Verspätete S-Bahnen halten nicht

Achtung, Zug fährt durch! Ministerium fordert Bericht

München/Gernlinden – Die S-Bahn verfolgt eine neue Strategie, um pünktlich zu bleiben. Die Züge halten im Verspätungsfall an kleineren Stationen nicht mehr. Das Verkehrsministerium wundert sich – und fordert von der S-Bahn einen Bericht.

Der Verwaltungsbeamte Christian Kemether fährt täglich von Gernlinden mit der S 3 nach München – und abends zurück. Auf dem Heimweg hatte die S-Bahn kürzlich etwa zehn Minuten Verspätung. Daraufhin ertönte am Bahnhof Pasing die Durchsage, dass die S 3 stadtauswärts erst wieder in Lochhausen halten werde – in Gröbenzell, Olching, Esting und Gernlinden werde durchgefahren. Auch seiner Frau erging es kürzlich ähnlich, berichtet Kemether. Die gleiche Methode wird bei der S 8 im Westen praktiziert – die S-Bahn überfährt Westkreuz, Neuaubing und Harthaus (wir berichteten) – und auch bei der S 4 im Osten.

Pendler-Ärger: Christian Kemether in Gernlinden.

Bei der S-Bahn bestätigt ein Sprecher, dass das Auslassen einzelner Stationen nicht etwa der Willkür eines Fahrdienstleiters zu verdanken ist, sondern eine neue Methode ist, die im Verspätungsfall gezielt angewendet wird. Bisher hätten verspätete S-Bahn-Züge früher gewendet – also etwa in Maisach statt am Endpunkt Mammendorf; jetzt werde versucht, verlorene Zeit durch das Auslassen kleiner Halte reinzuholen. Die Bayerische Eisenbahngesellschaft, die dem Verkehrsministerium untersteht und den Regionalzugverkehr bei den Unternehmen bestellt (und bezahlt), wusste von der neuen Praxis der S-Bahn bis gestern nichts, wie Sprecher Wolfgang Oeser sagt. Er wandte sich nach einer Anfrage unserer Zeitung an die S-Bahn – und bekam prompt eine Erläuterung von S-Bahn-Chef Bernhard Weisser. Er rechtfertigt die neue Methode. Er habe „nur wenige Alternativen“, so Weisser. „Die für die Fahrgäste negativste ist der Ausfall von Zügen der Verstärker-, in Einzelfällen auch der Grundtakte.“ Um dies zu vermeiden, „haben wir vereinzelt begonnen, Züge auf einzelnen Linienabschnitten an Stationen durchfahren zu lassen, um dadurch einen Gesamtausfall von Zügen, etwa auf der S 4 Ost zwischen Grafing und Ebersberg, abzuwenden.“

Dadurch sei zumindest sichergestellt, dass die verspätete S-Bahn mit kurzer Wendezeit in einer Art „Domino-Effekt“ die Verspätung nicht weiter in die nächste Fahrt mitschleppt. Weisser betont, es seien Ausnahmen, im Juni „weniger als 20“ Fahrten bisher.

Glücklich ist die BEG mit dieser Auskunft nicht. „Das klingt nach der Wahl zwischen Pest und Cholera“, sagt BEG-Sprecher Oeser. Die S-Bahn wurde aufgefordert, eine Statistik vorzulegen – im Einzelfall werde man das wohl tolerieren; nicht jedoch, wenn es häufig vorkomme. Ein Hintergrund der Neuerung mag auch sein, dass der Ausfall einzelner Halte nicht als Verspätung gewertet wird und demzufolge in der Pünktlichkeitsstatistik der S-Bahn nicht negativ zu Buche schlägt. „Eine Pönale (= Strafzahlung, d.Red.) fällt trotzdem an“, sagt Oeser.

Der Fahrgastverband Pro Bahn hat kein Verständnis für die neue Methode. „Das geht gar nicht“, sagt Sprecher Andreas Barth. „Das ist keine Kundenorientierung.“ Ähnlich ist die Meinung von Pendler Kemether: „Wenn wir Fahrgäste die Fahrkarten pünktlich zahlen müssen, erwarte ich auch, dass ich mich auf den Fahrplan verlassen kann.“

Dirk Walter und Regina Mittermeier

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