Die Mariensäule ab dem Jahr 2018 Karikatur: Tomicek

Olympia-Vertrag: München im Griff des IOC

München - Wer Olympische Spiele will, muss sich dem Willen des IOC beugen. Nichts zeigt dies besser als der „Host City Contract“ - der Vertrag für die Gastgeberstadt, der seit kurzem in München vorliegt. Manch Jurist nennt die Vorgaben sittenwidrig.

Durban, am 6. Juli 2011: Soeben hat der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, in der südafrikanischen Stadt verkündet, dass die Winterspiele 2018 in München stattfinden. Die Offiziellen aus Bayern jubeln. Kurz darauf wird Oberbürgermeister Christian Ude in einen Nebenraum gebeten, um seine Unterschrift unter den „Host City“-Vertrag zu setzen. Damit wäre das olympische Bündnis zwischen dem IOC und der Landeshauptstadt sowie den Partnergemeinden Garmisch-Partenkirchen und Schönau am Königssee besiegelt. Doch noch ist das Zukunftsmusik.

Den bewussten Vertrag aber gibt es schon. Vor wenigen Tagen schickte ihn das IOC aus Lausanne an die Isar. Während in Garmisch Politiker um jeden Quadratmeter Land für ein Olympisches Dorf rangeln, wird das umfangreiche Regelwerk von Englisch auf Deutsch übersetzt. Danach machen sich die Rathaus-Juristen daran, den „Host City Contract“ rechtlich zu würdigen. Schließlich soll am 6. Oktober der Stadtrat über die Details der Bewerbung entscheiden.

Ob es ein Kontrakt auf Augenhöhe ist, darf schon jetzt bezweifelt werden. Vor vier Jahren nahmen Juristen des Landes Salzburg den damals 63 Seiten dicken Vertrag auseinander, weil sich die Mozart-Stadt um die Winterspiele 2014 beworben hatte. Das Urteil war deutlich: Die Rechte liegen meist beim IOC, die Pflichten bei der Stadt. Es bestehe wenig Zweifel daran, dass nach österreichischem Zivilrecht eine „derartige Ansammlung von Einseitigkeiten zur Nichtigkeit einer solchen Vereinbarung wegen Verstoßes gegen die guten Sitten . . . führen würde“.

Es geht in dem Kontrakt um Verantwortung, um Exklusivrechte und letztlich immer ums Geld. Noch etwa weiß die Münchner Bewerbungsgesellschaft nicht, wie hoch der Zuschuss des IOC für die Organisation der Spiele ist. Es könnten um die 500 Millionen US-Dollar sein. Eine Sicherheit aber gibt es nicht. Der Anteil, den Lausanne an Einnahmen aus Marketing und Fernsehrechten dem Organisationskomitee zur Verfügung stellt, „liegt im alleinigen Ermessen des IOC“, heißt es im Vertrag für die Spiele 2014 - und wird es auch 2018 heißen. Sollte der Geldfluss, zum Beispiel wegen einer Wirtschaftskrise, versiegen, müssten sich die Münchner überlegen, wo das Geld dann herkommt. Zudem darf das IOC seine Zuweisungen um bis zu 25 Prozent kürzen, sollte die Stadt nicht alle Verpflichtungen erfüllen.

Auch in puncto Steuern bedingt sich das IOC Sonderrechte aus - es will nämlich keine zahlen. Das sollen die Stadt und das Organisationskomitee übernehmen. „Das IOC ist nicht arm. Warum muss man es von der Steuer freistellen?“, fragt Ludwig Hartmann, Landtagsabgeordneter der Grünen und Olympiakritiker.

Oder die Werbung. Für keine Sportstätte und keinen wichtigen Verkehrsweg darf ein Werbevertrag vorliegen, der mit Sponsor-Vereinbarungen des IOC in Konflikt geraten könnte. Alte Rechte müsste das Organisationskomitee für die Dauer der Spiele unter Umständen teuer ablösen. Auch der Bereich, den Fernsehkameras erfassen, muss von Werbung befreit werden. Insider fragen sich, ob dann auch das BMW-Logo am Vierzylinder-Hochhaus abgehängt werden müsste, weil es bei Luftaufnahmen am Olympiapark ins Fernsehbild geraten könnte.

Ein schmerzlicher Punkt für die Stadt ist auch, dass sie bei Olympia einen Teil ihrer Hoheit aufgeben müsste. Veränderungen beim Bau der Sportstätten oder des Olympischen Dorfes müssten nämlich erst vom IOC abgesegnet werden. Nicht zuletzt darf das IOC der Stadt die Spiele entziehen, also den Vertrag einseitig beenden. Für diesen Fall muss die Stadt von vornherein zusichern, auf Entschädigung oder Schadenersatz zu verzichten.

Verhandelbar ist der „Host City Contract“ indes nicht. Selbst Münchens OB Ude nannte die Vorgaben des IOC schon eine „Zumutung“. Allerdings, so Ude, habe die Stadt keine andere Wahl, als die Bedingungen zu akzeptieren.

Beim München-Besuch vor wenigen Tagen gewährte unterdessen IOC-Präsident Rogge einem kleinen Kreis Einblick in seine Sicht der Dinge. Dem Vernehmen nach verglich er die Spiele mit einem kleinen Kind. Wenn man dieses in die Obhut anderer gebe, so Rogge, wolle man es doch auch gut abgesichert wissen.

Matthias Kristlbauer

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