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Couch-Gespräche: Pumuckl-Erfinderin Ellis Kaut mit unserer Autorin Katrin Woitsch beim Interview.

Pumuckl-Erfinderin wird heute 90

München - Sie hat Abertausende von Kindern beglückt – und etliche Eltern dazu: Ellis Kaut, Erfinderin des Pumuckl, wird heute 90 Jahre alt. Den weltbekannten Kobold, sagt sie, habe sie sich einst gar nicht ausdenken müssen: Er steckte in ihr drin.

Der Kobold hat zerzauste rötliche Haare, seine Nase ist von der Kälte rot gefärbt. Es ist Winter 1961, und Ellis Kaut spaziert mit ihrem Mann, dem Münchner Journalisten Kurt Preis, durch eine verschneite Landschaft. Sie liebt Schabernack, und der Gatte hinter ihr macht einen Fehler: Er passt einen Moment lang nicht auf. Ellis Kaut zieht an einem herunterhängenden Ast, schon landet eine Ladung Schnee am Kopf und im Kragen ihres Mannes. Während sie ihn frech angrinst, rote Haare, rote Nase, sagt er den Satz, der ihr Leben verändern wird: „Du bist ein rechter Pumuckl!“

Pumuckl-Drehorte: So sehen sie heute aus

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Das kecke Grinsen bekommt Ellis Kaut noch heute hin. Sie sitzt auf einem Sofa in ihrer Wohnung in München- Obermenzing, um ihre großen braunen Augen legen sich viele kleine Lachfältchen. Wenn sie so kess dreinblickt, könnte man ihr schwer böse sein. Wie man auch dem Pumuckl nicht lange böse sein kann für seine kleinen Streiche.

Der freche Kobold ist keine Figur, die sich Ellis Kaut mit 41 Jahren ausgedacht hat. Er steckt in ihr drin. An diesem Wintertag 1961 hat ihn nur jemand das erste Mal beim Namen genannt. Zu einer Zeit, als sie nach einer neuen Geschichte suchte, seit Wochen vergeblich. „Erst dachte ich an einen Gartenzwerg“, erzählt sie. „Aber das hat mir nicht geschmeckt.“ Die Figur sollte kleiner sein. Aber auf keinen Fall süß und niedlich. Dann war sie da, die Idee vom kleinen Kobold, der nicht erwachsen sein will und schon gar nicht vernünftig. Der Rest war ein Kinderspiel. „Ich musste ja nur von ihm abschreiben“, sagt sie und lacht. „Ich hab’ alles genau vor mir gesehen: wie er redet, wie er sich ärgert, wie er Streiche ausheckt.“

Die Folge: In den 60er-Jahren verbringt die Münchnerin ihre Vormittage am Schreibtisch. Mit ihrem Pumuckl. Jeden Morgen um Punkt 10 Uhr fährt sie ihren Mann – damals Lokalchef unserer Zeitung – mit ihrem alten VW in die Redaktion. Erst dann kann sie arbeiten. „Ich bin eine Einsam-Schreiberin“, erzählt sie. „Das ist bis heute noch so.“ Drei bis vier Seiten Schabernack entstehen jeden Tag. Sie müssen entstehen: Der Pumuckl ist schon bald wahnsinnig beliebt.

Erst hatten sie beim Bayerischen Rundfunk zwei halbstündige Sendungen im Kinderfunk angepeilt – am Ende werden es 90 Hörspiele. Die erste Folge „Spuk in der Werkstatt“ läuft am 21. Februar 1962. Der Klabauter mit den Strubbelhaaren und dem runden Bäuchlein schafft es in fast jedes deutsche Kinderzimmer. Für Ellis Kaut viel Arbeit: Woche für Woche muss sie eine neue Folge sendefertig haben. Den Stoff dafür liefert ihr der freche Kobold in ihrer Phantasie. „Übrigens von Anfang an in der Clarin’schen Stimme“, erinnert sie sich.

Der Schauspieler Hans Clarin schenkt dem Pumuckl von Beginn an seine Stimme – frech, schrill, mal hysterisch, mal herzerweichend. „Er war ein begeisterter Pumuckl“, sagt Kaut über Clarin. Den Meister Eder sprechen erst Franz Fröhlich und Alfred Pongratz, es entstehen Dutzende Schallplatten, auf denen eher Hochdeutsch gesprochen wird. Der dritte Eder, Gustl Bayrhammer, war für Ellis Kaut die beste Wahl. Ein bayerisches Original, ihr selbst sehr ähnlich in seinem Wesen. Und gleich sympathisch. „Er konnte den bayerischen Dialekt perfekt einsetzen.“ An seinem Leimtopf blieb der kleine Kobold kleben und wurde sichtbar: 1982 läuft der Spielfilm „Meister Eder und sein Pumuckl“ , von 1982 bis 1988 die gleichnamige Fernsehserie in 52 Folgen.

Für Ellis Kaut war es ein seltsames Gefühl, ihren Pumuckl auf dem Bildschirm zu sehen. „Es war komisch, dass er auf einmal lebendig geworden ist“, sagt sie. Und dass andere plötzlich mitreden. Woche für Woche liefert sie ein neues Drehbuch ab, das vom Fernsehteam bearbeitet wird. Der Regisseur bringt seine Ideen ein, die Schauspieler auch. Und Ellis Kaut muss zusehen, das fällt ihr nicht leicht, bei allem Verständnis.

„Einmal gab es einen großen Streit“, erzählt sie. Der erste Regisseur war ein junger Kerl. Und: „Er musste unbedingt demonstrieren, dass der Pumuckl ein Bub ist.“ Als Ellis Kaut die Szene sah, die ihren geschlechtslosen Kobold vor einer Toilette stehend beim Pinkeln zeigte, wurde sie wütend. „Warum musste das sein?“, fragt sie heute noch. „Ich stell’ ihn mir ja auch männlich vor – aber das muss man in einer Kindersendung doch nicht betonen.“ Damals hat sie viel begriffen. Sie lernte schweren Herzens, dass auch andere ihren Kobold prägen, ihn sich aneignen.

Die Serie hat sie sich nie angesehen. Obwohl alle 65 Folgen auf Videokassetten in ihrem Arbeitszimmer stehen. „Damit habe ich mir, glaube ich, etwas Gutes getan“, sagt sie. Sie hat sich ihren ureigenen Ellis-Kaut-Pumuckl bewahrt, immer neue Geschichten und Streiche von ihm abgeschrieben. Die Geschichten haben dann andere in viele Sprachen übersetzt, auch ins Chinesische.

Ellis Kaut freut das – und es macht sie stolz. Auch wenn der Meister Eder für sie immer nur auf Bairisch funktioniert hat. Sie liebt diesen Dialekt. So wie sie München liebt, die Stadt, in der sie seit 88 Jahren lebt. Im Alter von zwei Jahren zog Ellis Kaut mit ihren Eltern aus Stuttgart an die Isar. Hier wollte sie nie mehr weg. Sogar im Krieg, im Juli 1944, eilte sie nach Schwabing zurück, als sie von den Bombenangriffen auf München hörte. Da war sie im zweiten Monat schwanger. München ist ihre Stadt. „Wenn ich vom Viktualienmarkt zum Rathaus laufe, geht mir jedes Mal das Herz auf“, sagt sie. Drei Fotobücher hat sie der Stadt gewidmet. Fotografieren – das ist eine große Leidenschaft von Ellis Kaut.

Genauso wie das Malen, die Bildhauerei, das Schauspielern, die Graphologie, das Gärtnern oder das Singen. Ellis Kaut hat viele Interessen. Ihre Wohnung ist voller Bücher, Pumuckl-Figuren, selbst gemachter Skulpturen und Bilder: Was sie in ihrem Leben geschaffen hat, damit umgibt sie sich in jedem Zimmer.

Ihre Neigungen ging sie gezielt an: mit Unterricht und Studiengängen. Nach einer Schauspielausbildung studierte sie Bildhauerei in München, sprach seit 1948 in Hörspielen. Immer war sie in Bewegung, so lebt Ellis Kaut noch heute. Sie hat ihre Schreibmaschine längst gegen einen Computer eingetauscht, hat ein Handy, bearbeitet Digitalfotos mit Photoshop, beantwortet per E-Mail Fanpost. „Was mich interessiert hat, wollte ich immer lernen.“ So einfach ist das.

Dass Ellis Kaut Autorin geworden ist, verdankt sie dem Zufall. Und ihrem vor 19 Jahren verstorbenen Ehemann. In den jungen Journalisten Kurt Preis hatte sie sich schon als 17-jähriges Mädchen verliebt. Doch der 24-Jährige interessierte sich nicht für sie. Auch ihr Versuch, ihn mit ihren Skulpturen zu beeindrucken, scheiterte: Frech fragte Preis sie, wie ihr Selbstporträt aus dem noch nicht getrockneten Ton wohl nach einer Ohrfeige aussehen würde.

Aus Wut und Enttäuschung schrieb Ellis Kaut einen Zeitungsartikel fürs Feuilleton, wieder um Preis zu beeindrucken: „Die Geschichte meines Kopfes“, hieß er und enthielt Kauts Gedanken über Mut und Hochmut, Schaffen und Scheitern. „Trotz aller sprachlichen Unvollkommenheiten war der Text voller Kraft und Energie“, sagt sie. Und erfolgreich. Der Artikel wurde gedruckt – und Kurt Preis geheiratet.

Manchmal hat es Ellis Kaut bedauert, dass ihre anderen Figuren nicht so bekannt geworden sind wie ihr Kobold. „Der Kater Musch oder Schlupp vom grünen Stern waren mindestens genauso gut“, sagt sie selbstbewusst. Aber dann gibt es immer wieder diese besonderen Momente. Etwa wenn sie an einem Schalter steht und etwas unterschreibt. Dann spielen sich immer dieselben Szenen ab. Die Leute sehen die Unterschrift, schauen mit großen Augen Ellis Kaut an und fragen: „Sind Sie’s?“ Nie dauert es lange, bis vom Pumuckl gesprochen wird. „Sobald sein Name fällt, lachen die Leute“, sagt sie und lächelt. „Es ist schön zu sehen, welche Freude er immer auslöst. Das ist eine Wirkung, die ich niemals hätte berechnen können.“

Einmal wollte sie Pumuckls Geschichte zu Ende bringen. Ein schönes Ende sollte es sein, heiter und unsentimental. Pumuckl sollte einen Koboldfreund finden und mit ihm zurückreisen in seine Welt, die Welt der Klabauter. Die Sendung lief am zweiten Weihnachtsfeiertag 1971 im Radio – und löste einen telefonischen Proteststurm aus. Weinende Kinder und wütende Eltern riefen an, beschimpften Kaut als „Pumuckl-Mörderin“ und verlangten, dass sie den Kobold zurückholt. Ellis Kaut kapitulierte.

Ihr jüngstes Werk widmete die 90-Jährige nicht dem Pumuckl, sondern sich selbst. Sie hat eine Autobiografie geschrieben. „Manchmal muss ich mir selbst bestätigen, dass ich was geschaffen habe“, sagt sie. Freilich: Ausklammern konnte sie ihren Kobold auch da nicht. Schon der Titel „Nur ich sag’ ich zu mir“ ist ein Pumuckl-Zitat. Und im Grunde hatte ihr Mann an jenem Wintertag 1961 schon Recht: Tief in ihrem Herzen ist Ellis Kaut eben ein rechter Pumuckl.

Katrin Woitsch

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