Stiller Abgang: Markus Hollemann verlässt am Mittwochmittag das Münchner Rathaus. Foto: Klaus Haag

Posten des Gesundheitsreferenten

CSU-Wunschkandidat tritt vor der Wahl zurück

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München - Chaotische Stunden im Rathaus: Am Mittwoch wollte die CSU den Kandidaten Markus Hollemann zum neuen Umweltreferenten wählen lassen. Doch er stolperte über Vorwürfe, er sei ein radikaler Abtreibungsgegner.

Kürzer hat noch keiner an der Macht geschnuppert. Am Montagmittag um halb vier steht ein strahlender Markus Hollemann auf dem Marienplatz, umringt von den Fotografen der Münchner Zeitungen. „Ist das jetzt immer so?“, scherzt er. Nein, ist es im Alltag eines Umweltreferenten nicht. Wäre es nicht gewesen. Denn Markus Hollemann, 42, Bürgermeister in Denzlingen, ist keine 48 Stunden später nicht mehr der Referent in spe. Sondern zurückgetreten, bevor er überhaupt gewählt wurde. Gestolpert über eine Affäre, die er und die CSU eigentlich für gar keine halten. Mittwochmittag um halb eins steht Hollemann auf einem Rathaus-Flur noch einmal kurz im Blitzlichtgewitter. Nach einem Gespräch mit Bürgermeister Josef Schmid stehe er „für das Amt des Referenten nicht mehr zur Verfügung“. Dann geht Hollemann allein die Treppe hinunter. Niemand will mehr mit ihm fotografiert werden. Niemand bringt ihn zur Tür.

Die CSU hatte den ÖDP-Mann ausgewählt. Die Christsozialen haben das Vorschlagsrecht – und wollten ihn als neuen Gesundheits- und Umweltreferenten durchsetzen. Eigentlich galt die Wahl gestern als bombensicher. Doch war zuvor bekannt geworden, dass Hollemann Mitglied in einer umstrittenen Organisation von strikten Abtreibungsgegnern ist. Dieser Mann sollte zuständig für die städtische Schwangerenberatung sein? Nach den Medienberichten wurden die Rückzugsforderungen in der Opposition und den sozialen Netzwerken immer lauter. In der Nacht auf Mittwoch tauchten auch Vorwürfe auf, Hollemann unterstütze eine islamfeindliche Gruppe. Er hatte sich zuvor auf Nachfrage nicht von der Mitgliedschaft bei den Abtreibungsgegnern distanziert.

Bis zum Mittwochmorgen steigt der politische Druck immer mehr an. Auf den Rathaus-Fluren gibt es schon vor der Sitzung nur ein Thema. Viele, die Hollemanns Vorstellung im Stadtrat letzte Woche erlebt haben, halten wenig von ihm. Viele sprechen darüber, dass er in seiner schriftlichen Bewerbung vor Monaten eben die jetzt umstrittenen Mitgliedschaften verschwiegen habe. Vor allem aber geht es um die Frage: Kann Hollemann, den kaum einer kennt, aber den jetzt fast alle für einen radikalen Abtreibungsgegner halten, Gesundheitsreferent werden? Schmid und Reiter vereinbaren am frühen Morgen, die Wahl zu vertagen. Zu groß ist die Unruhe geworden.

Hollemann ist zu der Zeit noch gar nicht in der Stadt. Am Vorabend hat er noch eine Gemeinderatssitzung in seinem 13 000-Einwohner-Städtchen geleitet. „Locker“ habe er da gewirkt, seinen Abgang nach München gut gelaunt erklärt, heißt es aus dem Badischen. Offenbar hat er die Eigendynamik, die in München längst im Gange ist, unterschätzt.

Am Mittwochmorgen hofft auch mancher CSUler noch, den Kandidaten retten zu können. Mit einer Erklärung, in der er sich von radikalen Positionen distanziert. Möglicherweise auch, indem man anbietet, die Schwangerenberatung aus seinem Aufgabengebiet herauszunehmen. Letztlich aber kommt Josef Schmid zu der Erkenntnis, dass der Schaden für die CSU zu groß wäre.

Eine gute Stunde sollen die beiden unter vier Augen gesprochen haben. Dann tritt Hollemann noch einmal zu den Journalisten auf den Flur. Er hat eine Erklärung vorbereitet, die er Wort für Wort abliest. Er habe beim Verein „Lebensrecht für alle“ eine Familienmitgliedschaft. Mit extremistischen Positionen habe er nichts am Hut, auch verurteile er Homosexuellen- und Islamfeindlichkeit. „Ich habe keine Sympathie für radikale Abtreibungsgegner“, liest er vor. „Ich bin aber auch kein dogmatischer Abtreibungsbefürworter.“ Hollemann erklärt, er habe sich am Vormittag mit den Positionen des Vereins beschäftigt. „Mit vielem, was ich da gelesen habe, kann ich mich eindeutig nicht identifizieren.“ Er sei sei zum Beispiel nicht dafür, dass Schwangerschaftsabbrüche wieder ausnahmslos unter Strafe gestellt werden sollten. Er kündigt an, aus dem Verein auszutreten – und die Kandidatur zurückzuziehen. Mit Vorwürfen an seine Kritiker hält sich Hollemann gegenüber der Münchner Presse zurück. Zur „Badischen Zeitung“ sagt er später, in München sei gegen ihn durch „diverse politische Kräfte eine Schmutzkampagne betrieben“ worden.

Gemeint sein dürften vor allem die Grünen. Ein „Festhalten am Wunschkandidaten der CSU wäre untragbar gewesen“, erklärt Fraktionschefin Gülseren Demirel am Nachmittag erleichtert. Ähnlich sieht das offenbar OB Dieter Reiter, SPD. Er weiß, dass der gescheiterte Kandidat der CSU zugerechnet wird. „Wir brauchen keine nach hinten gewandten Politikansätze“, sagt er. „Die CSU hat weiter das Vorschlagsrecht. Ich hoffe auf mehr Fortune beim nächsten Versuch.“

Kurz darauf lädt Schmid die Presse in den kleinen Besprechungsraum der CSU-Fraktion. Keine 48 Stunden zuvor hatte er hier einen ambitionierten Überraschungskandidaten präsentiert. „Herr Hollemann kann Politik“, betonte Schmid da. Auch jetzt sagt der Bürgermeister, er habe „überhaupt keinen Zweifel“, dass die Entscheidung für Hollemann fachlich richtig gewesen sei. Hollemanns Erklärung klinge „glaubwürdig“. Dass der seine Vereinsmitgliedschaft beenden wolle, sei der „größtmögliche Schritt“. Schmids Argumente klingen, als wolle er am Kandidaten festhalten. Will er aber nicht. Er betont, es sei sein eigener Fehler gewesen, die Mitgliedschaften nicht früher überprüft zu haben. Der Rückzug sei nötig, weil „die Stadtgesellschaft sonst in Unruhe gekommen wäre“. Schmids CSU, so viel ist schon an diesem Mittag klar, ist auch so in Unruhe gekommen.

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