Prozessauftakt zum Hallenunglück - Nur ein Angeklagter räumt Fehler ein

Traunstein - Mehr als zwei Jahre nach dem Einsturz der Eislaufhalle von Bad Reichenhall müssen sich zwei Bauingenieure und ein Architekt verantworten. Der vierte Angeklagte wurde für verhandlungsunfähig erklärt. Zum Prozessauftakt haben die Verteidiger Vorwürfe gegen die Stadt erhoben - und der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, die falschen Personen belastet zu haben.

Sie waren früh da. Aber für die wenigen Meter vom Eingang bis zum Sitzungssaal 33/E brauchten Dagmar und Robert Schmidbauer mehr als eine halbe Stunde. Der Sitzungssaal ist im Erdgeschoss - der Weg war gepflastert mit Kameras und Mikrofonen. Kurz nach neun Uhr begann das Strafverfahren "Eishalle Bad Reichenhall" am Landgericht Traunstein. "Es ist das Letzte, was wir für unsere Kinder tun können", sagte Dagmar Schmidbauer (38). "Wir wollen den Verantwortlichen in die Augen blicken - und sie sollen uns in die Augen blicken", sagte ihr Mann Robert (41). Die Eislaufhalle soll einst als Schwarzbau errichtet worden seinDoch die Angeklagten der Tragödie vom 2. Januar 2006 fühlen sich nicht verantwortlich: nicht für den Tod der elfjährigen Christina Schmidbauer, nicht für den Tod ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Marina, und auch nicht für den Tod von 13 weiteren Opfern. Nur einer von ihnen räumte Fehler ein: der suizidgefährdete Bauingenieur Walter G. (67), einst zuständig für Planung, Herstellung und Montage der Holzdachkonstruktion. "Ich hätte kritischer sein müssen", sagte er.

Die Eislaufhalle soll einst als Schwarzbau errichtet worden sein

Die Anklage wirft ihm vor, gravierende Fehler bei statistischen Berechnungen gemacht und Bauvorschriften nicht eingehalten zu haben. Zudem soll Walter G. nicht aufgefallen sein, dass wasserlöslicher Leim für die Holzträger verwendet worden war.

Die anderen Angeklagten beteuerten ihre Unschuld. Bereits zu Prozessbeginn hatte Rolf Krüger, Anwalt von Rüdiger S., die Stadtverwaltung in Bad Reichenhall massiv angegriffen und ihr vorgeworfen, ihre Pflichten grob vernachlässigt zu haben: Die Halle sei in den 70ern "als Schwarzbau errichtet und mehr als 30 Jahre lang betrieben" worden. "Kein einziger Stadtrepräsentant wurde dafür zur Verantwortung gezogen", kritisierte er die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. "Mein Mandant steht hier für das Versagen der Stadt" - ein Bauernopfer.

Der 54-jährige Rüdiger S. ist Bauingenieur und Statiker. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, im März 2003 die Untersuchung des Hallendaches "nicht mit der erforderlichen Sorgfalt" durchgeführt zu haben. Laut Anklage stieg er nur einmal auf eine Leiter, um einen Hauptträger aus der Nähe zu begutachten; die anderen Hauptträger soll er vom Boden aus mit einem Teleobjektiv begutachtet haben.

Vor Gericht sagte Rüdiger S., "eine intensive Überprüfung" sei nie Auftragsgegenstand gewesen - dafür hätte die Stadt mindestens das Zwölffache investieren müssen. Tatsächlich zahlte sie für das sogenannte Bestandsgutachten 3000 Euro. Nach der Begutachtung "des äußeren Zustands" sei Rüdiger S. zum Schluss gekommen, dass sich die Eislaufhalle "in einem allgemein als gut zu bezeichnenden Zustand" befinde.

Es ist 9.42 Uhr als der Staatsanwalt diese Passage der Anklageschrift verliest. Die Angehörigen der Opfer, die mit ihren Anwälten in drei Reihen hintereinander sitzen, schütteln den Kopf. Viele von ihnen weinen, wischen sich die Tränen aus den geröteten Augen. Die zwölf Nebenkläger wollen wissen, warum das Dach eingestürzt ist, warum 15 Menschen in den Trümmern sterben mussten. Was sie hören, sind fast ausschließlich Unschuldbeteuerungen.

"Ich sitze als Unschuldiger auf der Anklagebank. Warum sitzen nicht die auf der Anklagebank, die für die Instandhaltung verantwortlich waren?", fragt Architekt Rolf R., einst Projektleiter für die Halle. Er spielt auf die Stadtverwaltung an; der einzige "städtische Angeklagte" Horst P., der früher Vize-Stadtbaumeister war, gilt wegen seiner Krebserkrankung für drei Monate als verhandlungsunfähig - in drei Monaten, am 24. April, soll das Urteil fallen.

Die Angeklagten müssen mit maximal fünf Jahren Haft rechnen. Robert Schmidbauer sagt: "Zwei tote Kinder - das bleibt ein Leben lang."

Schlagabtausch zwischen Nebenklägern

Vor der Verhandlung ist es in den Medien zu einem Schlagabtausch zwischen den Anwälten der Nebenkläger gekommen. Jurist Daniel Amelung hatte vor Gericht die Schuld der Stadt Bad Reichenhall thematisiert: "Wie konnte es sein, dass mehr als 30 Jahre lang auf Seiten der Stadt nichts gemacht wurde - und jetzt ein Angeklagter zum Bauernopfer gemacht wird", sagte er in Anspielung auf den 54-jährigen Angeklagten Rüdiger S. (siehe Haupttext). Amelung vertritt Zhanna Martens, die bei dem Unglück ihre 15-jährige Tochter Violetta verlor.

Opferjurist Thomas Kämmer, der einen großen Teil der Angehörigen betreut, zeigte sich empört über eine solche Darstellung: "Wir sagen ganz klar: Es sitzen die Richtigen auf der Anklagebank." Es sei völlig unverständlich für ihn und auch seine Mandanten, "wie sich einzelne Nebenkläger durch solche Äußerungen auf die Seite der Verteidigung schlagen können".

Die Klage über eine mögliche Mitschuld und Versäumnisse der Stadtverwaltung Bad Reichenhall an dem Einsturz der Eislaufhalle habe das Oberlandesgericht München längst als nicht zutreffend abgewiesen. Auch die Staatsanwaltschaft hatte im Vorfeld des Prozesses erklärt, dass das Gutachten aus dem Jahr 2003 (siehe Haupttext) eine Entlastung für den ehemaligen Oberbürgermeister Wolfgang Heitmeier und seine Ex-Bediensteten sei. (bn)

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