„Wir gehen baden – und mit uns die Kultur“: Die Schauspieler fordern eine Mindestgage von 1000 Euro pro Drehtag. Haag

„Rote Teppiche sind nicht die Realität!“

München - Am Rande des Filmfests: Rund 150 Schauspieler demonstrieren am Stachus-Brunnen für bessere Bezahlung.

1000 Euro, das sind zwei Flachbildfernseher, fünf Tiffany-Armbänder, eine einwöchige Städtereise nach Paris oder 100 Kinobesuche - Popcorn miteingerechnet. 1000 Euro am Tag verdienen - das klingt nach einer Menge Geld. Doch wenn man mehrere Wochen mit diesem Geld auskommen muss, ist es gleich nicht mehr so viel.

1000 Euro Tagesgage für ihren Einsatz vor der Kamera seien das Minimum, da waren sich alle Schauspieler einig, die am Samstag zum Stachusbrunnen gekommen waren. Etwa 150 Darsteller aus der deutschen Filmbranche - darunter viele bekannte Gesichter wie Hannes Jaenicke, Jutta Speidel, Ursula Karven und Wayne Carpendale - versammelten sich dort, um auf die „zum großen Teil prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen aufmerksam“ zu machen, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Mit weißen Bademützen auf dem Kopf unterstrichen die Künstler ihr Motto „Wir gehen baden - und mit uns die Kultur“ und protestierten für eine bessere Bezahlung. Einige nahmen den Leitspruch wörtlich und wagten sich tatsächlich für ein Bad in die Strahlen des Brunnens, doch die Mehrheit blieb lieber am Rand stehen und schaute amüsiert zu.

Zu der Aktion hatte der Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler aufgerufen. Der BFFS befindet sich derzeit in Tarifverhandlungen mit den Produzenten. Die Schauspieler fordern die Einführung einer festen Anfänger-Gage für Jungschauspieler.

„Schauspielersein - damit verbinden viele Glamour, rote Teppiche und ausgesorgt haben“, sagte Katrin Filzen, 35, ehemalige Darstellerin der ARD-Soap Marienhof - „aber das ist nicht die Realität“. Und so ist es auch kein Zufall, dass die Schauspieler genau am Samstag zum Protest aufgerufen haben - einen Tag zuvor, am Freitagabend, wurde das alljährliche Münchner Filmfest eröffnet - mit Blitzlichtgewitter und Party im Bayerischen Hof. „Es gibt noch eine andere Seite der Medaille“, betont auch Antoine Monot, Jr. („Das Experiment“, „Almanya“), stellvertretender Vorstandsvorsitzender des BSSF. In den vergangenen Jahren seien die Einkünfte der Schauspieler um 50 Prozent gesunken, zudem werde bei steigenden Anforderungen immer weniger und in kürzerer Zeit produziert - für Monot eine „unhaltbare Situation“.

Eine Schauspielerin plaudert aus dem Nähkästchen: „Viele Firmen kalkulieren so, dass die großen Schauspieler gut bezahlt werden und alle weiteren Rollen bekommen einen Hungerlohn.“ Unter Hungerlohn versteht man hier 300 oder 400 Euro.

Die Bezahlung geht meist nur nach Drehtag. Anreise, Kostümprobe, Textlernen - all das wird nicht honoriert. 1000 Euro brutto ist deshalb das geforderte Gagen-Minimum pro Drehtag. Denn man muss bedenken, dass viele Schauspieler im Jahr nur auf etwa 20 Drehtage kommen, was einem Jahreseinkommen von 20 000 Euro entspräche.

„Wir kriegen Applaus, aber damit kriegen wir nicht den Kühlschrank voll“, drückt es der Schauspieler Heinrich Schafmeister aus, der mit Filmen wie „Comedian Harmonists“ bekannt wurde. Missstände bei Film- und Fernsehproduktionen kennt auch er. Kinder, die 13 Stunden am Set sind - erlaubt sind drei - oder Kollegen, die zu inakzeptablen Bedingungen arbeiten müssen. Hunde bekämen am Tag Gagen ab 350 Euro aufwärts, während Schauspielern nicht selten 200 geboten würden. „Wenn jeder so gut bezahlt werden würde wie der Hund aus Kommissar Rex, wären alle froh.“

Janina Ventker

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