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Olympia 2018 - der Countdown läuft

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München - Noch 100 Tage - dann steht fest, ob München die Winterspiele 2018 bekommt oder nicht. Längst läuft der Kampf um die Gunst der IOC-Mitglieder auf Hochtouren. Deren Abstimmung aber ist noch unberechenbarer als die Papst-Wahl.

Das International Convention Centre (ICC) im südafrikanischen Durban war schon oft Schauplatz wichtiger, manchmal nicht ganz so wichtiger Veranstaltungen. Königin Elizabeth II gab sich hier 1999 bei einem Treffen der Regierungschefs der Commonwealth-Staaten die Ehre. Vergangene Woche spielte der Geiger André Rieu auf. Die Lage des Kongresszentrums an der Bram Fischer Road lädt ja auch ein: Zum Indischen Ozean sind es nur ein paar Häuserblocks.

Am 6. Juli, also in 100 Tagen, wird Deutschland via TV Einblick in das Innere des ICC erhalten, wenn hier das Internationale Olympische Komitee (IOC) im Winter der Südhalbkugel seine 123. Session abhält. Auf der Mitgliederversammlung wird nämlich auch entschieden, wo 2018 die Winterspiele stattfinden. Voraussichtlich 105 IOC-Mitglieder werden im ersten Wahlgang zwischen 15 und 16 Uhr per Fernbedienung geheim abstimmen. Gegen 17 Uhr wird IOC-Präsident Jacques Rogge das Ergebnis verkünden.

Rein rechnerisch sind die Chancen für jeden Kandidaten besser als sonst. Denn mit München, dem südkoreanischen Pyeongchang und Annecy in Frankreich gibt es so wenige Kandidaten wie schon lange nicht mehr. Wie die Chancen tatsächlich stehen, weiß kein Mensch. Derzeit jedenfalls spricht einiges für Pyeongchang. Die Südkoreaner bewerben sich bereits zum dritten Mal. Sie haben das kompakteste Sportstättenkonzept, den größten Bewerbungsetat und mit 93 Prozent die höchsten Zustimmungswerte der Bevölkerung. Über die für München ermittelten 61 Prozent würde bei Wahlen hierzulande zwar jeder Politiker jubeln, ob sie dem IOC reichen, ist jedoch fraglich. Dafür gilt Deutschland als Wintersportnation, der man zutraut, Winterspiele solide zu veranstalten.

Die Meinungsbildung bei den IOC-Mitgliedern sei ein „undurchschaubarer Prozess“, meint Jochen Färber, der Sprecher der Münchner Bewerbungsgesellschaft. Man müsse sich da „auf jeden einzelnen Charakter einstellen“. Die Gespräche laufen bei Veranstaltungen dezent im Hintergrund - derzeit bei der Generalversammlung der Nationalen Olympischen Komitees in der Südsee. Neben der Bewerbungsgesellschaft mit Frontfrau Katarina Witt gibt es für die Werbearbeit die „International Germans“, Sportfunktionäre mit guten Kontakten. Klaus Schormann, Präsident des Verbands für Modernen Fünfkampf, ist einer von ihnen. Auch Michael Schultz-Tholen vom Welt-Polo-Verband gehört dazu. „Die Münchner Bewerbung ist exzellent - absolut olympiawürdig“, trommelt Schultz-Tholen. Favorit sei trotzdem Pyeongchang. „Aber es gewinnt auch nicht immer der Favorit.“

Denn die Interessenlagen der IOC-Mitglieder sind vielschichtig. Neben persönlichen Präferenzen spielt auch die Qualität der Bewerbung eine Rolle. Erst kürzlich hatte die Evaluierungskommission des IOC alle drei Bewerberstädte besucht. Am 10. Mai wird ihr Bericht veröffentlicht. Doch eine gute Note bedeutet nicht, dass man auch gewinnt. Chicago, Bewerberstadt für die Sommerspiele 2016, schnitt bei der Evaluierung gut ab, flog dann aber mit nur 18 von 94 Stimmen im ersten Wahlgang raus.

Der technischen Präsentation vor dem IOC am 18. und 19. Mai in Lausanne wird eine weit größere Bedeutung zugesagt als dem Bericht der Kommission. Nicht zuletzt deshalb, weil in der Schweiz viele IOC-Mitglieder anwesend sein werden.

Er glaube, dass am 6. Juli vor allem geopolitisch abgestimmt werde, sagt Sportfunktionär Schultz-Tholen. Der asiatische Block mit 22 Vertretern sei wohl großteils für Pyeongchang. „Sie bündeln gerade ihre Kräfte.“ Doch selbst wenn dies gelingt, würde es zunächst nicht für eine Mehrheit reichen. Die Frage wird deshalb sein: Wie viele Stimmen bekommt Pyeongchang von Vertreten anderer Kontinente - etwa von den 16 Afrikanern und vor allem von den 42 Europäern? Gerade dann, wenn im zweiten Wahlgang noch München und Pyeongchang übrig sein sollten. Denn Annecy gilt als Außenseiter.

Die Lage ist undurchsichtig. Vieles hängt wohl an dem ungeschriebenen Gesetz, dass jeder Kontinent mal Spiele veranstalten darf. Paris und Rom liebäugeln mit den Sommerspielen 2020. Franzosen und Italiener könnten deshalb Interesse daran haben, dass zwei Jahre zuvor keine Winterspiele in Europa stattfinden. Stimmen sie deshalb für Pyeongchang, um die eigenen Chancen zu wahren? Ähnlich könnten es die zahlreichen Schweizer im IOC sehen, sollte sich der kleine Nachbar tatsächlich um Winterspiele 2022 bewerben wollen. Auch in Sankt Moritz wird dies überlegt.

Der Kampf um Stimmen im IOC wird bis kurz vor der Abstimmung am 6. Juli geführt werden. Dass die Tage davor entscheidend sein können, zeigt die jüngere Vergangenheit. Dem früheren Leichtathleten und Bewerbungschef von London 2012, Sebastian Coe, wird nachgesagt, er habe 2005 auf der IOC-Session in Singapur zusammen mit dem damaligen Premier Tony Blair eifrig bei den IOC-Mitgliedern geworben - und so das Rennen zugunsten Londons gedreht.

Es ging knapp aus: London bekam 54 Stimmen, Paris 50. Am Ende aber wollten alle bei den Siegern sein. Coe berichtete, er habe nach der Wahl kein einziges IOC-Mitglied getroffen, das nicht für London gestimmt haben wollte.

Matthias Kristlbauer

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