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Panne bei der Narkose: Auf OP-Tisch aufgewacht

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Narkosepanne bei einem Narkosearzt: Anästhesist Mark Weinert, heute 39 Jahre alt, ist vor fünf Jahren während einer Operation aufgewacht – und erlebte teilweise bei vollem Bewusstsein mit, was die Ärzte mit ihm machten. © fkn

München - Mark Weinert hat einen Albtraum durchlebt: Er wachte auf dem OP-Tisch auf, trotz Narkose. Und er bekam mit, wie ihm die Ärzte einen Tumor entfernten. Weinert war zeitweise bei vollem Bewusstsein – und er verstand gut, was da mit ihm geschah: Der Mann ist selbst Narkosearzt.

Als Mark Weinert aufwacht, ist um ihn herum alles schwarz. Er will die Augen öffnen, aber es geht nicht: Die OP-Schwestern haben sie ihm zugeklebt. Gemurmel dringt an sein Ohr, als käme es von weit her. Er kann sich nicht bewegen. Hilflos liegt er auf dem OP-Tisch eines Münchner Klinikums. Mark Weinert, 34, wird gerade operiert – und ist bei vollem Bewusstsein. Sein erster Gedanke: „Na toll. War ja klar, dass mir das passiert.“ Sein Beruf: Narkosearzt.

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Er will einatmen. Aber seine Lungen gehorchen ihm nicht. Kurz packt ihn Panik. „Ein unfähiges Gefühl“, wird er es später beschreiben. Den Schlauch, der in seinem Rachen steckt, spürt er nicht. Nur ein paar Sekunden verstreichen – eine Ewigkeit auf dem kalten Stahltisch. Da setzt das Beatmungsgerät ein, pumpt ihm Luft in die Lungen. Das beruhigt Weinert. „Ich muss ja gar nicht selbst atmen“, denkt er.

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Normalerweise steht Weinert selbst am Kopfende des OP-Tischs und überwacht die Werte seiner Patienten: Er ist ein Anästhesist, er sorgt für die Narkose. Deswegen begreift er sofort, was los ist: Die Narkose hat bei ihm nicht richtig gewirkt. Er erlebt gerade etwas, was er aus Büchern kennt: Er ist wach – trotz Anästhesie. Ärzte nennen das „intraoperative Wachheit“ oder „Awareness“. Immerhin: Weinert empfindet keinen Schmerz.

Nur sehr wenige empfinden Schmerzen

Aber er kann sich nicht bewegen. Er spürt, wie sein Körper für die Operation richtig gelagert wird. Sie wollen ihm einen Tumor unter dem rechten Ohr herausschneiden. Sein Gesicht ist mit Tüchern abgedeckt. Dennoch: Er ist entspannt. „Das kann auch an den Schmerzmitteln gelegen haben“, sagt er später. Oder am Propofol, einem Narkotikum, das Glücksgefühle auslösen kann. Zuviel davon ist tödlich: Michael Jackson starb an einer Überdosis Propofol. Wohl dosiert ist es aber ein bewährtes Mittel, um die Narkose sanft einzuleiten.

Was Mark Weinert passiert, geschieht in deutschen Operationssälen jeden Tag. Einer oder zwei Patienten von tausend, das zeigen Studien aus den USA und Skandinavien, wachen während einer Operation auf. Bei den zehn Millionen Narkosen pro Jahr in Deutschland sind das 10 000 bis 20 000 Fälle.

Doch kaum ein Patient mit intraoperativer Wachheit erlebt die OP so bewusst wie Mark Weinert. Die meisten erinnern sich, wenn überhaupt, an ein Gefühl der Lähmung – oder an ein paar Geräusche. Nur sehr wenige empfinden Schmerzen. Viel schlimmer ist für die meisten, dass sie sich hilflos fühlen, ausgeliefert, gefangen im eigenen Körper.

Der Medikamentenrausch macht gleichgültig

Anders Mark Weinert. Er fühlt sich, trotz allem, in guten Händen. Am OP-Tisch stehen Kollegen, die er beim Namen kennt. Mit einigen von ihnen hat er sogar mal zusammengearbeitet, damals als er ein Praktikum bei ihnen machte. Als er jetzt auf Station kam, kannten ihn die Ärzte und Schwestern den sportlichen Kollegen von früher noch. „Ich wusste, die sind gut“, sagt er später.

Aber noch haben die Kollegen nicht bemerkt, dass ihr Patient die Operation miterlebt. Kein Wunder: Es gibt keine sichere Methode, Awareness zu erkennen. „Die Anzeichen sind bei jedem Patienten sehr unterschiedlich“, sagt Professor Gerhard Schneider aus Wuppertal, ein Top-Experte auf dem Gebiet der intraoperativen Wachheit.

Steigt während der OP der Puls, kann das ein Hinweis darauf sein, dass die Narkose nicht richtig wirkt. Allerdings bekommen Patienten oft Medikamente, die gerade diese Reaktion blockieren – etwa Mittel, die die Muskeln entspannen, sogenannte Muskelrelaxanzien. Der Patient kann sich nicht bewegen. Wie Mark Weinert. „Drücken Sie mal meine Hand!“ Eine solche Aufforderung eines Arztes könnte er zwar hören. Doch drücken könnte er die Hand nicht. Der Medikamentenrausch macht gleichgültig.

Schwerverletzte, Drogenabhängige und ältere Patienten sind anfällig für das Aufwachen

Am Vorabend der OP ist Weinert noch aufgeregt. Er fürchtet, der Tumor unter dem rechten Ohr könnte bösartig sein. Das bringt sogar den sonst so ruhigen Mittdreißiger ein wenig aus der Fassung. Beim Vorgespräch schlägt er seinem Anästhesiekollegen vor, kein Narkosegas zu nehmen, sondern das Mittel in die Vene zu spritzen, „Totale Intravenöse Anästhesie“ heißt das, kurz: TIVA. Dabei kommt es seltener zu Übelkeit, allerdings öfter zu Awareness. Als der junge Kollege geht, überfallen Weinert Zweifel: „War das wirklich eine gute Idee?“

Als er an einem Februarmorgen in den OP gerollt wird, sind die Zweifel weg. Weinert ist ruhig, er ist zuversichtlich. Ein erhöhtes Risiko, während der Narkose aufzuwachen, besteht bei ihm nicht. Manche Patienten sind dafür anfälliger, etwa Frauen während eines Kaiserschnitts, Schwerverletzte, Drogenabhängige und ältere Patienten bei einem Eingriff am Herzen. Die Anästhesisten halten bei ihnen die Narkose so flach wie möglich, um das Herzkreislaufsystem nicht zu stark zu belasten. Das birgt das Risiko des Aufwachens. „Bei solchen Hochrisikopatienten ist es besonders wichtig, das Bewusstsein zu überwachen“, sagt Schneider.

Auch Patienten ohne erhöhtes Risiko können aufwachen – aber das passiert selten. „Oft ist es ein technisches Problem, das die Wachheit auslöst“, sagt Professor Eberhard Kochs, Leiter der Anästhesiologie des Klinikums rechts der Isar. Das Thema treibt ihn um, er hält Vorträge darüber, schreibt Bücher – seit über zwanzig Jahren. „Schläuche können abknicken oder verstopfen“, sagt er lapidar. Die Infusionsnadeln können sich unbemerkt lösen. Manchmal ist einfach die Spritzenpumpe leer, die das Narkosemittel automatisch in den Körper pumpt.

Der Chirurg sieht sein Nicken – und ignoriert es

So war es wohl auch bei Mark Weinert. Er bekam zwar ausreichend Schmerz-, aber nicht genug Betäubungsmittel. Er wacht daher auf, immer wieder. Wie viel Zeit dazwischen verstreicht, weiß er nicht. „Das war schwer zuzuordnen“, sagt Weinert. Auf dem Tisch versucht er, seine Hände zu bewegen. Nichts. Sein Körper gehorcht ihm nicht. Er schläft ein, wacht wieder auf. Wieder will sich die linke Hand nicht rühren. Er versucht es mit der rechten – und schafft es: Der Daumen bewegt sich. Aber niemand sieht es. Denn Tücher verdecken die Hand.

Im Dämmerschlaf hört er den Chirurgen sagen: „Schnitt.“ Mark Weinert spürt, wie ihm am rechten Ohr etwas entlangfährt. „Es fühlte sich an wie ein Bleistift. Ich dachte, sie zeichnen den Einschnitt vor“, sagt er. Doch es ist das Skalpell. Dann ein Piksen im Gesicht. „Das ist wohl die Lokalanästhesie“, denkt er. Die Ärzte betäuben ihm die Wange, wo sie ihm den abgetrennten Hautlappen festnähen. Das ist einfacher, als ihn drei Stunden lang wegzuhalten. So lange dauert die OP.

Mark Weinert weiß, dass die Muskel-Entspanner bald nicht mehr wirken. Die Ärzte suchen seinen Gesichtsnerv, um ihn beim Entfernen des Tumors nicht zu beschädigen. Sie leiten Strom in seinen Körper, um den Muskel zucken zu lassen. Das geht nur, wenn er nicht durch Medikamente lahmgelegt ist. „Da ist er“, hört Mark Weinert jemanden sagen. Er spürt, wie sein Gesicht zuckt. „Da wusste ich, dass ich mich wieder bewegen kann.“ Er ist erleichtert, dass die Ärzte den Nerv gefunden haben. Endlich schafft er es, zweimal zu nicken. Der Chirurg sieht es – und ignoriert es. Er sagt dem Anästhesisten nicht, dass sein Patient sich gerade bewegt hat. Die OP läuft weiter, als wäre nichts geschehen.

Plötzlich wird es sehr hell

Der Mann am Kopfende konzentriert sich auf die Werte am Monitor. Dort, wo Weinert normalerweise steht. Um genau so eine Situation zu verhindern, gibt Weinert selbst Kurse. Er bringt unter anderem Ärzten bei, in Stresssituationen richtig zu reagieren. Und dass es vor allem darauf ankommt, mit seinen Kollegen zu reden. Doch im OP herrscht Schweigen.

Mark Weinert dämmert wieder weg. Irgendwann, wohl nach einer halben Stunde, fällt dem Anästhesisten auf, dass Weinerts Blutdruck recht hoch ist. Er vermutet Awareness, endlich. Und er gibt seinem Patienten mehr Narkosemittel. Hätte er das früher bemerken müssen? Einige Anästhesisten benutzen zusätzlich ein EEG: Sie messen Hirnströme. Der Nutzen ist allerdings umstritten. Anästhesie-Experte Kochs sagt: „Auch das EEG bietet keine hundertprozentige Sicherheit. Es ist nur eine Zusatzinformation.“ Der Anästhesist müsse sich aber auf seine Erfahrung verlassen. „Auch wenn die nicht immer schützt“, sagt Kochs und zuckt mit den Schultern.

Plötzlich wird es sehr hell. Mark Weinert war wieder weggedämmert. Die Oberärztin leuchtet ihm mit der OP-Lampe ins Gesicht. Jemand ruft seinen Namen. Antworten kann er nicht, weil er noch intubiert ist. Er schafft es zu nicken. Er merkt, wie man ihn vom OP-Tisch auf ein Bett hievt, nicht aber, wie ihm der Schlauch aus dem Hals gezogen wird.

Mark Weinert ist nicht traumatisiert

Kaum ist er auf Station in seinem Zimmer, geht die Tür auf. Alle kommen sie zu ihm ans Bett, die Oberärztin, die ihn geweckt hat, der Anästhesist, der ihn betäubt hat, die Assistenten. Sie hören ihm zu – und dann entschuldigen sie sich. Das freut Weinert, aber das findet er auch angemessen. Ganz wichtig für ihn: Sie glauben ihm. Noch vor zwanzig Jahren taten die meisten Anästhesisten Awareness als Hirngespinst ab. Das hat sich geändert. Heute weiß man, dass ein Patient durchaus während der Narkose aufwachen kann. Glaubt der Arzt dem Patienten, fällt es dem auch leichter, das Erlebnis zu verarbeiten.

Im Extremfall führt eine intraoperative Wachheit zu einem Trauma: Der Patient kann die Ereignisse nicht verarbeiten. Der Betroffene durchlebt das Erlebnis immer wieder, ungewollt. Und fällt in eine Depression. „Im schlimmsten Fall hat der Patient extreme Angst vor der nächsten Operation“, sagt Dr. Martin Sack, Traumatherapeut am Klinikum rechts der Isar. Das kann sogar richtig gefährlich werden: Wenn sich jemand vor einer lebenswichtigen Operation sträubt. Aber eine Therapie wirkt in der Regel gut und schnell. „Bei etwa 80 Prozent der Patienten lässt sich das Trauma nach wenigen Sitzungen aufarbeiten“, so Dr. Sack. Auch noch Jahre nach dem Erlebnis macht eine Therapie Sinn.

Mark Weinert ist nicht traumatisiert. „Mir geht es gut“, sagt er heute. Fünf Jahre ist das alles her, er hat seine Geschichte nun zum ersten Mal einem Journalisten erzählt. Beim Sprechen streicht er sich über die Stelle seiner Hand, in der die Injektionsnadel für das Narkosemittel steckte. Er tut das unbewusst, immer wieder. Die Narbe, eine feine Linie unter seinem rechten Ohr, ist kaum zu erkennen. Und der Tumor war gutartig. „Als Anästhesist ist das natürlich eine wertvolle Erfahrung“, sagt er und lacht. Jetzt könne er sich nun besser in die Ängste seiner Patienten hineinversetzen, sie besser verstehen. Dass er selbst während einer OP aufgewacht ist, das erzählt er ihnen nicht. Er will niemanden beunruhigen. „Ich habe keine Angst vor der nächsten Operation“, sagt er. Ganz gelassen.

Eine pensionierte Krankenschwester muss dringend am Knie behandelt werden. Doch das Umfeld in Rotthalmünster, in dem die OP stattfindet, entsetzt die Betroffene. 

Von Bettina Dobe

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