Bericht: Linkin-Park-Sänger Chester Bennington ist tot

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Philipp Plein (38), Modedesigner

Von München und Mühldorf nach New York

Zwei Bayern in New York: Traumgesteuert

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New York - Die Stadt zieht Träumer an, New York ist ein Versprechen. Joe Benjamin und Philipp Plein haben es versucht. Der eine hat drei Jobs und kein Geld, der andere macht Millionen mit kristallgespickten T-Shirts. Zwei Typen, zwei Leben.

Die Dämmerung legt sich über Manhattan, als Joe Benjamin im Hofbräuhaus weich in die Knie sinkt. Es riecht nach Hugo Boss und Schweinebraten. Joe atmet ein. Elf Musiker umringen ihn, sie spielen in einer schummrigen Ecke am Treppenabgang. Joe Benjamin, Lederhose und Sonnenbrille, hebt die Hand, federt hoch. Er trifft die Töne, die Band hält mit. Aber das ist egal. Kaum einer beachtet sie. Joe Benjamin singt jetzt von einem knallroten Gummiboot, mit dem er weit wegfahren will.

Alle paar Minuten läutet eine Kellnerin eine Kuhglocke aus Plastik. Auf Kommando werfen fünf Frauen den Kopf in den Nacken und kippen Schnaps aus Gläsern, die jemand auf Holz-Skier geschnallt hat. Das Publikum johlt. Afterwork in Manhattan, ein normaler Mittwochabend.

Upper East Side, Donnerstagnachmittag. Philipp Plein steigt aus einem nachtschwarzen Rolls-Royce. Er wirft einem Latino den Autoschlüssel zu, fährt mit dem Finger über das Heck und sagt: „Morgen will ich ein sauberes Auto.“ Er grinst, legt den tätowierten Arm um Andreea, ein rumänisches Model mit schwarzen Fingernägeln und schwarzen Haaren. An Pleins linkem Handgelenk funkelt eine diamantenbesetzte Audemars Piguet. Auf Andreeas Handgelenk ein Tattoo, ein Barcode, darunter in die Haut gestochen: Philipp Plein.

New York zieht Träumer an

Auf dem Foto ist Philipp Plein 14. „Wir haben im letzten Loch gewohnt.“ Im Gegensatz zu heute – dank Mode.

New York zieht Träumer an. Manche erfüllen sich ihre Sehnsucht, einige verbiegen sich, andere zerbrechen. Für Joe Benjamin und Philipp Plein wurde ihre Welt irgendwann zu klein. Sie zogen aus. Heute lässt der eine bei der Mailänder Modewoche brennende Monstertrucks über Limousinen rollen. Der hat drei Jobs, um das Geld für seine erste Platte zusammenzukratzen. 

Philipp Plein, braun gebrannt und durchtrainiert, ultrawache Augen, steht vor der Tür eines schmalen Hauses und läutet. Die Tür gehört ihm. Genauso wie das 20-Millionen-Dollar-Haus drumherum. Aber Plein hat keinen Schlüssel. Endlich öffnet eine runde Dame in Dienstkleidung, Martha, die ­gute Seele des Hauses. Hinter ihr eine ­gleißende Welt aus Marmor, Licht und Gold.

Schummriges Licht, Kerzen, Gemäuer. Joe Benjamin, 27, sitzt mit winzigen Augen und Bartstoppeln in einem Restaurant. Er wirkt abgekämpft. Er kellnert hier jedes Wochenende, samstags zwölf Stunden, sonntags acht. Neben den Auftritten im Hofbräuhaus und den Gigs als Swing-Musiker, ist das sein dritter Job. „Obwohl ich dauernd arbeite, bin ich jede Woche pleite“, sagt Joe und zuckt mit den Schultern. „Jeden Dollar stecke ich in die Musik.“ Im Dezember kommt das Album, „Swing Migration“.

Von Mettenheim nach Manhattan

Joe Benjamin kellnert, um sich seinen Traum vom Musikmachen erfüllen zu können.

Joe zog vor sieben Jahren von Mettenheim bei Mühldorf nach New York um als Musiker erst die Stadt und dann die Welt zu erobern. Vier Jahre lang hat er Gesang und Komposition an der New Yorker New School for Jazz and Contemporary Music studiert. Jetzt spielt er mit seiner Band jeden Mittwochabend im Hofbräuhaus. Joe sagt: „New York kann dir das Kreuz brechen.“ Joe sagt auch: „Ich brauch die Kohle.“ 

Auch Philipp Plein fängt unten an. Der 38-Jährige steht im Keller seines Hauses, an der Wand 50 Flaschen Champagner. „Rundgang?“ Sieben Etagen, sechs Kamine, Fitnessraum, diverse Terrassen. Plein trägt ein T-Shirt mit einer großen 78 auf der Brust, sein Jahrgang. Er federt die Stufen nach oben. „Baby, bist du im Fitnessstudio? Bist du nackt?“, ruft Plein. Andreea ist nicht nackt, nicht ganz.

Sie strampelt in Sport-BH und Leggings auf dem Hometrainer. Plein drückt ihr einen Kuss auf den Mund, streicht ihr über den Hintern. Er biegt nach rechts. „Hier ist der Master-Bedroom.“ So nennt Plein sein Schlafzimmer.

Mit Betten fing es an. Nach dem Abitur hatte Plein die Idee, Hundebetten zu entwerfen. „Das hat damals niemand gemacht.“ Er findet zwei Jungs, die ihm die Betten günstig schweißen, und jede Menge Abnehmer.

„Das mit der Mode war Zufall“

Mit 24 Jahren: die erste Million, der erste Porsche, das erste Tattoo. Seitdem steht auf Philipp Pleins rechtem Unterarm Philipp Plein. Bald verkauft er Möbel, Handtaschen, irgendwann alte Bundeswehrjacken, die er mit Swarovski-Steinen aufmotzt. „Das mit der Mode war Zufall“, sagt Plein. „Ein Unfall.“

Dass viele in der Modebranche ihn für ein Großmaul halten, der geschmacklose Mode für Neureiche macht, quittiert er mit einem Achselzucken. „Wir haben ihnen Marktanteile abgenommen. That’s it.“ Plein klatscht in die Hände. „Wir sind die New Kids on the Block, die Neuen in der Klasse.“ In der Mode sei es wie auf dem Schulhof. Die Platzhirsche würden jeden Neuling schief angucken und fragen: „Was will der Penner?“ Plein senkt den Blick. „Bist du mal umgezogen und hast die Schule gewechselt? Ich schon.“

Wer Plein auf seine Träume anspricht, hört einen Monolog. Zeit und Träume, die wichtigsten Dinge im Leben. In der Modebranche verkaufe er Träume. Er könnte schwarze T-Shirts für zehn Dollar verkaufen, sagt Plein. „Oder du machst auf dein T-Shirt Kristalle, schreibst ‚Fuck you all‘ drauf und verkaufst das Ding für 500 Dollar.“

Plein: „Mit Stillstand kann ich nichts anfangen“

Plein zeigt seine weißen Zähne und schaut, als hätte er gerade die Glühbirne erfunden. Dann redet er von Kolumbus. Der sei auch ein Finder gewesen, so ähnlich wie er selber. 

Plein sitzt jetzt breitbeinig auf einem weißen Ledersofa. „Unerfüllte Träume sind das Lebenselixier der Menschen“, sagt Plein. „Wenn der Traum aber Wirklichkeit wird, zerstörst du ihn. Und dann kommt die Depression.“

Plein blickt lange in den zimmerhohen Spiegel an der Wand. „Es muss immer weitergehen. Stillstand ist das Schlimmste. Ich kann mit Stillstand nichts anfangen.“

Joe Benjamin (27), Musiker, Kellner

Plötzlich fällt Plein etwas ein. Er kramt sein Smartphone raus, zeigt das Foto eines blonden Jungen in Jeansjacke, die Hände in den Taschen. „Ich mit 14 in New York, wir haben im letzten Loch gewohnt.“ Der Junge lächelt. „Guck mal, da hinten!“ Plein tippt auf ein Hochhaus im Hintergrund. „Weißt du, wo das ist?“ Plein grinst triumphierend. Südost­ecke Central Park, gegenüber vom Plaza. „Genau da ist jetzt mein Büro! Geil, oder?“ 

Ein paar Kilometer südwestlich schlendert Joe Benjamin durch das Künstler- und Schwulenviertel Chelsea. Mitten auf dem Zebrastreifen bleibt er stehen. Aus einem vollbesetzten Auto scheppert Musik, Wannabe von den Spice Girls. Joe singt laut mit, reißt die Arme in die Luft und tanzt fünf schnelle Schritte, dann eine halbe Pirouette. Die Typen im Auto verziehen keine Miene, rücken ihre Sonnenbrillen zurecht. Alles schon gesehen, alles schon gehört. In Chelsea fällt Joe nicht auf.

Benjamin: „Ich hab da nicht reingepasst“

Daheim, im oberbayerischen Dorf, starren sie ihn an, wenn er mit seinem Freund Hand in Hand über den Rathausplatz spaziert. Das Dorf, die Schule. „Ich habe da nicht reingepasst“, sagt Benjamin. Drei Mal wechselt er die Schule. „Ich wusste mit zehn schon, dass ich anders bin.“ Die erste Person, der er erzählte, dass er einen Freund habe, war seine Großmutter.

In SoHo warten alle auf Philipp Plein. Seine Entourage, vier Italiener in dunklen Anzügen, sitzt im Restaurant Le Coucou. Sie sind hungrig, niemand bestellt. 36 Minuten später rauscht Plein herein, er trägt Lederjacke und tiefen Ausschnitt. Er grinst, klatscht die Italiener ab und fläzt sich auf die Bank.

Plein wedelt die Kellnerin heran: „Wir nehmen alles.“ Sein Finger kreist über die Speisekarte. „Kein Scherz. Alles.“ Die Kellnerin beachtet ihn nicht, erklärt einem Italiener den Rotwein. Da verdunkelt sich Pleins Gesicht, seine Züge werden hart. Einen Wimpernschlag lang, dann fängt Plein sich wieder. „Hey, I like your attitude!“

Joe Benjamin und Philipp Plein kennen sich nicht. In einem Restaurant wie diesem aber könnten sie sich begegnen. Wahrscheinlich würde der eine dem anderen den Stuhl heranrücken, lächeln, und auf Englisch fragen, was der Mister zu trinken wünsche. Vielleicht würde er aber auch mit einer Band auf der Bühne stehen und selbst geschriebene Lieder singen. 

Joe Benjamin lächelt. „Ein schöner Traum.“

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