Milan Krajisnik ist technischer Leiter der Eventagentur Planworx, einer der Pächter auf der Praterinsel. Die Agentur veranstaltet unter anderem Kunstmessen auf der Insel, wie die Stroke Art Fair. In den alten Gebäuden der Schnapsfabrik finden derzeit auch Weihnachtsfeiern statt.

Areal wurde verkauft

Kunst und Kommerz auf der Praterinsel: Können die Mieter bleiben?

München - Nach dem Wegzug der Schnapsfabrik Riemerschmid 1984 entdeckten Künstler die Praterinsel für sich – nur einer ist heute noch übrig. Ein Besuch in einem innerstädtischen Kleinod.

Milan Krajisnik schraubt gerade Partytische zusammen. Der technische Leiter der Eventagentur Planworx bereitet eine Weihnachtsfeier vor, die in wenigen Tagen in der ehemaligen Füllhalle stattfindet – einem von fünf Gebäuden auf der Praterinsel. Bis 1984 füllte die Schnapsbrennerei Riemerschmid hier Flaschen mit Likör, Essig und Spiritus. „Heute haben wir vor allem Privatveranstaltungen, Firmenkonferenzen und Partys hier“, sagt Krajisnik – und flitzt in den Nebenraum.

Kündigung unter dem Vorwand der Renovierung - die gab es nie

Nur das ehemalige Heizgebäude, das nach dem Umzug der Brennerei 1984 von Künstlern als Atelierhaus genutzt wurde, steht meist leer. Das Dach ist einsturzgefährdet.

Gegenüber der Füllhalle – durch den idyllischen Innenhof getrennt – liegt das ehemalige Heizgebäude der Spirituosenfabrik. Ein heruntergekommenes Haus, das manchmal für Veranstaltungen genutzt wird und ansonsten leer steht. Nachdem die Schnapsbrennerei 1984 nach Erding umgezogen war, lebten und arbeiteten etwa 30 Künstler darin. An diese kreative Zeit erinnern heute nur noch die großflächigen Graffiti an den Wänden. „Kürzlich hat ein Sturm das Dach beschädigt“, erzählt Krajisnik. Deshalb darf das Dachgeschoss derzeit nicht betreten werden. Einsturzgefahr.

Die kunstschaffenden Mieter gibt es seit 2006 nicht mehr. Als der Augsburger Immobilienverwalter Patrizia die Praterinsel kaufte, kündigte ihnen der Vorbesitzer unter dem Vorwand, das Haus zu renovieren und sie anschließend wieder einziehen zu lassen. Renoviert wurde bis heute nichts.

Letzter Kunstschaffender ist Aktionskünstler Flatz

Künstler Wolfgang Flaz arbeitet im "Flatzhaus".

Übrig ist nur noch Aktionskünstler Wolfgang Flatz. Er arbeitete damals auch nicht im Atelierhaus. Seit 1988 hat der 63-Jährige auf der Praterinsel ein eigenes Atelier mit Werkstatt, das „Flatzhaus“. Flatz sieht den Zustand der Praterinsel kritisch: „Außer der ,Stroke‘ passiert da nicht viel.“ Die Stroke Art Fair ist neben der ARTMuc und dem Stijl Designmarkt eine von wenigen Kunstmessen, die jedes Jahr auf der Praterinsel stattfinden. Flatz sagt, er selbst fungiere zwar als künstlerisches Aushängeschild der Insel, ansonsten sei diese aber sehr kommerzialisiert.

Ein Blick in die Geschichte der Praterinsel zeigt, dass die Spannung zwischen Kultur und Kommerz dort Tradition hat. Bis 1810 pflegen Franziskaner-Mönche die Insel als Erholungs- und Nutzgarten. Dann errichtet Anton Gruber dort seine „Praterwirtschaft“ – in Anlehnung an den Wiener Vergnügungspark benannt. Mit einem Park inklusive Karussell lockt Gruber Besucher an, 1834 baut sein Sohn einen Tanzpavillon dazu. Schnell wird das gesamte Areal als „Praterinsel“ bekannt.

Später kauft Likörfabrikant Anton Riemerschmid das Grundstück. 1870 lässt er seine „Königlich-Bayerische privilegierte Weingeist-, Spiritus-, Likör- und Essigfabrik“ errichten. Die Praterinsel wird zum Gewerbegebiet.

In den 20er-Jahren kam die Kultur auf die Insel

Den Umschwung zur Kultur bringt Riemerschmids Enkel. In den 1920er-Jahren lädt er Wissenschaftler, Literaten, Künstler und Politiker zu Vorträgen und Konferenzen auf die Insel. Nach dem Umzug der Brennerei nach Erding kauft ein privater Investor den Fabrik-Komplex und lässt ihn zu Ausstellungsräumen und Ateliers umfunktionieren. Sein ursprüngliches Vorhaben, dort ein Luxushotel zu errichten, hatte die Stadt abgelehnt.

Zwei Drittel der Praterinsel sind in städtischem Besitz. „Eigentlich gehört der Stadt alles bis auf die Gebäude nördlich des Alpinen Museums“, erklärt Kommunalreferatssprecher Bernd Plank. Das Museumsgelände habe die Stadt im Erbbaurecht an das Museum des Deutschen Alpenvereins verpachtet. Nur das Areal mit den Veranstaltungsgebäuden, das jetzt wohl an Bauunternehmer Urs Brunner verkauft wurde, befand sich bis dahin im Eigentum der Patrizia.

Hier ist seit 2010 die Eventagentur Planworx GmbH ansässig. Sie hat die zentralen Veranstaltungsflächen von der Patrizia gepachtet: Füllhalle, Wurzelkeller, Zollgewölbe, Orangerie, den großen Innenhof und den kleinen Isarhof. „Die Eventagentur hat viel Bewegung reingebracht“, sagt Kulturreferatssprecherin Jennifer Becker.

Kulturelle Anlaufstelle für ein breites Publikum

In der ehemaligen Füllerei sitzt Planworx.

Dabei hatte Planworx keinerlei Auflage, Kultur auf die Insel zu bringen, wie Planworx-Geschäftsführer Chris Boehm-Tettelbach sagt. Man habe sich den Stadtratsbeschluss bezüglich der kulturellen Nutzung dennoch zu Herzen genommen. Und versuche, aus der Insel eine Anlaufstelle für breitgefächerte Veranstaltungen wie die Kunstmessen zu machen. „An die breite Öffentlichkeit richten sich zum Beispiel der Ostermarkt und der Markt der Sinne“, sagt Boehm-Tettelbach. Um Kunstschaffenden die kostspieligen Räume erschwinglich zu machen, gewährt Planworx bei der Vermietung je nach Einzelfall einen „Kulturrabatt“ von bis zu 70 Prozent. „Manchmal auch 100 Prozent, wenn es eine soziale Komponente hat und keine kommerziellen Absichten dahinterstecken.“

Wolfgang Flatz sieht die Vermietung von Ausstellungsräumen trotzdem kritisch: „Im Prinzip ist das nicht zumutbar.“ Normalerweise werde man als Künstler eingeladen, schließlich brächten Ausstellungen auch für den Gastgeber einen Mehrwert.

Mehr Kommerz als richtige Kunst?

Als Planworx 2010 versuchte, das als Atelierhaus genutzte ehemalige Heizungsgebäude der Schnapsfabrik wieder zu einer Kunst-Plattform zu machen, fungierte Flatz als Kurator. Vier Künstler zeigten in dem heruntergekommenen Gebäude ihre Installationen. Größere Sponsoren konnten dafür aber nicht gefunden werden. Planworx habe alle Kosten auf sich genommen, erzählt Flatz. Seitdem habe es keine gemeinsamen Projekte mit der Eventagentur mehr gegeben. Flatz findet es schade, dass es auf der Insel nicht mehr niveauvolle Kunstereignisse gibt. Heute, sagt er, gehe es nur um Dinge, die wirtschaftlich rentabel seien.

Ob er und Planworx auf der Insel bleiben können, ist unklar. Die Mieter sollen zum Jahreswechsel offiziell über den neuen Eigentümer und dessen Pläne für die Insel informiert werden.

Marian Meidel

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