Ein Rekordjahr für den Wiesn-Pfarrer

München - Rainer Schießler hat heuer wieder als Oktoberfest-Bedienung geschuftet. Er hat hat so viele Spenden wie nie eingenommen - und ein besonderes Geschenk bekommen.

Rainer Maria Schießlers Stimme merkt man an, dass an seiner Gurgel in der Nacht zum Montag die eine oder andere Mass Bier vorbeigeflossen sein muss. Der heisere Pfarrer von St. Maximilian hat wieder 16 Tage für einen guten Zweck auf der Wiesn verbracht – aber die letzte Nacht hatte es in sich: „Wir Bedienungen arbeiten ständig im Akkord nebeneinander her und haben kaum Zeit, uns zu unterhalten“, näselt er. „Deshalb setzen wir uns hinterher noch einmal zusammen und feiern.“

Zum vierten Mal war der Mann, der am morgigen Mittwoch 49 Jahre alt wird, Bedienung Nummer 162 im Schottenhamel-Biergarten. Schießler gibt alle seine Einnahmen als Spende weiter. Und es war sein erfolgreichstes Jahr: „Es war weitaus mehr als 2008“, sagt der Geistliche aus der Glockenbachviertel-Gemeinde. „Das schöne Wetter war ein Gottesgeschenk.“ Genaue Summen will er nicht verraten, spricht von „mehreren tausend Euro“, die er an seine Freundin Lotti Latrous aus der Schweiz überweisen wird. Latrous betreibt an der Elfenbeinküste ein Hospiz, eine Aids-Beratungsstelle für Frauen und ein Waisenhaus. Seit Beginn des Jahres 2009 hat Schießler etwa 22 000 Euro an Spenden zusammenbekommen.

Was das vergangene Oktoberfest für ihn allerdings zu etwas ganz Besonderem gemacht hat, ist die Begeisterung, die sein Projekt mittlerweile auslöst. „Ich gehe da ja nicht offensiv mit der Sammelbüchse rum“, betont er. „Die Leute kommen einfach zu mir, fragen ,bist du der Pfarrer?‘ und drücken mir fünf bis hundert Euro in die Hand.“

Nicht nur Gäste, besonders auch die Kollegen unterstützen Schießler. „Ein paar Bedienungen aus dem Zelt haben mir die gesamten Trinkgelder eines Tages gespendet – 500 Euro“, betont der Pfarrer. Sogar eine Bedienung aus der Pschorr-Bräurosl sei in der Kantine auf ihn zugekommen und habe ihm 200 Euro gegeben.

Schießler könnte auch heuer wieder ein Buch über seine Wiesn-Erlebnisse schreiben. Dass er zur Diamantenen Hochzeit einer Kollegin in fünf Jahren die Messe halten soll, dass ein Münchner nach dem Gespräch mit ihm wieder in die Kirche eingetreten ist. Dass während der Wiesn acht Bedienungen im Pfarrheim St. Maximilian eine Herberge fanden. „Ich merke: Dieser Weg funktioniert“, sagt der Seelsorger. „Die Kirche muss den Menschen dort aufsuchen, wo er ist und nicht dort, wo sie ihn haben will.“

Das Schönste gab’s zum Schluss. Als Abschiedsgeschenk überreichten Schießlers „Gartler“-Kollegen ihm noch eine besondere Auszeichnung: Eine Schützenscheibe mit seinem Konterfei, darunter steht: „Von deinen Schottenhamel-Ministranten.“ „Ich konnte nichts sagen, sonst hätte ich losgeheult“, sagt der Pfarrer. „Das ist die schönste Auszeichnung, die ich mir denken kann. Denn sie kommt nicht von oben – ich habe sie mir erarbeitet.“

Johannes Löhr

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