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Immer wieder laufen Personen aufs Gleis der S-Bahn. Die Folge: Verspätungen und jede Menge Ärger.

S-Bahn denkt über Lösungen nach

Das steckt hinter dem Störungsfall "Personen im Gleis"

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München - „Personen im Gleis!“ Diese Meldung bremst die S-Bahn immer häufiger aus. Allein von Januar bis Mai 2016 gab es 142 Störfälle mit teils erheblichen Auswirkungen auf den Fahrplan. Was dahinter steckt.

Sie wollen abkürzen, haben sich verlaufen oder wollen ein „Selfie“ mit fahrendem Zug schießen: Immer häufiger treten Menschen in München auf Bahngleise. Sie bringen sich nicht nur selbst in Gefahr, sondern lösen häufig ein S-Bahn-Chaos aus. Denn im Extremfall steht der Verkehr auf dieser Strecke, bis die Bundespolizei sie wieder freigibt.

Der jüngste Fall betraf, am Freitag um 6.05 Uhr morgens, wieder einmal die Stammstrecke: Vollsperrung zwischen Donnersbergerbrücke und Pasing, Notfall-Fahrplan für alle Linien, zwei Stunden lang Verzögerungen im Berufsverkehr. Durch solche Fälle würden „die Fahrgäste in einem nicht mehr vertretbaren Maße geschädigt“, grollt Andreas Nagel von der Aktion Münchner Fahrgäste. Er fordert: Ein Zaun muss her, und die Bahn muss flexibler auf die Meldung „Person im Gleis“ reagieren.

Wie groß ist die Gefahr?

Letzteres geschehe längst, versichert Bahn-Sprecher Bernd Honerkamp. Das Personal in der Leitstelle versuche durch gezielte Nachfragen die Gefahr einzuschätzen. Dabei spielt eine Rolle, ob es um Erwachsene geht oder um Kinder oder erkennbar verwirrte Menschen, und ob sie im oder am Gleis gesehen wurden. Je nach Situation kann die Leitstelle den Betrieb weiterlaufen lassen oder die Lokführer anweisen, „auf Sicht“ zu fahren – also so langsam, dass sie notfalls anhalten können. Bei akuter Gefahr werden alle Züge angehalten, bis die Strecke wieder freigegeben wird.

Nagels Ruf nach einem Zaun könne die S-Bahn nur „total befürworten“, sagt Störungs-Manager Andreas Hummel. Man sei im Gespräch mit der DB Netz, so Honerkamp. Doch ein Zaun sei kein Pappenstiel: „Er muss sehr stabil sein, und er muss Flucht- und Rettungstüren haben.“

Zahlen steigen - S-Bahn hilflos

Relativ hilflos beobachtet die S-Bahn, wie die Zahlen steigen: Gab es in den ersten fünf Monaten des vergangenen Jahres 108 registrierte Störfälle durch Personen im oder am Gleis, so waren es 2016 schon 142. Bis zum Jahresende werde man „sicher wieder über 300“ kommen, so Honerkamp. Und dabei sind all jene Fälle, in denen jemand ein Gleis überquert und verschwindet, gar nicht mitgezählt. Ein Teil des Anstiegs liege daran, dass vermehrt Zeugen per Handy die Polizei anrufen und solche Fälle melden, so Honerkamp. Das sei auch willkommen.

Ein Schwerpunkt des Phänomens liegt zwischen Hackerbrücke und Pasing, wo beiderseits der Gleise zahlreiche Wohnungen und Arbeitsplätze entstanden sind. Das bestätigt auch Wolfgang Hauner von der Bundespolizei, dessen Kollegen oft ausrücken müssen, um die Gleise zu kontrollieren. Warum jemand das Risiko eingeht, über die Gleise zu laufen, „obwohl obendrüber die Brücke ist“, ist Hauner ein Rätsel. Die Liste möglicher Motive ist lang: Betrunkene verirren sich auf Bahn-Terrain, Anwohner scheuen den Umweg über die Brücke. Es komme auch vor, dass Schwarzfahrer von Kontrolleuren aus dem Zug geholt werden, „und wenn man dann am Bahnsteig auf die Polizei wartet, gehen die über die Gleise stiften.“

Auch Stammstrecke von Tunnelgängern betroffen

Auch im Stammstreckentunnel laufen immer wieder Menschen vom Bahnsteig in die Röhre – meist Obdachlose auf der Suche nach einem Schlafplatz, so Hauner. „Wir hatten aber auch schon Migranten, die zu früh ausgestiegen sind und ihrer Gruppe dann auf den Gleisen zum nächsten Bahnhof nachlaufen wollten.“ Andreas Nagel fordert, die Bahnsteigenden so zu sichern, dass helles Licht und ein akustischer Alarm auf Eindringlinge aufmerksam macht und sie abschreckt – eine Maßnahme, die Uwe Böhm von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer gut fände.

Ganz abgesehen von der Gefahr: Wer den Gleisen zu nahe kommt, macht sich strafbar. Das einfache Überqueren der Gleise werde als Ordnungswidrigkeit mit 25 Euro geahndet, teilt die Bundespolizei mit. Wenn jedoch die Strecke gesperrt werden muss oder wenn gar bei einem Bremsmanöver Fahrgäste im Zug stürzen, wird aus dem Trip über die Gleise schnell ein „gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr“. Darauf stehen empfindliche Geld- und sogar Freiheitsstrafen.

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