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Einer von ihnen hätte das Drama verhindern können

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Noch einmal zurück in München, 40 Jahre danach: Dan Alon, Zelig Shtorch, Henry Hershkovitz, Avraham Melamed, Gad Tsabary, Paul Ladany (v.l.). © Kurzendörfer

München - Das Attentat war der Einschnitt in die heiteren Spiele. Elf Sportler aus Israel wurden getötet, es gab jedoch auch welche, die unversehrt blieben. Was wurde aus ihnen, war für sie Sport nach München noch möglich?

Zelig Shtorch, der heute ein dicklicher älterer Herr ist, der keine großen Worte macht, hätte die Geschichte verändern können. Die des 5. September und die Olympias.

Es hätte weniger Tote gegeben beim palästinensischen Terrorüberfall auf die israelische Mannschaft und kein Desaster von Fürstenfeldbruck; die Sache wäre wohl noch im Olympischen Dorf beendet worden. Glücklicher.

Zelig Shtorch, Sportschütze in der Disziplin „Kleinkaliber liegend“, wo er unter 101 Teilnehmern 57. geworden war, war einige Zeit auch in dem Raum, in dem sich das Geiseldrama in der Connollystraße 31 zutrug. Doch die Attentäter bemerkten ihn nicht, Zelig Shtorch stand hinter einem Vorhang. Und: Er hatte seine Wettkampfwaffe in der Hand.

„Der Anführer der Terroristen stand fünf bis sieben Meter von mir entfernt“, erzählt Shtorch, „ich hätte ihn erschießen können“. Technisch wäre es kein Problem gewesen, Sportschützen sind präzise, sie treffen auf viele Meter zentimetergenau.

„Doch ich wusste nicht“, beschreibt Shtorch die Diskussion, die er mit sich selbst führte, „wie der Stand der Dinge war. Ich wusste nur, dass es Kontakt gab zwischen den Terroristen und Vertretern des Olympischen Dorfs.“ Vielleicht, so musste er berücksichtigen, war man auf dem Weg zu einer Lösung, zu einer unblutigen – und mit einem tödlichen Schuss auf einen Palästinenser hätte er mehr angerichtet als Gutes vollbracht. Zelig Shtorch konnte die Verantwortung nicht übernehmen. Er war der Letzte, der fliehen konnte.

Er hat die Geschichte über seine Situation am 5. September ’72 lange für sich behalten. Erst 1996, als er anfing, als Reiseleiter zu arbeiten, hat er begonnen, sie zu erzählen. Zwei-, dreimal im Jahr führt er eine israelische Touristengruppe nach Deutschland, zum Besuchsprogramm gehört die Connollystraße 31 in München – und vor diesem Haus berichtet Shtorch, was er damals erlebt hat. Doch das war eine Information für wenige, sie hat nie die Runde gemacht. Einer größeren Öffentlichkeit hat Zelig Shtorch das von dem Schuss, der möglich gewesen wäre, erst im Jahr 2012 mitgeteilt. Der deutsche Pay-TV-Sender Sky mit seiner Plattform „The Biography Channel“ profilierte sich mit einer aufwendigen Dokumentation über die Überlebenden von München 1972, „Der elfte Tag“ heißt der Film.

Er widmet sich denen, die flüchteten, als die Palästinenser eindrangen in die israelischen Apartments. Am 6. September flogen sie nach Hause, an Bord hatten sie die Särge der Opfer. Israel hat die Toten betrauert – und die, die davongekommen waren, nicht beachtet. Eher waren sie geächtet. Weil sie nicht gekämpft, die Kameraden nicht beschützt hatten. „40 Jahre“, sagt Regisseur Emanuel Rotstein, „hat keiner gefragt, wie sie sich fühlen“.

Sie hatten damals im richtigen Apartment gewohnt, dem zweiten (der Angriff erfolgte aufs erste). Oder sie waren aus dem Fenster gesprungen und davongelaufen wie der Ringer Gad Tsabary, der noch am Vormittag das Fernsehstudio aufsuchte und ein Interview gab. Zu Tsabary hatte eine der Witwen schon bei der Ankunft am Flughafen gesagt: „Ich hasse dich dafür, dass du lebst.“

Sie alle erleben den 5. September immer wieder in ihren Träumen, „sie kommen immer noch regelmäßig“, sagt Zelig Shtorch. Aus heutiger Sicht finden es alle ganz in Ordnung, dass IOC-Präsident Avery Brundage den Satz „The Games Must Go On“ sprach, sie folgen der Argumentation, dass man Terroristen nicht die Gewalt zuerkennen solle, ein weltweit beachtetes Sportereignis zu beenden. Doch nicht alle waren nach München in der Lage, in den Sport zurückzukehren.

Dan Alon war Fechter, ein sehr stolzer, „denn Fechten ist eine jüdische Sportart“, sagt er. „Aber ich konnte nach 1972 das Florett nicht mehr anrühren“. Gad Tsabary, der in der Klasse bis 48 kg gerungen hatte (was hätte er schon ausrichten können gegen bewaffnete Gegner, die zündbereit Handgranaten bereit hielten?) hörte sofort auf, er war traumatisiert. Schwimmer Avram Melamed startete noch ein Jahr für sein College in den USA, wurde danach nebenbei Trainer. Zelig Shtorch, der Schweiger, blieb beim Schießen, startete bis 1983 international für Israel. Fechter Yehuda Weinstein, mit 17 der jüngste im Team, trat mit 18 vom Leistungssport zurück und in die Armee ein. Er gab danach noch ein kurzes Comeback, mit 26 war Schluss. Professor Shaul Paul Ladany hingegen blieb im Sport, er wurde ein Leichtathletik-Phänomen, 2006 war er der erste 70-Jährige, der 100 Meilen ging – in 21:45 Stunden.

Opfer der palästinensischen Terroristen waren ausschließlich Männer. Israel hatte auch Frauen in seiner Olympia-Mannschaft, doch das Olympische Dorf war 1972 strikt nach Geschlechtern getrennt, die Athletinnen nicht direkt betroffen vom Anschlag.

Doch Esther Shachamorow, die später heiratete und seitdem Esther Roth heißt, litt mit. Sie war aus israelischer Sicht der Star der Spiele von München. Sie war 100 m-Hürden-Spezialistin, ihr Land bejubelte den als Sensation empfundenen Einzug ins Halbfinale. Es war für den 6. September angesetzt, der 5. September war Ruhetag in der Leichtathletik.

Esther Shachamorow wurde am Morgen des 5. aus dem Bett geholt, über die Geiselnahme im Männer-Dorf informiert. Bald erfuhr sie: Ihr Trainer Amizur Shapira war einer der Gefangenen. Sie und ihre Sportlerkolleginnen wurden im Dorf in einen sicheren Raum gebracht, Esther Shachamorow ging davon aus, dass alles gut werden und sie am nächsten Tag ihr Halbfinale laufen würde. Man gab ihr Tabletten, damit sie Schlaf fände. „Ich habe die ganze Nacht wild geträumt, dass ich gut laufe – für meinen Trainer.“ Am Morgen des 6. September erfuhr sie, dass alle Geiseln tot waren, auch ihr Trainer. „Und da war es kein Thema mehr, dass ich laufe, sondern dass wir nach Hause fahren.“ Sie erhielt zuvor aber noch Besuch von Heide Rosendahl. Esther Shachamorow hatte bei der Deutschen in Leverkusen trainiert, öfter waren sie gegeneinander Hürden gelaufen.

„Ich konnte mir nicht vorstellen, nach dem Attentat noch Sport zu machen“, sagte Heide Rosendahl. Sie startete dann aber doch, „weil es unsere Art war, zu kämpfen. Das hat uns geholfen.“

Esther Roth hatte das Gefühl, sie müsse eine Geschichte zu Ende bringen. Sie war ja erst 20. Sie trat 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal an, wo sie als erste israelische Sportlerin ein Finale erreichte. Das über 100 m Hürden. Sie hatte die Wünsche ihres Trainers erfüllt.

Günter Klein

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