teilnehmen, wenn sie sich dagegen entschieden haben, Anzeige zu erstatten?

Ein großer Unterschied ist, dass die Befragung anonym und zu rein wissenschaftlichen Zwecken ist. Das heißt, es hat auch keinerlei Konsequenzen, wenn jemand bei dieser Befragung mitmacht – im Gegensatz zu einer Anzeigenerstattung. Oft haben Menschen ja Angst, wenn sie beispielsweise die Täter kennen, oder meinen, dass ihnen bei der Polizei oder am Gericht niemand glaubt.

Sprechen Sie von häuslicher Gewalt?

Ja, auch. Häusliche Gewalt ist sicher einer der Bereiche, in dem das Dunkelfeld am größten ist. Zahlen haben wir ja keine, aber wir vermuten, dass auf einen Fall im Hellfeld – also einen, der angezeigt worden ist – über 50 Fälle im Dunkelfeld kommen. Ähnlich hoch ist es wahrscheinlich bei Computerkriminalität. Viele schämen sich, dass sie auf einen Betrug hereingefallen sind, und versuchen, dies zu verheimlichen, und sollte der Rechner kaputt sein, diesen selbst zu reparieren.

Gibt es auch Bereiche, in denen es kein Dunkelfeld gibt?

Es gibt zumindest Straftaten, bei denen es fast keines gibt. Das betrifft alle Delikte, bei denen Opfer den Schaden von einer Versicherung erstattet bekommen wollen. Denn dazu brauchen sie das Aktenzeichen der Anzeige bei der Polizei. Beispiele dafür sind Wohnungseinbrüche oder Diebstähle von Autos.

Warum wollen Wissenschaftler wie Sie überhaupt etwas über das Dunkelfeld wissen?

Weil ein großes Thema für die Polizei auch die Prävention ist. Die Beamten sind ja auch für die Gefahrenabwehr zuständig. Das heißt, je genauer wir über jeweilige Dunkelfelder Bescheid wissen, desto mehr können wir dafür tun, Straftaten zu verhindern oder Opfern besser zu helfen. Beispiel häusliche Gewalt: Man könnte mit einem entsprechenden Ergebnis einen Fokus darauf legen und beispielsweise Personal umschichten. So können Frauen besser geschützt und mehr Hilfsangebote geschaffen werden. Kurz zusammengefasst wollen wir näher an die Kriminalitätswirklichkeit herankommen. Die Opferbefragungen sollen die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) ergänzen, die ja ausschließlich das Hellfeld abbildet.

Ändert sich das Verhältnis von Hell- und Dunkelfeld auch?

Ja, davon gehen wir aus. Um diese Änderungen besser nachvollziehen zu können, sollen derartige Befragungen künftig auch alle zwei Jahre stattfinden. Ein Bereich, in dem es sicher früher ein größeres Dunkelfeld als heute gab, sind Schlägereien. Früher hieß es ja gerne mal: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Heute ist die Bevölkerung sensibilisiert und holt bei Prügeleien die Polizei.

Welche Fragen sollen die ausgewählten Bürger zum Beispiel beantworten?

Neben den Erfahrungen mit Kriminalität geht es auch um das Sicherheitsgefühl und die Bewertung der Polizei. So sollen auch Angaben gemacht werden, ob man beispielsweise der Meinung ist, dass die Beamten Deutsche und Ausländer gleich und Menschen im Allgemeinen mit Respekt behandeln.

Wie viele Menschen werden jetzt aufgefordert, an der Befragung teilzunehmen?

In Bayern sind es 4500 Menschen. Bei der zufälligen Auswahl wird unter anderem darauf geachtet, dass jede Altersgruppe sowie Frauen und Männer in ausgewogenem Maß vertreten sind.

Muss ich an der Umfrage teilnehmen, wenn ich einen Brief bekommen?

Nein, aber es ist natürlich wünschenswert, dass möglichst viele Menschen teilnehmen. Sonst geben die Ergebnisse ein sehr verzerrtes Bild wieder. Mitmachen sollen natürlich auch diejenigen, die keine Erfahrungen mit Straftaten gemacht haben.

Wo kann man das Ergebnis der Befragung nachlesen?

Die Kriminologische Forschungsgruppe wird die Daten für Bayern auswerten. Diese werden der Öffentlichkeit in einem Buch und im Internet zur Verfügung gestellt. Für ganz Deutschland sind die Ergebnisse auf der Homepage des BKA nachzulesen.

Das Gespräch führte Stefanie Wegele

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