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Lächeln im Gewühle: S-Bahn-Chef Bernhard Weisser in der überfüllten S4.

Eine Fahrt mit der S4

S-Bahn-Chef testet: So eng geht's im Zug zu

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München - Wie voll ist die S-Bahn wirklich? Unsere Zeitung machte mit S-Bahn-Chef Bernhard Weisser am Tag nach dem Unglück von Olching einen S-Bahn-Check im knallvollen Zug.

Donnerstag, 16.59 Uhr, in zwei Minuten soll die S4 eintreffen. Tut sie aber nicht. Wie vom Journalisten bestellt, kommt die böse Durchsage: „... verspätet sich um acht bis zehn Minuten“. Bernhard Weisser kann trotzdem lächeln. Der Münchner S-Bahn-Chef knöpft seinen grauen Velours-Mantel zu und wartet geduldig am Bahnsteig. Durchschnaufen. Der Tag davor war schlimmer – der Unfall bei Olching schreckte ihn um 5 Uhr früh aus dem Schlaf. Nachmittags war er im Krankenhaus, um den verletzten Lokführer zu besuchen – aber der war zu seinem Schrecken nicht ansprechbar. Bis Ende nächster Woche ist die S3 unterbrochen. Schaden: mehrere Millionen Euro. Zwischendrin noch die große Stammstrecken-Störung. Und nun der S-Bahn-Check: Wie voll sind die Züge – und haben diejenigen recht, die beispielsweise auf der S4 Verbesserungen fordern?

Wie’s halt so kommt, läuft bei der Verabredung erst mal alles schief. Eine S4 fällt aus, die nächste hat Verspätung. Weisser sieht sich die einrollenden Züge anderer Linien an. „42“, sagt er. Bitte was? 42 Sekunden braucht im Schnitt eine S-Bahn vom Anhalten bis zum Wegfahren. Mehr darf nicht sein. Weniger ist erwünscht. Sonst lässt sich ein Zwei-Minuten-Takt auf der Stammstrecke nicht halten. In den Zügen die übliche Enge: Pendler stehen, aber das ist im Berufsverkehr normal. „Eine Sitzplatzgarantie können wir nicht geben.“ Sagt Weisser und rechnet vor: Eine S-Bahn hat 192 Sitz- und 352 Stehplätze. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen hält selbst vier Personen auf einem Quadratmeter im Metropolverkehr für zulässig. „Aber so weit gehen wir natürlich nicht.“

Natürlich. Wir sind ja nicht in São Paulo oder Tokio. Dann trifft endlich die S4 ein. Wir kommen kaum rein. Bernhard Weisser quetscht sich durch die Menge. Seltsam: Niemand schimpft. 1200 Fahrgäste sind in dem Langzug, schätzt Weisser. Durchsagen, warum der Zug so voll ist, macht der Lokführer nicht. Weisser ist das ganz recht. „Komfort-Durchsagen“ könne sich der Mann in dieser Situation nicht leisten. Sicherheit gehe vor – der Blick aufs Gleis bei voller Fahrt, der Blick auf die Bahnsteige vor Abfahrt. In Laim entrinnen wir dem Gedränge. Warten auf die nächste S4.

Weisser ist seit 2008 S-Bahn-Chef. Er ist Logistiker, hat früher Güterzüge zusammengestellt. Manche Fachtermini sind geblieben. Einmal spricht er über „die Gefäßgröße“. Gemeint ist der S-Bahn-Innenraum, der sich, nun ja, „auffüllt“. Logistisch betrachtet ist die Strecke zwischen Pasing und Ostbahnhof suboptimal konzipiert. Zwar ist an der einen Haltestelle der Ausgang im Westen, an der nächsten in der Mitte oder im Osten. Trotzdem ist Weisser bisher an dem – wahrscheinlich auch gar nicht lösbaren – Problem gescheitert, dass das Gros der Fahrgäste stets in der Mitte in einen Zug einsteigt und auch nicht nach innen durchrutscht, sondern wie festgeklebt an den Türen verharrt. „Menschliche Psychologie“, meint Weisser. Fast demonstrativ hat er sich vorhin trotzdem in den Mittelgang gezwängt.

Zur S4 sagt er, sie sei „meist recht entzerrt“. Vorne sitzen die Puchheimer – denn am Bahnhof Puchheim ist der Ausgang ganz vorne. In der Mitte die Pasinger. Hinten die Buchenauer. Die nächste S 4 kommt. Wir steigen ein. Das Gedränge ist erträglich, ab Pasing kann man sogar durch den Zug gehen. Zeit für das Detail. Weisser blickt zu Boden. „Da ist eine Grundreinigung fällig“, sagt er.

Im Schnitt 800 000 Fahrgäste täglich zählt die S-Bahn. In Spitzenzeiten sind es auch mal 840.000. Ein Limit sei nicht erreicht. „Wir haben noch Kapazitäten. Wenn sich morgen der Benzinpreis verdoppeln würde, wir könnten noch viele aufnehmen.“

1,5 Tonnen Müll pro Tag! Unterwegs mit den S-Bahn-Reinigern

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Für die S4 sieht Weisser trotzdem Entlastungschancen: eine Express-S-Bahn in der Früh um acht Uhr ab Buchenau mit Halt in Fürstenfeldbruck, Puchheim, Pasing und Hauptbahnhof. „Wenn der Freistaat das bestellt und bezahlt, ist es vorstellbar“, sagt Weisser.

Am Dienstag will Verkehrsminister Joachim Herrmann mit großer Entourage auf S4-Testfahrt gehen. Weisser fährt mit. Er ist gelassen. „Es gab noch nie eine Beschwerde, dass jemand wegen Überfüllung nicht in den Zug kam.“

Dirk Walter

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