Zwei Polizisten: Links Günter Okon, Leiter der Analyseabteilung im LKA, rechts ein „Precob“-Laptop. foto: klaus haag
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Zwei Polizisten: Links Günter Okon, Leiter der Analyseabteilung im LKA, rechts ein „Precob“-Laptop.

Münchner Polizei wagt den Test

"Precobs": Neue Software soll Einbrecher jagen

  • vonAngelo Rychel
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München - Einbrecher sollen es in München künftig schwerer haben. Die Polizei testet ab Mitte Oktober die Software "Precobs", die ausspuckt, wo in der Stadt die nächsten Einbrüche zu erwarten sind.

„Precobs“, das klingt nach Science Fiction. Tatsächlich haben sich die Entwickler bei der Namensgebung vom SciFi-Thriller „Minority Report“ (mit Tom Cruise) inspirieren lassen. Dort können sogenannte „Precogs“ dank ihrer hellseherischen Fähigkeiten Morde verhindern.

Morde vorherzusagen, das hält Günter Okon, Leiter der Analyseabteilung des Bayerischen Landeskriminalamts (LKA), in der Realität für unmöglich. Bei Einbrüchen ist das schon ein bisschen anders. Das Programm „Precobs“ erstellt Prognosen, wo und wann im Stadtgebiet in der nahen Zukunft mit Wohnungseinbrüchen zu rechnen ist. Ab 13. Oktober testet das Polizeipräsidium München die Software.

Okon ist vom Erfolg des Programms überzeugt: „Ich gehe davon aus, dass die Zahl der Wohnungseinbrüche sinken wird.“ Mit dem sprichwörtlichen Blick in die Glaskugel haben die Vorhersagen allerdings wenig zu tun. Günter Okon reicht dafür in seinem Büro nahe des Ostbahnhofs ein Laptop. Die Software basiert auf statistischen Daten und arbeitet mit komplizierten Algorithmen. Mathematik also. Das zugrunde liegende Konzept nennt sich „Predictive Policing“. Die Polizei versucht aus der gegenwärtigen Lage Vorhersagen für die Zukunft abzuleiten.

In den USA ist das schon Standard: Einer aktuellen Umfrage zufolge setzen 70 Prozent der Polizeidienststellen dort „Predictive Policing“ ein. Die Züricher Polizei hat in einer halbjährigen Pilotphase „Precobs“ getestet, das von einer Oberhausener Softwarefirma entwickelt wurde. Die Zahlen sind beeindruckend. In Gebieten, die mit „Precobs“ überwacht wurden, ging die Zahl der Einbrüche laut Okon um 34 Prozent zurück. Zudem sei die Aufklärungsquote gestiegen.

Der Wohnungseinbruch eignet sich für statistische Vorhersagen, weil ein Profi-Einbrecher methodisch und oft sehr rational vorgeht. Wie sind die Häuser gesichert? Gibt es einen guten Fluchtweg? „Der überlegt sich genau, wo und warum er einbricht, und wie er dabei vorgeht“, sagt Okon. Das macht sich „Precobs“ zunutze: Hatte ein Einbrecher in einer Gegend Erfolg, kommt er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft zurück.

In „Precobs“ sind alle Wohnungseinbrüche der vergangenen sieben Jahre erfasst. Das LKA hat in den vergangenen Monaten mit den alten Daten Testläufe durchgeführt. Künftig werden auch aktuelle Delikte täglich neu eingespeist. Das Programm kommt mit vergleichsweise wenig Daten aus: Tatzeit, Tatort, Versuch oder vollendete Tat, Beute. Dazu kommt die Begehungsweise, ob also ein Fenster aufgehebelt oder eine Tür aufgebrochen wurde.

Okon verdeutlicht die Software am Beispiel eines Einbruchs in ein Mehrfamilienhaus an der Ungererstraße. Der Fall wird eingespeist, das Programm schlägt Alarm, es bilden sich auf dem Stadtplan auf Okons Bildschirm mehrere rote Kacheln, etwa rund um die Dietlindenstraße und an der Alten Heide. Jede Kachel deckt ein Gebiet von 250 auf 250 Meter ab. „In diesen Gebieten ist in den nächsten sieben Tagen mit Folgedelikten zu rechnen“, sagt Okon. „Es wäre also sinnvoll, hier Streife zu fahren oder Zivilpersonal einzusetzen.“ Warum genau dort, bleibt Geheimnis des Programms. Okon führt aber stolz aus, dass es tatsächlich in den folgenden Tagen zu drei weiteren Einbrüchen in den eingekachelten Bereichen kam.

Eine Allmacht des Computers befürchtet Okon nicht. „Das ist keine Black Box, der wir blind folgen. Am Ende entscheidet immer noch ein Mensch.“ Im Münchner Polizeipräsidium soll ein Operator morgens zentral die Lage bewerten. Er informiert dann die betroffenen Inspektionen, wo laut „Precobs“ mit Einbrüchen zu rechnen ist. Bei den Beamten, das räumt Okon ein, herrsche noch Skepsis. Wer lässt sich schon gerne von einem Computer seine Arbeit diktieren? „Ich hoffe aber, dass der Erfolg letztlich für sich spricht“, sagt Okon.

Kritik von Datenschützern steht Okon gelassen gegenüber. „Wir arbeiten nicht mit personenbezogenen Daten, das sind alles anonyme Falldaten.“ In US-Metropolen oder London sieht das anders aus. Dort werden Informationen über Beschuldigte, Kfz-Kennzeichen oder Vorratsdaten in den Algorithmus integriert. Der bayerische Datenschutzbeauftragte Thomas Petri hat vom Innenministerium Informationen zu „Precobs“ angefordert. Er hält sich aber mit Kritik zurück: „Sofern die Daten nicht personenbezogen sind, ist das Programm datenschutzrechtlich nicht unmittelbar relevant.“ Der Teufel liege jedoch häufig im Detail.

Bis Ende März 2015 soll der Testlauf gehen, der parallel auch in Mittelfranken durchgeführt wird, um Ballungszentren mit dem ländlichen Raum zu vergleichen. Zu den Kosten will sich Günter Okon nicht äußern. Nach Angaben der Fachzeitschrift „Kriminalistik“ liegen diese bei den gängigen Programmen bei rund 100 000 Euro. Gehen die Einbruchszahlen in München ähnlich zurück wie in Zürich, dürfte der Freistaat damit gut leben können.

Angelo Rychel

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