+
Auch für die zunehmende Zahl der Radfahrer wird der Verkehrsraum in München immer enger.

Gefährliches Gedränge

Herrscht in München wirklich der Radl-Irrsinn?

  • schließen

Bayernweit ereignen sich immer mehr Fahrradunfälle. In München sind die Zahlen auf gleichbleibendem Niveau, sogar leicht gesunken. Der Wahrnehmung vieler Bürger entspricht das nicht. Und Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.

München - Erst am Mittwoch hat es wieder gekracht: Beim Überholen stießen im Westend zwei Radler zusammen. Eine 69-Jährige wollte in der Ganghoferstraße abbiegen, ein Mann überholte sie im gleichen Moment. Die beiden stießen zusammen. Die Münchnerin kam schwer verletzt ins Krankenhaus. Der Unbekannte fuhr davon, ohne seine Personalien zu hinterlassen.

Haben Radfahrer selbst Schuld?

Es ist kein Einzelfall. In Bayern gibt es immer mehr Fahrradunfälle. Seit 2013 verzeichnet das Innenministerium einen Anstieg. Das geht aus einer parlamentarischen Anfrage der SPD-Landtagsfraktion hervor. Rein rechnerisch krachte es damit alle 33 Minuten. Ein Großteil der Unfälle geht auf das Konto der Radfahrer selbst. Das gilt auch für München – obwohl sich dort ein etwas abweichendes Bild ergibt.

Unfälle mit Radlern in München

In der Landeshauptstadt ging die Zahl der Unfälle mit Radlern im Jahr 2016 sogar leicht zurück (-1,9 Prozent). Doch laut Polizei und Allgemeinem Deutschen Fahrrad Club (ADFC) ist die Dunkelziffer wohl hoch. Gerade Autofahrer und Radfahrer würden sich oft untereinander einigen und nicht die Polizei rufen. Möglicherweise ist der Verkehr in München meist so zähfließend, dass die Zusammenstöße glimpflicher ausgehen als in ländlicheren Gegenden mit weniger Stau.

Vier Radfahrer kamen in München 2016 ums Leben. Insgesamt war jeder dritte Verkehrsteilnehmer, der 2016 verletzt wurde, mit dem Fahrrad unterwegs. In Zahlen sind das 2621 verletzte Radler. Auch in diesem Jahr gab es schon schwere Unfälle mit Radfahrern: Im August wurde die Schauspielerin Silvia Andersen (51) von einem Lkw überrollt. Der Fahrer hatte die Frau beim Abbiegen wohl im toten Winkel übersehen. Generell trägt laut Polizei jedoch in der Landeshauptstadt bei mehr als der Hälfte der Unfälle (51,6 Prozent) der Radler die Schuld.

Immer mehr Fahrräder sind in München unterwegs

Dass sich die Situation künftig entspannt, ist fraglich: Denn immer mehr Menschen und damit statistisch gesehen auch mehr Fahrräder sind in der Stadt unterwegs. Zudem wächst die Zahl an Elektrofahrrädern, wie sich an der Unfallzahl mit den sogenannten E-Bikes zeigt: Diese sind bayernweit von 208 im Jahr 2012 auf 758 im Jahr 2016 um 264 Prozent innerhalb von vier Jahren gestiegen.

Werden Radfahrer immer rücksichtsloser?

Viele Münchner haben zudem das Gefühl, Radler würden immer rücksichtsloser, schneller und vor allem immer mehr. 

„Je näher man in die Innenstadt kommt, desto krimineller fahren die Radler“, schimpft zum Beispiel der Taxi-Unternehmer Paul Rusch, der seit 15 Jahren Taxi in München fährt. Viele würden bei Rot über die Ampel rauschen und seien bei Dunkelheit ohne Licht unterwegs. „Viele Radler fühlen sich als Matadore der Straße.“ Der Kampf der Radler untereinander werde immer schlimmer.

Radwege in München sind zu eng

Polizeihauptkomissar Michael Reisch

Das liege laut Michael Reisch, beim Polizeipräsidium München zuständig für Verkehrsfragen, auch daran, dass die alten, schmalen Radwege nicht auf die stetig wachsende Zahl ausgerichtet sei.
„Der Verkehrsraum wird auch für die Radfahrer eng.“ Reisch empfiehlt, dass gerade ungeschützte Verkehrsteilnehmer wie Radler und Fußgänger immer mit den Fehlern der anderen rechnen sollten. Die häufigsten Vergehen, die Radler in München machen, seien das Fahren auf der falschen Seite, das sogenannte „Geisterradeln“ und das Missachten von Roten Ampeln. „Gerade jetzt im Herbst ist es auch wichtig, rechtzeitig das Licht einzuschalten, spätestens wenn der erste Autofahrer mit Licht fährt“, sagt Reisch. Erlaubt seien jetzt auch Aufsteckleuchten. „Diese müssen aber zugelassen sein. Sich ein Handy vors Rad oder Gesicht zu halten, geht nicht.“

Lesen Sie einen Gastbeitrag zum Revierkampf auf der Straße: 7 Dinge müssen wir tun, um als Radler in München zu überleben

Nur die Spinner fallen auf

Andreas Groh vom ADFC betont einmal mehr, dass die Politik gefordert sei, die Infrastruktur für Radfahrer auszubauen. „Die Mehrheit fährt allerdings vernünftig, es sind immer die Spinner, die auffallen.“ 

Gründe für den gefühlten Kampf auf den Radwegen könnte seiner Ansicht nach sein, dass Radeln immer beliebter werde und neben guten, schnellen Fahrern nun auch die Unsicheren unterwegs seien. Auch der rasante Anstieg der Elektro-Radler, die teilweise ungeübt seien und die höheren Geschwindigkeiten unterschätzten, tragen dazu bei. Groh betont: „In der Enge der Stadt sollte jeder einen Gang zurückschalten. Gegenseitige Rücksichtnahme ist das A und O.“

Im August sorgte ein Vorfall an der Brienner Straße für Schlagzeilen. Hier rasen immer mehr Radfahrer rücksichtslos über den Gehweg. Ein 62-Jähriger hatte sogar einen Polizisten gerammt.

Bayern

2012

2013

2014

2015

2016

Unfälle mit Radlern

13.935

13.575

14.540

15.405

16.057

Verursacher: Radler

61,4 %

61,0 %

62,4 %

63,0 %

65,4 %

Getötete Radfahrer

74

62

76

81

68

Verletzte Radfahrer

12.688

12.360

13.158

14.039

14.687

Darum sollte jeder Münchner unsere Stadtviertel-Seiten auf Facebook kennen

Welches ist Ihr Münchner Viertel? Sendling? Ramersdorf? Moosach? Das Westend? Wir haben Facebook-Seiten gegründet, auf denen wir alles Wichtige, Aufregende und Schöne und Ihre Liebe zu diesem einen Viertel mit Ihnen teilen. Hier entlang zur Liste.

Lesen Sie auch: Redakteurin Martina Lippl schreibt, warum das Radeln in München nur im Regen okay ist

.

Populäre Irrtümer rund ums Radfahren

Von Stefanie Wegele

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mysteriöse Abbuchung: 170.000 Euro vom Konto weg
Anne H. ging offenbar falschen Polizisten auf den Leim und gab ihre Bankdaten weiter. 170.000 Euro auf ihrem Konto fehlen nun - die Rentnerin macht die Bank für die …
Mysteriöse Abbuchung: 170.000 Euro vom Konto weg
MVV-Tarifreform: Was sich ändert und wer ab 2019 wirklich spart
Ring frei für die neuen Ringe! Mitte oder Ende 2019 will der MVV ein neues Tarifsystem einführen. Das heißt: Die Preise für Bus- und Bahnpendler werden in Zukunft anders …
MVV-Tarifreform: Was sich ändert und wer ab 2019 wirklich spart
Zwei Sterne bald weg? Diethard Urbansky verlässt Dallmayr
Diethard Urbansky verlässt das Zwei-Sterne-Restaurant „Dallmayr“ nach 17 Jahren. Für seine Arbeitsstätte könnte dies schon bald einschneidende Folgen haben.
Zwei Sterne bald weg? Diethard Urbansky verlässt Dallmayr
Erneut Polizei-Ermittlungen bei Holzkirchen: S3 endet vorzeitig
Zahlreiche Pendler sind Tag für Tag auf den S-Bahn-Verkehr in und um München angewiesen. Doch immer wieder kommt es zu Störungen, Sperrungen und Ausfällen. In unserem …
Erneut Polizei-Ermittlungen bei Holzkirchen: S3 endet vorzeitig

Kommentare

Da HiasAntwort
(0)(0)

Also von Kreuzung zu Kreuzung ausbremsen bis zum Anschlag, und riechen können, ob der Autofahrer, der mit etwas Glück grad mal 5m vor der Abzweigung blinkt, rechts abbiegt. Stop & Go. Ach ja, für den Fußgänger müssen Sie als abbiegender Fahrzeugführer übrigens auch achten und ihm den Vorrang lassen (§ 9 Abs. 3 Satz 3 StVO). Der darf laufen. Den Radler wollen Sie so ausbremsen, daß ein angemessenes Vorankommen zum Witz wird.
Preisfrage: Ist ein Fahrrad ein Verkehrsmittel, um zügig von A- nach B zu kommen so wie ein Auto auch, oder meinen Sie, jeder Radler fährt einfach nur aus Jux und Tollerei?

Radeln, aber sicher!Antwort
(0)(0)

Der LKW-Fahrer hat eben sicherzustellen, dass sich niemand im toten Winkel befindet, bevor er das Fahrzeug bewegt. Siehe dazu bspw. die Aussage eines LKW-Fahrlehrers.

Der LKW-Fahrlehrer Markus Geilert äußerte sich bspw. [...] in einem Interview wie folgt:'"Wenn mir ein Lkw-Fahrer erzählen will, dass er nichts dafür konnte, weil er den Fußgänger oder Radfahrer nicht gesehen hat, stimmt etwas nicht. Man kann sich da nicht herausreden. Der Fehler liegt immer beim Fahrer."

Deshalb trage er in nahezu allen Gerichtsverfahren nach Unfällen mit Toten oder Verletzten beim Rechtsabbiegen die Hauptschuld. "Der Fahrer muss wissen, was auf dem Geh- und Radweg rechts neben ihm abgeht", sagt Geilert. "Er muss vorausschauend fahren und frühzeitig erkennen: Da war ein Radfahrer, da war eine Frau mit einem Kinderwagen. Und wenn er die Frau beim Abbiegen nicht mehr sieht, muss er warten und gucken. Zur Not muss er sogar auf den Beifahrersitz rutschen. Und es darf ihn einen Kehricht interessieren, ob da einer ausflippt, ob da einer hupt oder drängelt."'

TerminatorAntwort
(1)(0)

Du drückst dich leider öfter etwas ungenau aus, aber kein Problem. Kenne das ja nicht anders bei dir und dann frag ich eben nach.

Wenn sich jemand in den toten Winkel gestellt hat, sehe ich den ja nicht. Das Fahrzeug kann ich natürlich schon bewegen, aber derjenige im toten Winkel ist dann halt not amused. Aber was soll der LKW - Fahrer nun tun?
Bei der Beantwortung dieser Frage sind wir keinen Schritt weiter als vorher...