Orthodoxe Rabbiner ordiniert: „Das ist ein Sieg über Hitler“

München - Zum ersten Mal seit 1945 hat die deutsche jüdische Gemeinschaft gestern orthodoxe Rabbiner in ihr Amt eingeführt. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble: ein historisches Ereignis.

Von Bettina Stuhlweissenburg

Nur zwei Kerzen und ein Blumengesteck schmücken das Rednerpult in der Münchner Hauptsynagoge – ein bescheidener Rahmen für einen bedeutenden Moment: Der 28-jährige Zsolt Balla und der 25-jährige Avraham Radbil werden ihr Leben künftig in den Dienst der jüdischen Gemeinschaft stellen. Sie sind die ersten orthodoxen Rabbiner, die wieder in Deutschland studieren konnten und hier ordiniert werden.

„Wenn allem Anfang ein Zauber innewohnt, dann ist heute ein zauberhafter Tag“, sagt Bundesinnenminister Schäuble (CDU) in seiner Festrede. „Dieser Tag ist ein historischer Moment für das Wiedererstehen jüdischer Gemeinden in Deutschland, ein unerhofftes Geschenk, mit dem wir sorgsam umgehen müssen.“ Außerdem sei es ein wichtiges Zeichen, dass die Ordination in München stattfinde, wo der Nazi-Terror einst begonnen hatte.

Während des Novemberpogroms 1938 hatten die Nazis alle deutschen Rabbinerseminare geschlossen. Die Handvoll Überlebender, die nach der Befreiung nach Deutschland zurückkehrte, war zu schwach, um neue Ausbildungsstätten zu errichten. Deshalb mussten angehende Rabbis bislang im Ausland studieren. Erst 2006 gründete der Zentralrat der Juden in Deutschland das Rabbinerseminar zu Berlin. Hier bereiteten sich Balla und Radbil drei Jahre lang auf ihr Amt vor – und nehmen in München ihre Rabbiner-Zertifikate entgegen: „So wie das jüdische Volk am Berg Sinai die Thora bekommen hat, so wird uns auch heute etwas übergeben“, sagt Radbil, der künftig in Köln wirken wird.

Anders als eine katholische Priesterordination ist eine Rabbinerordination keine Weihe. Denn Rabbis sind keine Geistlichen. Sondern Lehrer und Richter, die das jüdische Religionsgesetz besonders gut kennen. Sie beraten, prüfen, helfen und richten. Die Ordination, das ist ein festlicher Akt mit Ansprachen und Musik, aber kein Gottesdienst. Nur der Psalm, den Zsolt Balla singt, erinnert daran: „Bitte, Ewiger, ich bin Dein Diener, Dir will ich Dankopfer darbringen.“ Balla wird künftig in Leipzig wirken.

Mit der Ordination, sagt Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch, gehe die Renaissance des Judentums in Deutschland weiter. „Der Aderlass, den Hitlers Schergen unserem Volk zufügten, ging an die Wurzeln unserer Kraft. Denn mit den Menschen vernichteten die Nazis auch das kulturelle und geistige Leben des Judentums.“ Jetzt endlich kehre jüdische Religiosität zurück. Die Rabbinerordination sei deshalb „ein Sieg über Hitler“, der die Thora mit Füßen getreten habe - und das in ihr niedergeschriebene Gebot der Nächstenliebe. Kardinal Friedrich Wetter und Erzpriester Apostolos Malamoussis von der griechisch-orthodoxen Gemeinde nicken zustimmend. Die Amtseinführung der beiden Rabbiner zeige, sagt Knobloch, dass das jüdische Volk fortbestehe: „Die Geschichte hat uns einen schweren Kampf auferlegt. Doch so lange wir ergebene Diener der Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit bleiben, werden wir nicht nur fortbestehen als ältestes der lebenden Völker, sondern wie bisher Werte schaffen, die zur Veredelung der Menschheit beitragen.“

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