Radlerclub legt sich mit der Polizei an

München - Scharfe Kritik an der Arbeit der Polizei kommt vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) in München: Die verstärkten Kontrollen von Radfahrern in den letzten Wochen seien am Ziel vorbei gegangen.

Die Polizei solle lieber den motorisierten Verkehr stärker ins Visier nehmen. Im Präsidium widerspricht man freilich: Die Kontrollen seien den hohen Unfallzahlen geschuldet.

Hintergrund der Kritik des ADFC ist die Kampagne „Gscheid radeln“, die die Polizei Ende Mai gestartet hatte. Grund hierfür waren die „im Zeitraum von Januar 2011 bis Mai 2011 im Vergleich zum Vorjahr stark gestiegenen Unfallzahlen“, sagte Werner Kraus, Sprecher der Polizei. Es habe 44,6 Prozent mehr Unfälle mit Beteiligung von Radfahrern und 49,5 Prozent mehr Verletzte gegeben. Über die Hälfte dieser Unfälle, so hieß es, werden von den Radfahrern selbst verursacht (wir berichteten).

Mittlerweile sind zwei Schwerpunktaktionen unter den Titeln „Rotlicht“ und „Miteinander“ abgeschlossen. Der ADFC kritisiert, dass erst in der zweiten Aktion das Augenmerk auch auf den motorisierten Verkehr gelegt wurde - und der Fokus trotzdem noch auf den Radfahrern lag. „Dabei sind Fehler beim Abbiegen durch Kfz-Führer zu 19 Prozent Ursache aller schweren Unfälle mit Radfahrerbeteiligung sowie Vorrang- und Vorfahrtverletzungen durch ebendiese zu 14 Prozent“, sagte Traudl Schröder, Sprecherin des Fahrrad-Clubs. Rotlichtverstöße von Radfahrern, auf die es die Polizei in der ersten Aktion abgesehen habe, machten dagegen nur zwei Prozent aus.

„Bei allem Verständnis für die Forderung, die Autofahrer stärker in den Fokus zu nehmen“, sagte Kraus: Die Unsitte, das Rotlicht der Ampel zu missachten, sei in der Gruppe der Radfahrer „deutlich verbesserungswürdiger“ als bei den Autofahrern. Zudem führten Unfälle in diesem Zusammenhang zu schweren Verletzungen, vor allem bei Radfahrern und Fußgängern.

Der ADFC will den Verweis auf die Unfallzahlen nicht unbedingt gelten lassen: „Wir sind eher der Meinung, dass das gute Radl-Wetter im Frühling ausschlaggebend für die gestiegenen Zahlen war“, sagte Schröder. Im Vorjahr sei das Wetter weitaus schlechter gewesen.

Zudem sei es „irreführend“, dass die Polizei behaupte, in mehr als der Hälfte der Unfälle sei ein Radfahrer der Verursacher - „wenn zwei Radler zusammenstoßen, kann ja nur ein Radler der Verursacher sein“, wendet Schröder ein. Man müsse deshalb Unfälle nur unter Radfahrern getrennt betrachten.

Die Polizei nennt das eine „Milchmädchenrechnung“: Es handele sich schließlich trotzdem um einen Unfall, bei dem es unter Umständen Verletzte gebe. „Also ist er auch mit zu berücksichtigen“, sagte Kraus.

Insgesamt konstatierte der ADFC, „es entstehe der Eindruck, es genüge, allein die Radfahrenden zur Einhaltung der Verkehrsregeln zu erziehen“. Rolle und Beitrag des motorisierten Verkehrs blieben im Dunkeln. Der Vorsitzende Peter Kappel forderte: „Die Polizei muss auch das Fehlverhalten von Kfz-Führern verstärkt ahnden.“

Im Polizeipräsidium betont man, längst auf ein „Miteinander“ aller Verkehrsteilnehmer, wie der Club es fordert, bedacht zu sein - „auf das Jahr gerechnet“, so Kraus, „werden ja im Vergleich zu den Kfz-Führern weitaus weniger Radfahrer und Fußgänger kontrolliert“.

Ann-Kathrin Gerke

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