Imposante Kulisse: 25.000 Münchner haben auf dem Königsplatz gegen Rassismus demonstriert.
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Imposante Kulisse: 25.000 Münchner haben auf dem Königsplatz gegen Rassismus demonstriert.

Von Beleidigungen bis zu Übergriffen

Rassismus in München: Betroffene berichten von ihren Erfahrungen - auch aus dem Kindergarten

  • Sarah Brenner
    vonSarah Brenner
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  • Nadja Hoffmann
    Nadja Hoffmann
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Die Dunkelziffer: groß. Die Zahl der Fälle, die bekannt werden: stetig steigend. Rassistische Übergriffe und Fremdenhass sind auch in München ein Thema. Das zeigen offizielle Statistiken genauso wie die Erfahrungen der Menschen, die mit den Anfeindungen leben müssen.

  • Das Thema Rassismus kommt auch in München auf die Agenda.
  • In der Stadt wird Fremdenhass noch immer ausgelebt - das belegen Statistiken.
  • Betroffene wie der Schauspieler Simon Pearce schildern ihre Erfahrungen.
  • Alle wichtigen Geschichten aus München gibt es in unserer App.

München - München steht auf gegen Fremdenhass und Rassismus. Die Bilder vom Königsplatz, wo am Samstag 25.000 Menschen ein Zeichen gesetzt haben, sind imposant. Und nicht verwunderlich, denn: „Auch in München gibt es Rassismus - sowohl im Alltag als auch institutionell.“ Das sagt Miriam Heigl von der städtischen Fachstelle für Demokratie. Ihre Erfahrungen stützen sich auf Studien und Berichte von Betroffenen.

Opfer von Rassismus können sich an den städtisch finanzierten Verein „Before“ wenden. Das Angebot ist notwendig, das zeigt die Zahl der Beratungen: Mehr als 250 sind es pro Jahr. Tendenz: stark steigend. „Der Bedarf in München ist groß“, sagt ein Vereinssprecher. Und die Dunkelziffer dürfte noch viel größer sein.

Rassismus in München: Polizei verzeichnet 2020 bislang 49 Taten mit rassistischem Hintergrund

Dazu passt die Statistik der Polizei: Im Sicherheitsbericht 2018 ist eine Steigerung der Fallzahlen bei Hasskriminalität um 33,9 Prozent auf 308 Delikte aufgeführt. Nächste Woche gibt es frische Zahlen. In diesem Jahr hat die Pressestelle der Polizei 49 Taten mit rassistischem Hintergrund verzeichnet. „Bei 23 davon handelte es sich um Beleidigungen“, erklärt ein Sprecher. In zwei Fällen kam es zu Gewalt.

Solche Übergriffe stehen an der Spitze. Rassismus fängt aber schon im Kleinen an: mit Blicken, Gesten, Kommentaren. Das zeigen die Erfahrungen der Betroffenen, mit denen der Merkur gesprochen hat. „Wir brauchen mehr Bewusstsein und Sensibilität“, fordert Fachstellen-Chefin Heigl, „mehr Solidarität mit Betroffenen, mehr offenen Widerspruch gegen rassistische Äußerungen im Alltag“. Das zeigen auch die Erfahrungen, die Menschen in der Stadt machen. Wie zum Beispiel Simon Pearce.

Rassismus in München: Schauspieler Pearce erlebt Intoleranz am eigenen Leib

Er erinnert an einen wichtigen Aspekt: „Rassismus ist kein Münchner Problem. Es gibt ihn überall.“ Für den Künstler ist die Großdemo vom Samstag nichtsdestoweniger ein gutes Zeichen. Der Kabarettist und Schauspieler macht Intoleranz und Fremdenhass immer wieder zum Thema.

Dann, wenn ihm eine alte Frau in der Tram ungefragt in sein krauses Haar greift und sagt: „Mei, wie ein Schaf.“ Wenn ein Nachbar ihm und seinen Freunden bei einer lauteren Umzugsaktion zuruft: „Wir sind hier nicht im Urwald.“ Oder wenn er mal eben so „du Affe“ genannt wird. Der alltägliche Rassismus ist anstrengend, sagt Pearce. Aber mindestens genauso, die Menschen immer noch überzeugen zu müssen, dass es ihn wirklich gibt.

Erlebt immer wieder rassistische Übergriffe: der Schauspieler und Kabarettist Simon Pearce.

Rassismus in München: Mexikanischer Restaurantbetreiber bei Bewerbung auf Freundin angewiesen

Nicht gerade einfach ist es auch mitunter für Iván Nájera. Bis er sein mexikanisches Restaurant aufmachen konnte, war es ein steiniger Weg. „Ich habe um die 20 Bewerbungen verschickt“, erzählt er, „und genauso viele Absagen bekommen.“ Erst, als er eine Freundin mit deutschem Namen darum gebeten hatte, sich für ihn für eine Lokalfläche zu bewerben, hat’s geklappt.

Aufklärung sei wichtig, ist sich Nájera sicher. Noch wichtiger seien allerdings Taten. Denn: „Wie viele Münchner würden ihre Wohnung an einen Ausländer vermieten? Oder: Wie viele haben tatsächlich einen ausländischen Freund?“

Gleichberechtigung muss gelebt werden, ist sich Iván Nájera sicher.

Rassismus in München: Gebürtiger Tunesier will Heimat nicht auf ein Land beschränken

Wobei: Geburtsland, Herkunft, Reisepass - was sagen diese Dinge schon über einen Menschen aus?, fragt Mabrouk Yahyaoui (50). „Wieso bestimmen ein paar Buchstaben auf einem Stück Papier, wie ein Mensch behandelt wird?“

Heimat, das ist für den gebürtigen Tunesier kein Name, keine Farbe, kein Land, sondern ein Gefühl, „das allerdings leider viel zu oft von rassistischen Äußerungen überschattet wird“. Je mehr Beachtung dem Thema geschenkt werde, desto besser. Denn: „Im Prinzip sind wir doch alle gleich: Wir sind Menschen.

Heimat - das ist für Mabrouk Yahyaoui kein Land, sondern ein Gefühl.

Rassismus in München: Manchmal fängt es unterschwellig schon im Kindergarten an

Ein einfaches Prinzip, das aber nicht für alle Menschen gleich einfach ist. Das musste auch Shayne Stubbs spüren. Er konnte gerade laufen, die ersten Sätze sagen, da fing die Ungerechtigkeit schon an. Unterschwellig, vielleicht sogar unbewusst, trotzdem war sie da.

„Im Kindergarten“, erinnert er sich, sei er mit Sätzen wie „du bist schwarz wie Kacka“ konfrontiert worden. Bei dem Spiel „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ wurde grundsätzlich gelacht. Der Grund für all die Gemeinheiten sei ihm zwar erst später so richtig klar geworden, erzählt er, doch das Gefühl, von den anderen Kindern gehänselt und ausgegrenzt zu werden, war von Anfang an da.

Rassismus in München: Wegen Hautfarbe in U-Bahn und am Flughafen schief angeschaut

Noch heute wird der Münchner, dessen Mutter auf den Bahamas lebt, aufgrund seiner Hautfarbe schief angeschaut. In der U-Bahn, am Flughafen, im Supermarkt. „Ich habe so oft das Gefühl“, erzählt Stubbs, „zu fremden Menschen immer ganz besonders nett sein zu müssen, ihnen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln zu müssen, um dazu zu gehören.“

Dabei gehe doch von ihm keinerlei Gefahr aus. „Auch nicht, wenn ich mal in Kapuzenpulli und Jogginghose zum Training fahre und wie ein Hip-Hopper aussehe.“ Leider, ist sich der Tänzer sicher, hätten sich solche Denkweisen mittlerweile in unser Unterbewusstsein gebrannt. „Ich wünsche mir“, meint Stubbs, „dass es bald keinen Unterschied mehr macht, wo man herkommt, welcher Religion man angehört oder welche Hautfarbe man hat.“

Shayne Stubbs weiß: Im Kindergarten fängt’s an.

Rassismus in München: FC Bayern positioniert sich mit Aktionen klar

Dafür setzt sich mit dem FC Bayern München* auch ein prominenter Verein ein, für den Spieler aus vielen Teilen der Welt auflaufen. Wie der spanisch-brasilianische Fußballer Thiago, der deutliche Worte findet. „Ich habe in meinem Leben leider schon viele Male Rassismus erlebt - und nie verstanden. Man muss Respekt haben. Rassismus macht mich wütend und traurig.“

Thiago beteiligt sich mit vielen Kollegen an einer besonderen Aktion seines Arbeitgebers: Mit „Rot gegen Rassismus“ positioniert sich der FC Bayern München eindeutig gegen Fremdenhass. Und das in der neu entflammten Debatte um Rassismus einmal mehr. Beim Auswärtsspiel gegen Leverkusen trugen die Spieler am Samstag Aktions-T-Shirts beim Aufwärmen. Ergänzt um den Hashtag #Blacklivesmatter*.

Setzt ein Zeichen: Bayern-Spieler Thiago.

Entfacht wurde die Rassismus-Debatte durch den auf Video festgehaltenen gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd*, dem bei einer Festnahme vom Polizisten Derek Chauvin* die Luft abgeschnürt wurde.

Weil er zu rassistisch ist, nimmt ein amerikanischer Streaming-Dienst* den Film-Klassiker „Vom Winde verweht“ von seiner Plattform. 

Münchner Corona-Demonstranten äußern derweil Vorwürfe in Richtung der Anti-Rassismus-Kundgebungen. In der Talksendung von Anne Will wird die aktuelle Lage diskutiert und dabei ein erschreckende Szenario skizziert.

*merkur.de und tz.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks. 

Sarah Brenner, Nadja Hoffmann

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