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S-Bahn-Chef Bernhard Weisser in der S4 nach Geltendorf.

Interview mit Bernhard Weisser

S-Bahn-Chef: Das ist der Grund für die meisten Störungen

München - Jeden Morgen das gleiche Chaos bei der S-Bahn. Pendler wissen das schön längst. Nur einer ist überrascht von den Vorwürfen: S-Bahn Chef Bernhard Weisser. Ein Interview.

Unpünktlich und überlastet – die S-Bahn ist wieder einmal in die Kritik geraten. S-Bahn-Chef Bernhard Weisser kann das nicht nachvollziehen.

Wie pünktlich ist die S-Bahn? 

Es gibt eine erfreuliche Entwicklung. Wir liegen auf dem Niveau des Vorjahres, sind damit besser als in den Jahren 2010 bis 2013. Eine Jahresabschlusszahl gibt es noch nicht, aber wir erreichen einen Wert von über 95 Prozent.

Das heißt, über 95 Prozent der S-Bahnen haben an den einzelnen Haltepunkten weniger als sechs Minuten Verspätung. 

Ja, so ist es.

Wie erklären Sie, dass dennoch so viel Kritik auf Sie einprasselt – von CSU, MVV, einzelnen Landräten? 

Mit der Kritik kann ich leben und schließe mich dem in einigen Punkten sogar an. Wir fahren an der Kapazitätsgrenze und haben einen Fahrgastzuwachs von ein bis zwei Prozent pro Jahr. An einem normalen Werktag fahren 840 000 bis 850 000 Fahrgäste mit der S-Bahn. Wenn das Wachstum so anhält, werden es um 2020 etwa eine Million Fahrgäste pro Tag sein. Leider gibt es immer wieder Störungen.

Welche zum Beispiel? 

Die Lokführerstreiks in diesem Jahr. Dann der Sturm. Ein lange anhaltender Brückenschaden auf der S1-Strecke. Ich glaube, das ist das, was beim Fahrgast dann auch das kritische Bild ergibt. Und dabei geben uns die Zwänge des Systems so gut wie keine Spielräume denn alle Gleise sind dicht belegt. Notwendig ist neuer Fahrweg - Stichwort zweite Stammstrecke. 

Es gibt aber auch Klagen über zu wenig Lokführer, zu wenig Züge, zu wenig Werkstattkapazitäten.

Diese Vorwürfe überraschen mich. Wir haben Reserven im branchenüblichen Maß von zehn Prozent, es nützt uns aber nichts, wenn – wie geschehen – eine Flüchtlingsfamilie in den Tunnel läuft und die Reserve-S-Bahn an der falschen Stelle geparkt ist.

Was macht Ihnen denn am meisten zu schaffen bei den akuten Störfällen?

Personen im Gleis sind ein Dauerärgernis. Das ist eines der zentralen Handlungsfelder im nächsten Jahr.

Wie können Sie da eingreifen? 

Eine einfache Lösung sehe ich nicht. Aber die Ablauforganisation bei solchen Störungen wollen wir verbessern. Lokführer, Bundespolizei, Fahrdienstleiter – sie alle sollen künftig differenzierter melden. Nicht immer müssen bei einer Person in Gleisnähe stundenlang mehrere Gleise gesperrt sein. -Am Mittwoch hat die Bahn erklärt, falls sie die anstehende Ausschreibung des S-Bahn-Netzes gewinne, wolle sie 300 Züge kaufen. Der Flottenwechsel steht aufgrund des Alters der Fahrzeuge in jedem Fall Mitte des nächsten Jahrzehnts an. Wir machen uns bereits Gedanken, wie die neuen Züge konzipiert sein müssten – natürlich in der Erwartung, dass wir die Ausschreibung gewinnen.

Welche Anforderungen werden das sein?

Die Details schreibt der Besteller, also der Freistaat, vor. Aus unserer Sicht spricht alles dafür, weiterhin flexibel einstöckige Elektrotriebwagen zu fahren, also keine Doppelstockwagen. Das A und O ist der schnelle Fahrgastwechsel, weil das wertvolle Sekunden frisst. Das Innendesign wird sich wohl stark ändern. So sollte sich die Reinigungsfreundlichkeit im Vergleich zu den heutigen S-Bahnzügen wesentlich verbessern. 

Das Gespräch führte Dirk Walter

Das ändert sich: Fahrplanwechsel an diesem Wochenende

An diesem Wochenende (13. Dezember) tritt der Winterfahrplan in Kraft. Er bringt zahlreiche größere und kleinere Neuerungen:

  • MVV-Tariferhöhung: Die Preise für Einzelfahrkarten und Streifenkarte bleiben zwar unverändert. Im Durchschnitt aber erhöht sich der Tarif um 2,8 Prozent, bei den Zeitkarten sogar überdurchschnittlich um 3,7 Prozent. Beispiele für Preiserhöhungen: Die Single Tageskarte Innenraum kostet künftig 6.40 Euro (bisher 6,20), die Single Tageskarte München XXL 8,60 (8,30) und die IsarCard Monatskarte 4 Ringe 76,60 (74). Auch die Preise bei BOB und Meridian steigen.
  • MVV-Tariferweiterung: Die Strecke Ebersberg-Wasserburg, auf der der so genannte Filzenexpress fährt, ist künftig MVV-Gebiet. Bisher endete das MVV-Tarifgebiet in Tulling. Die Erweiterung – die erste seit 1992 – ist für die MVV-Planer ein entscheidender Schritt. die Wasserburger können von ihrem Bahnhof künftig mit einem Ticket bis nach München und von dort weiter per Bus, U-Bahn oder Tram fahren. Für sie wird es im Schnitt billiger – eine Monatskarte von Wasserburg bis Ostbahnhof kostete bisher mit der Südostbayernbahn 223 Euro. Jetzt sind es nur noch195 Euro. Die jährlichen Ticket-Mindereinnahmen in Höhe von 100 000 Euro werden der SOB erstattet. Der MVV plant weitere Erweiterungen, etwa Richtung Augsburg, Ingolstadt oder Landshut – ein gemeinsames Ticket für die Europäische Metropolregion (EMM) ist in Vorbereitung, dürfte jedoch nicht vor 2020 kommen.
  • Auf der S4-Strecke Richtung Geltendorf werden nachmittags im Berufsverkehr zwei Züge der S20 eingesetzt (ab 15.50 Pasing – 16.12 Grafrath sowie ab 16.50 Pasing – 17.18 Geltendorf; teilweise entfallen aber Zwischenhalte). Dafür entfällt aber ein Regionalzug-Halt Fahrtrichtung auswärts in Fürstenfeldbruck (16.58); ein weiterer Regionalzughalt Richtung München wird vorverlegt (5.58 statt 6.40).
  • Auf der S3 Holzkirchen fährt der Zug, der bisher 14.51 Uhr in Deisenhofen endete, weiter bis Holzkirchen.
  • Auf der S7 Kreuzstraße fährt werktags ab 8.45 Uhr eine Zusatz-S-Bahn. Zwei weitere Züge werden von Kurz- zu zweiteiligem Langzug verstärkt.
  • Auch auf der S1 Freising werden freitags am Nachmittag Züge verstärkt (drei- statt zweiteilig).
  • Bei der Bayerischen Oberlandbahn gibt es Montag bis Donnerstag eine Zusatzfahrt ab Tegernsee (16.21) und Lenggries (16.15) nach München. Neu ist auch ein Zug in der Gegenrichtung (ab Hauptbahnhof 18.25) umsteigefrei nach Lenggries und Schliersee.
  • Bei den Fernzügen ändert sich wenig. Neu ist ein früher ICE (ab 5.15 Hauptbahnhof) nach Berlin (an 11.33)

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