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Auf Facebook kursierten die Beiträge von Thomas S. mit Soldatenliedern und Beschimpfungen. Dieser hier erschien kurz vor der Wahl der Münchner JU. Meist blieben die Beiträge nur kurz zu lesen, bevor sie wieder gelöscht wurden.

Rechtsextremes Gedankengut schockt Junge Union

München - Nach der Wahl des neuen Vorstands blickt die Junge Union München nach vorn - doch einzelne Mitglieder sorgen immer wieder für Querelen. Im Internet tauchte jetzt auch rechtsradikales Gedankengut auf.

Es sah nach einer harmonischen Veranstaltung aus, vor ein paar Tagen im Hofbräuhaus. Die Junge Union München wählte einen neuen Vorstand - fast alle Bewerber traten ohne Gegenkandidaten an und erzielten beste Ergebnisse. Danach gingen viele der CSU-Nachwuchskräfte noch gepflegt ein Bier trinken.

Doch hinter den Kulissen gärt es. In den Facebook-Netzwerken der JU kursieren vor und nach der Wahl Einträge mit verstörend martialischer Rhetorik. „Eine kleine Clique inkompetenter Apparatschiks hat sich heute der JU bemächtigt“, schrieb Thomas S., ein Kreisvorsitzender der Münchner JU nach der Wahl. „Aber: ,Wir kommen wieder, wir kommen wieder, wir kommen sieggekrönt nach Haus.‘“

Der zweite Abschnitt ist Teil eines Soldatenliedes aus längst überwundenen Tagen. Im Internet taucht es in Listen von Wehrmachtsliedern auf, Videos mit Hakenkreuzen und marschierenden Soldaten flimmern bei Youtube über den Bildschirm, sobald man das Lied dort aufruft.

Viele Mitglieder der Jungen Union sind schockiert - sie verschicken S.’ Facebook-Beiträge untereinander, wenden sich schließlich auch an die Presse. Pikant ist der Vorfall nicht nur wegen der martialischen Wortwahl - sondern auch deshalb, weil Thomas S. dem Umfeld von Stefan Rothbauer zugerechnet wird: jener kleinen, aber sehr umtriebigen Clique, die vielen in der CSU größte Sorgen macht, weil sie schon mehrfach für Querelen sorgte. Vor wenigen Tagen erst musste Rothbauer, der Ex-Chef des Kreisverbands 6 im Münchner Süden, aus JU und CSU austreten. Unsere Zeitung berichtete, dass er 8100 Euro aus der Kasse des Kreisverbands entwendet hatte. Die Staatsanwaltschaft nahm dies zum Anlass, Vorermittlungen gegen Rothbauer einzuleiten. Thomas S.’ Facebook-Eintrag drückte offenbar seinen Frust darüber aus, dass die Gruppe nach dem Rothbauer-Skandal nun in der neuen JU-Führung keine Rolle mehr spielt. Und es ist nicht das erste Mal, dass er dabei rechtes Vokabular verwendet.

Schon vor der JU-Wahl am vergangenen Mittwoch hatte Thomas S. mit einem bedrohlichen Beitrag auf Facebook für Aufruhr gesorgt. Zu lesen war, zur „Einstimmung“ auf den Wahlabend, der Text eines Soldatenliedes, das auch eine rechtsextreme Band bekannt machte: „Uns kann keiner, uns kann keiner, das soll die Parole sein. Uns kann keiner, uns kriegt keiner, auf der ganzen Erde klein. Und bringt uns einer wirklich um, dann singen wir noch mal von vorn...“ Dazu stellte S. auf Facebook einen Videolink mit dem Bild eines Eisernen Kreuzes.

Auch gestandene CSU-Landespolitiker beunruhigen derlei Aktionen. Im vertraulichen Gespräch berichten sie, dass die Gruppe um Rothbauer und Thomas S. bei der CSU „unter Beobachtung“ steht - weil sie „sehr rechts“ seien und innerhalb der JU nach Posten und Einfluss streben. In JU-Kreisen ist zu hören, der neue Münchner Vorsitzende Günther Westner soll von der Gruppe bedrängt worden sein, ihnen Posten innerhalb des neu gebildeten Vorstands zu verschaffen.

„Man hat versucht, uns unter Druck zu setzen“, bestätigte Westner, „aber wir haben uns nicht beeinflussen lassen.“ In der Tat blieb die Kandidatur eines Vertrauten von Thomas S. für einen Vizeposten erfolglos. Nun richtet sich die Wut der Gruppe auf Westner. In einem weiteren Facebook-Beitrag beschimpfte Thomas S. den neuen JU-Chef mit den Worten „schäbiger Lump“ - so lautete auch ein berüchtigtes Schimpfwort des Nazi-Richters Roland Freisler. Auf Anfrage der Redaktion sagte S., er wolle nicht mit unserer Zeitung sprechen.

Unterdessen brodelt auch die Affäre um Rothbauer weiter. Inzwischen kursieren innerhalb der JU Aufstellungen der Abhebungen, die in den letzten zwei Jahren vom Konto seines Kreisverbands getätigt wurden. Daraus geht hervor, dass vom Verbandskonto unter anderem Schuhe für 200 Euro gekauft wurden. Auch diverse Wiesn-Besuche und ein Selbstverteidigungskurs wurden von dem Konto bezahlt und zahlreiche Barabhebungen getätigt. Wie berichtet, konnte Rothbauer für 8100 Euro keine Belege vorweisen. Rothbauer hat schriftlich anerkannt, dass er den genannten Betrag der JU München-Süd schuldet und sich zur Rückzahlung verpflichtet.

Der neue Chef der Münchner CSU, Kultusminister Ludwig Spaenle, hat den Fall verärgert zur Kenntnis genommen. „Es ist eine unappetitliche Angelegenheit, wenn jemand aus persönlichen Motiven der eigenen Partei einen Vermögensschaden zufügt“, so Spaenle. „Das Schuldeingeständnis ist da - nun werden sich die zuständigen Gremien der Partei mit dem Fall befassen. Denen kann und will ich nicht vorgreifen.“ Spaenle versprach jedoch: „Ich werde aber persönlich ein Auge darauf haben, dass der Schaden vom Verursacher wieder gut gemacht wird.“

Am kommenden Donnerstag wählt die JU München-Süd den Nachfolger Rothbauers. Mit Spannung wird erwartet, wer den Posten erhält - und welcher Fraktion innerhalb der JU er angehört. Denn der neue Chef des Kreisverbands wird auch die weitere Aufklärung des Falls Rothbauer verantworten.

Johannes Patzig

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