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München steht vor dem Pflege-Kollaps

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München - Die Prognose der Stadt ist düster: Geschieht nichts, ist die Versorgung Pflegebedürftiger in München bald nicht mehr gesichert. Nun startet die Stadt ein Modellprojekt, in dem Akademiker in Heimen die Verantwortung übernehmen.

Schon die Schätzungen der Stadt sind besorgniserregend: Bis 2020 werden demnach etwa 750 Pflegekräfte fehlen, um die dann rund 29.000 pflegebedürftigen Münchner zu versorgen. Nun aber zeichnet der gerade veröffentlichte „Pflegereport 2030“ der Bertelsmann-Stiftung ein noch pessimistischeres Bild: Der Studie zufolge könnte es im Jahr 2030 in der bayerischen Landeshauptstadt 4200 Pflegekräfte zu wenig geben.

Die Lage ist kritisch – bereits jetzt, wie Siegfried Benker, Grünen-Stadttrat und baldiger Chef des städtischen Altenheimträgers „Münchenstift“, am Donnerstag betonte: „Der Pflegenotstand ist nicht in ferner Zukunft, er ist schon da.“ Bereits heute hätten Heimträger immense Schwierigkeiten, Fachpersonal einzustellen – und die Fachkraftquote von 50 Prozent zu erfüllen. „Wir bekommen massive Probleme“, pflichtete ihm SPD-Stadträtin Constanze Söllner-Schaar bei.

Ändert sich nichts, trifft der Fachkräftemangel vor allem Bewohner von Pflegeheimen, prognostiziert Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD). Ihre Versorgung sei „mittel- und langfristig nicht sicherzustellen“. In Heimen könnten Pflegeplätze nicht mehr belegt werden, was bei Trägern zu wirtschaftlichen Problemen – und letztlich zu Schließungen – führt.

Nachwuchs für den Altenpflegeberuf ist rar. Es ist ein schwerer Job mit wenig gesellschaftlicher Anerkennung und sehr mäßigen Verdienstaussichten. Dazu kommt, dass Altenpflegeschüler anders als andere Azubis in Bayern für die Ausbildung zahlen müssen. „Die Zahl der Ausbildungsplätze ist nicht entscheidend, wenn wir die jungen Leute nicht so weit bringen, dass sie den Beruf ausüben wollen“, merkte CSU-Stadtrat Marian Offman an. Altenpflegeschüler bräuchten zudem eine sozialpädagogische Betreuung, forderte Söllner-Schaar. Zehn Prozent der Schüler brächen ihre Ausbildung ab. „Jeder, der abspringt, ist einer zu viel.“

Bemühungen, Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutieren, haben nicht zum gewünschten Erfolg geführt. Das liegt vor allem daran, dass sie in Ländern wie England oder der Schweiz bessere Bedingungen vorfinden. „Diese Kräfte gehen dahin, wo sie gut bezahlt werden“, sagte Meier. Dennoch setzte sich die CSU mit dem Vorschlag durch, noch einmal mit einer Arbeitsgruppe aus Vertretern von Stadt, Freistaat und Verbänden Möglichkeiten der Anwerbung auszuloten.

Am Donnerstag beschloss der Sozialausschuss des Stadtrats zudem einstimmig, das wissenschaftlich begleitete Modellprojekt „Qualitätsoffensive in der Altenpflege“ zu starten. Rund 200 000 Euro investiert die Stadt in den auf fünf Jahre angelegten Test, die Personalkonstellation in Pflegeheimen zu ändern. Bachelor-Absolventen der Dualen Pflegestudiengänge sollen dabei die Verantwortung für die Pflegequalität in einem Bereich eines Heims übernehmen. Sie leiten Mitarbeiter an und setzen sie ihren Fähigkeiten entsprechend ein. Pflege- und Hilfskräfte sollen so entlastet – und die Pflege mit dem Einsatz der Akademiker professionalisiert werden.

Solche Konzepte, „primary nursing“ genannt, gibt es in anderen Ländern, etwa den USA und England, schon länger. Die Erfahrungen dort zeigen, dass Häuser mit weniger Fachpersonal auskommen, ohne dass die Pflegequalität leidet.

Es müsse aber genau geprüft werden, „ob am Ende der Pflegebedürftige profitiert“, sagte Benker. Offman fragte, ob Ziel der Akademisierung sei, die Fachkraftquote zu senken.

Das Modellprojekt kann ohnehin nur ein Baustein sein beim Versuch, den Pflegenotstand zu lindern. „Wenn wir noch mehr den Grundsatz ,ambulant vor stationär‘ einhalten, brauchen wir weniger Pflegekräfte“, sagte Benker. Zudem müsse die Pflege durch Angehörige gestärkt und gestützt werden. Meier pochte darauf, dass die Rahmenbedingungen entscheidend seien: „Das fängt bei den Tariflöhnen an.“

Caroline Wörmann

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