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Prozessauftakt um Ehrenmord: Weil er seine Frau betrog, musste Cavus Ünlü sterben

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München - Weil er seine Frau betrog, musste der Polier Cavus Ünlü sterben. 23 Jahre ist das her. Seit gestern stehen die mutmaßlichen Täter vor Gericht. Die Anklage vermutet einen Ehrenmord.

Osman (60), Turan (53) und Senol Ü. (52), Schwager und Cousins des getöteten Türken, sollen den untreuen Mann ihrer Schwester im Dezember 1986 erschlagen und erdrosselt haben, um die „Familienehre“ wieder herzustellen. Weil die Brüder zu dem Vorwurf schweigen, steht dem Schwurgericht ein Indizienprozess bevor.

Cavus Ünlü hatte seine Frau Melahat betrogen und daraus keinen Hehl gemacht. Er lebte sogar mit ihrer Rivalin zusammen. Im Juni 1986 erhängte sich die junge Ehefrau. Ihr Mann wurde ein halbes Jahr später auf dem Rücksitz seines Mitsubishi im Deisenhofener Forst tot aufgefunden. Zunächst tippte die Polizei auf Selbstmord, doch die Obduktion der Leiche ergab ein anderes Bild: Der 26-Jährige war von hinten mit einer Eisenstange oder einem Werkzeug auf den Kopf und den Rücken geschlagen und dann gedrosselt worden.

Wegen des offensichtlichen Tatmotivs waren Melahats Brüder von Anfang an im Visier der Mordkommission. Doch dem Trio war die Tat nicht nachzuweisen. Eine damals noch nicht auswertbare Spur führte über zwei Jahrzehnte später zurück zu dem Trio. Bei dem Toten waren Hautpartikel unter den Fingernägeln gefunden worden. Die daraus gefilterte DNA konnte dem ältesten Bruder zugeordnet werden. Osman Ü. hatte sich der Zuhälterei schuldig gemacht, weshalb es von ihm eine Speichelprobe gab. Ein routinemäßiger Abgleich ergab, dass die Mord-Genspur von ihm stammt. Osman Ü.s Behauptung, den Schwager seit dem Tod der Schwester nicht mehr gesehen zu haben, entpuppte sich damit als Lüge. Der Haftbefehl wurde dem Hartz IV-Empfänger im Gefängnis Landsberg eröffnet, wo er seit Juni 2008 seine Zuhälterei-Strafe verbüßt.

Hauptzeugin der Anklage ist ein weiteres Clan-Mitglied. Die Ex-Frau des jüngsten Angeklagten hat sich nach dessen Festnahme freiwillig als Zeugin gemeldet: Ihr geschiedener Mann – vorbestraft wegen sexuellen Missbrauchs eines Lehrmädchens – habe ihr damals das Verbrechen geschildert. Demnach hat er den Schwager in die Wohnung von Turan im Lehel gelockt mit der Bitte, dort einen Wasserhahn zu reparieren. Als Cavus Ünlü sich ahnungslos über das Becken beugte, sollen ihn Turan und Osman niedergeschlagen, ihm eine Plastiktüte über den Kopf gebunden und ihn mit einer Schnur erdrosselt haben. Der Tote wurde in seinen Wagen geschleppt und vom jüngsten Bruder in den Wald gebracht. Der Prozess dauert an.

Von Sarah List

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