1. Startseite
  2. Lokales
  3. München
  4. Stadt München

Zwei Wochen, drei Dating-Portale – ein Selbstversuch

Erstellt:

Kommentare

null
Kann man der großen Liebe im Internet über den Weg laufen? Luca von Prittwitz hat den Versuch gewagt und 14 Tage lang gechattet und geflirtet. © Marcus Schlaf

München - Wie geht Liebe in Zeiten des Internets? Unsere Autorin ist 21 und Single. Sie hat sich bei drei Dating-Portalen registriert und in zwei Wochen 2200 Flirt-Anfragen bekommen, darunter viele schmutzige Angebote. Aber sie hat auch tolle Menschen kennengelernt. So viele und so schnell wie nie zuvor.

Mit jeder weiteren Nachricht, die auf dem Handy-Bildschirm aufflackert, werden meine Augen größer. Mein Handy brummt und hört nicht mehr auf. Keine Ahnung, womit ich gerechnet hatte – jedenfalls nicht damit.

Vor zehn Minuten habe ich mich beim ersten Dating-Portal angemeldet, das ich testen will – es heißt Parship – und mein Handy droht schon jetzt, sich in den Smartphone-Himmel zu verabschieden. Die Parship-App stürzt ab, immer wieder. Ich ahne noch nicht, wie überfordert auch ich bald von den Anfragen der jungen Männer sein werde, von denen viele auf der Suche nach der großen Liebe sind. Mehr als dreißig Anfragen erreichen mich innerhalb der ersten zwölf Stunden. Einer schreibt: „Hallo Unbekannte, wie geht es dir denn so? Hast du Lust, sich gegenseitig näher kennenzulernen?“ Ein Bäckermeister schreibt: „Nun habe ich ein Problem: Ich finde dich sympathisch.“ Ein anderer schreibt: „Huhu, ich weiß nie so recht, was ich schreiben soll, wenn ich mal nen Mädel interessant finde.“ Ich fühle mich wie eine Semmel, über die sich ein Schwarm Möwen hermacht.

Dabei bin ich es vorsichtig angegangen: Ich habe zwei Tage gewartet, bis ich ein Profilbild hochgeladen habe. Auf meinem Profil ist außerdem kaum mehr zu erfahren als mein Alter, mein Beruf, dass ich Nichtraucherin bin, eine Katze habe und es hasse, wenn Männer mich bedrängen. Dass ich daraufhin die Flucht ergreife. Und dass es schwer ist, mich dann wieder einzufangen. Ich stelle fest, eine dümmere Vorlage hätte ich nicht geben können: „Ich hoffe ich bedränge dich jetzt nicht, weil ich kein Lasso da habe, um dich wieder einzufangen“, witzelt ein 21-jähriger Student, und ich bekomme ein schlechtes Gewissen. So viele Männer hier, die verzweifelt versuchen originell zu sein, um sich damit einen Vorteil zu verschaffen.

Ein Einzelhandelskaufmann sagt mir, dass ich vor ihm keine Angst haben muss, weil er weder Macho noch aufdringlich ist. Um den Gentleman in ihm zu unterstreichen, legt er nach: „Ich hasse diese Typen, sind einfach zurückgeblieben.“ Ein 20-jähriger Großhandelskaufmann versucht es mit einem Kompliment. Dass ich auf meinem Profilbild super schön aussehe, säuselt er. Das ist interessant: Er sieht mein Foto gar nicht richtig.

Bei Parship sind Profilfotos grundsätzlich stark verschwommen, damit die Benutzer anonym bleiben. So lange eben, bis man sich dazu entscheidet, die Bilder freizugeben. Aber hier wird alles angeflirtet, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Dabei geht es bei Parship noch gesittet zu. Kein Vergleich zu Lovoo oder Tinder, aber dazu kommen wir gleich.

Parship verspricht vier Mal mehr Anfragen, wenn man ein Foto hochlädt. Denn mit dem Foto steht und fällt alles. Und deshalb ist der einzige Typ, den ich auf Parship interessant finde, einer, dessen Profilbild sympathisch und von auffallend guter Qualität ist. Er ist 28, schwarzhaarig, hat dunkle Augen und ein nettes Lächeln. Dabei ist er gar nicht der Typ, bei dessen Anblick ich auf dem Gehweg gegen die Laterne laufen würde. (Nicht, dass das je passiert wäre.)

Eine knappe Woche später habe ich ein Date mit ihm: Wir treffen uns in einem Biergarten in München, unterhalten uns über Internet-Dating. Er erzählt mir, dass er sich auf einer Dating-Plattform mal als Frau ausgegeben hat. Versuchsweise. Seitdem, sagt er, sei er froh, dass er ein Mann ist. Und dann erzählt er mir noch, dass er den Frauen ein Bier Zeit gibt, um ihn zu überzeugen. Wer ihn nach zehn Minuten nicht verzaubert, wird eliminiert. Denn die Auswahl auf den Portalen scheint gigantisch. Nachschub ist immer garantiert. Wir quatschen vier Stunden. Ich finde ihn nett, aber nicht mehr. Ich habe es weder auf eine Beziehung noch auf ein Techtelmechtel abgesehen. Sondern auf eine gute Zeit. Und die kann man mit vielen Männern auch auf einer rein freundschaftlichen Basis haben. Aber das sehen viele Männer auf Parship anders. Wer hier herkommt, sucht was Festes.

Als ich nach dem Date mein Handy wieder einschalte, geht der Liebes-Wahnsinn weiter: In den letzten paar Stunden hat mir bestimmt ein halbes Dutzend Männer ein Smiley geschickt. Ich merke, dass meine Mundwinkel nach oben wandern. Ein ganz neues Gefühl macht sich in mir breit. Hat man eine Phase, in der man sich in der eigenen Haut nicht wohl fühlt, reicht es, sich – mit einem guten Foto – auf Datingportalen anzumelden. Schon wird das Selbstbewusstsein von allen Seiten gefüttert.

Die einzige Gefahr dabei: Man kann sich überfressen, und dann verwandelt sich das Sättegefühl ganz flott in Überheblichkeit. Man fühlt sich schnell als was Besonderes. Als die begehrteste Frau im Land. Gerade weil man nicht weiß, wie es den anderen Frauen ergeht. Vermutlich werden deren Postfächer ja auch mit Turteleien geflutet.

Als nächstes schreibe ich dem Mann, den Parship für meinen perfekten Partner hält. Mit Abstand. Das Dating-Portal vergibt Übereinstimmungspunkte. Ab 100 wird’s angeblich vielversprechend. Ein 23-jähriger IT-Systemkaufmann mit dunklen Haaren hat 125. „Sie beide haben das Zeug zum Traumpaar!“ schreibt Parship. Doof nur, dass er mir nicht antwortet. Mein Traummann interessiert sich nicht für mich. Schnell weg hier.

Ich melde mich bei Tinder an, eine verrufene Dating-App für das Handy. Tinder gilt als eine der oberflächlichsten Partnervermittlungen überhaupt. Freunde haben mich bereits gewarnt: „Pass auf, die wollen da alle nur das Eine.“ Tinder funktioniert so: Auf einer Art digitalem Bilderstapel wischt der Nutzer die Fotos der potentiellen Flirtpartner entweder nach links, wenn ihm die Person nicht gefällt. Oder nach rechts, wenn er sich für sie interessiert. Partnersuche im Super-Schnelldurchlauf. Wischt die andere Person auch nach rechts, ergibt das ein „Match“, einen Treffer. Tinder schaltet die Chatoption frei – man darf sich schreiben. Ich freu’ mich wie ein Kind über Zuckerwatte, als der erste Treffer auf meinem Bildschirm aufblitzt. „Ihr steht aufeinander“, verkündet die App. Mein erster Kontakt sieht dann so aus: „Na, Lust?“, schreibt ein 25-jähriger, blonder Schönling. Ich denke: Haha. Nicht dein Ernst. Ich stell’ mich dumm: „Lust auf was?“, frage ich. Na ja, immer noch möglich, dass er mit mir spazieren gehen will. Er antwortet: „Sex.“ Nicht einmal zu einem netten Smiley konnte er sich aufraffen.

Ich kann nicht mehr. Ich muss laut lachen. Ich sage ihm, dass es mehr braucht als drei Wörter und ein hübsches Gesicht, um mir Lust auf Sex zu machen. Er lässt sich lange Zeit mit einer Antwort. Ich glaube, er ist verdutzt. Doch dann schreibt er: „Hehe, ich denke mal, du suchst auch Sex hier?“ Unser Chat endet. Gut so. Aber eigentlich mag ich diese unkomplizierte Art auf Tinder, schnell sind die Gespräche, die ich mit den Jungs führe, bei der Frage: „Nach was suchst du eigentlich?“ Und wenn man sich da nicht einig ist, ist die Sache geklärt und keiner ist einem böse. Wer Sex sucht, findet hier Sex. Und wer gute Gespräche mit Wildfremden sucht, findet die auch. Inzwischen habe ich 27 Matches, regelmäßig schreibe ich zehn oder elf Männern. Getroffen habe ich mich mit drei Tinder-Dates. Alles gute Typen, mit denen ich mich auch öfter treffen würde. Aber verliebt habe ich mich nicht. Noch nicht.

Wirklich schockierend ist eine andere Dating-Plattform: Lovoo. Hier gibt es nichts, das es nicht gibt. Ältere Männer, die mich mit Geld locken. Gruppen, die sich mit mir im Hotel treffen wollen, richtig miese Anmach-Sprüche. Das Schlimme: Jeder, der die App hat, kann mich antexten. Ein Radar zeigt sogar, wie weit ich von meinen Verehrern entfernt bin. Innerhalb von zwei Wochen bekomme ich 2095 Flirt-Anfragen.

Fünf von ihnen gefallen mir, zu dem Rest fällt mir nichts ein. Ich bin erschöpft. Als mich dann jemand anschreibt und fragt, ob ich mit ihm durchbrennen will, muss ich grinsen. „Komm, wir lassen alles stehen und liegen. Du und ich gegen den Rest der Welt.“ Geantwortet habe ich ihm nie.

Luca von Prittwitz

Die drei getesteten Kontaktbörsen im Überblick

Parship: Die Online-Partnerbörse gehört zu den bekanntesten der deutschen Partner-Vermittlungen. Über 71 000 Singles sind laut Selbstbeschreibung täglich auf der Plattform aktiv, weltweit kommen wöchentlich 32 000 Neuanmeldungen hinzu. Um Mitglied zu werden, muss man mindestens 18 Jahre alt sein und rund 80 Fragen beantworten. Zum Beispiel, welche Hobbys man hat, wie man seinen eigenen Charakter einschätzt, wie sportlich man ist. Aber auch, ob man bei offenem Fenster schläft oder sich gesund ernährt. Aus diesen Fragen wird ein persönliches Profil erstellt, und es werden sofort Partner ermittelt, die zu einem passen könnten. Parship sagt selbst, dass 38 Prozent der Parship-Mitglieder den passenden Partner finden. Eine simple Mitgliedschaft ist kostenlos. Um allerdings potentiellen Partnern auch antworten zu können, braucht es eine Premium-Mitgliedschaft – diese kostet 29,90 Euro im Monat.

Tinder: Tinder ist eine Dating-App für das Smartphone. Wer mitmachen will, braucht ein Facebook-Profil. Zielgruppe sind Männer und Frauen zwischen 18 und 35 Jahren. Die App ermöglicht dem Nutzer innerhalb kürzester Zeit Personen in der Umgebung ausfindig zu machen. Möchte man nicht mit einer Person in Kontakt treten, wischt man auf einem Bilderstapel nach links über den Bildschirm. Die Chatoption wird erst freigeschalten, wenn beide nach rechts gewischt haben, also Interesse besteht. Grundsätzlich kostet die App nichts. Will man die letzte „Wisch-Geste“ rückgängig machen oder in einem bestimmten Umkreis suchen, kostet die App 4,99 Euro im Monat. Tinder wurde erst 2012 gegründet. Weltweit soll es schon 600 Millionen Nutzer geben. Nach eigenen Angaben (Stand Januar) hat Tinder mittlerweile zwei Millionen Nutzer in Deutschland.

Lovoo: Das Dating-Netzwerk hat weltweit mehr als 33 Millionen Nutzer. Lovoo gehört zu den erfolgreichsten sozialen Netzwerken weltweit. Anders als auf klassischen Dating-Portalen hat die App in erster Linie das Ziel, dass man Kontakte mit Menschen aus der Umgebung knüpfen kann. Auf einem „Live-Radar“ wird dafür mit GPS-Hilfe ermittelt, in welcher Richtung und wie weit voneinander entfernt sich die App-Nutzer befinden. Bei Lovoo zahlt man mit sogenannten „Credits“ – fünf bekommt man am Tag gratis. Um sehen zu können, wer das eigene Profil besucht hat, muss man allerdings bereits mit 25 Credits bezahlen. 550 Credits kosten 5,99 Euro. Eine VIP-Mitgliedschaft gibt es für 7,99 im Monat – dafür bekommt man 100 Credits pro Woche.

Auch interessant

Kommentare