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Der erste Stich: Irmi und Johanna Hartmann (von links) mit Notburga Kreppold und Lisa Glonegger bei ihrer Frauenschafkopfrunde.

Angriff auf die Männer-Domäne

Schafkopf: Jetzt mischen die Damen mit

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Haimhausen - Schafkopf ist ein Männerspiel? Geh’ weida! Die Zeiten sind vorbei. Der Angriff auf eines der letzten Männer-Biotope hat längst begonnen. Die Damen provozieren mit einer steilen These.

Für eine gescheite Schafkopf-Runde braucht es manchmal mehr als nur ein gutes Blatt. Eine Spülmaschine zum Beispiel. Lisa Glonegger hat blonde Haare, ein Händchen für entscheidende Stiche – und vor gut 20 Jahren eine Idee. Sie stellt damals Söhnchen Lukas im Maxi-Cosi neben die Spülmaschine. Das gleichmäßige Rauschen wirkt wie ein Schlafzauber und verschafft Lisa Glonegger und ihren drei Freundinnen am Küchentisch wertvolle Zeit. Zeit für das nächste Sauspiel. Für das nächste Solo. Oder sogar für ein Omaspiel. Für Schafkopf-Laien: Das ist ein Blatt, mit dem sogar die Oma gewinnt.

Schafkopf. Der bayerische Volkssport. Spielfeld ist das Wirtshaus um die Ecke. Generationen lang war das Duell zwischen Obern, Untern und die Suche nach den Spatzen Männersache. Die heilige Wirtshaus-Dreifaltigkeit: Burschen, Bier und blöd Daherreden. Frauen am Stammtisch? Geh’ weida. Doch das ist vorbei. Die Schafkopf-Emanzipation läuft längst. Früher drängten die Damen noch vereinzelt in die Männer-Domäne, heute im Kollektiv. Aber nicht in der Bierstube. Sondern im Wohnzimmer, am Küchentisch und im Internet. Immer noch dreht sich alles um den höchsten Trumpf, den „Oiden“. Aber die Oide mischt jetzt auch mit.

Kritischer Blick: Lisa Glonegger beim Mischen.

Lisa Glonegger ist heute 49, sie sitzt in einem Wohnzimmer in Haimhausen, Kreis Dachau, am Kachelofen. Über ihre Brille hinweg spickt sie in ihr Blatt. Ihre Gegnerin, die 18-jährige Johanna, spielt einen Trumpf nach dem anderen. Lisas Verbündete, die beiden Damen rechts und links, haben die Hoffnung aufgegeben. Sie zählen gedanklich schon die Zehn-Cent-Münzen, die Johanna gleich für ihr Solo kassieren wird. Doch dann zimmert Lisa den Gras-Zehner auf den Tisch. „Johanna“, sagt sie, „das wird teuer.“

Johanna ist die Jüngste in der Frauenrunde. Auf dem Tisch: drei Apfelschorlen, ein kleines Bier. Hinterm Tisch: Orchideen, Kerzen, eine Postkarte mit knutschenden Eichhörnchen. Am Tisch: Johannas Mutter Irmi Hartmann, 50, Notburga „Notti“ Kreppold, 49, und Lisa Glonegger. Die drei haben die Runde Ende der 80er mit einer vierten Freundin gegründet. „Die Männer waren einmal die Woche am Stammtisch, da haben wir eine Alternativveranstaltung gebraucht“, sagt Irmi Hartmann. Während die Gatten an der Halbe nuckelten, packten die Damen die Karten aus. Als die Kinder kamen, saßen sie mit Babyphon am Küchentisch. Jetzt spielen die Kinder selbst mit.

Eine, die sich mit dem Schafkopfen bestens auskennt, ist Marga Beckstein, 70, pensionierte Grundschullehrerin und, ganz genau, Frau des früheren Ministerpräsidenten. Was viele nicht wissen: Sie ist, das kann man schon so sagen, auch Schafkopf-Pädagogin. Sie hat Anfängern Kurse gegeben und eine Schafkopf-Fibel für Frauen veröffentlicht (siehe Interview). Wohnzimmer-Frauenrunden wie die in Haimhausen hält Marga Beckstein für ideal, um das Spiel zu lernen. Sie sagt: „Bei den Männerrunden war die Aufgabe der Frau, Getränke herbeizuschaffen und Wurstbrote zu schmieren. Dabei hätten die Frauen durchaus Lust, selbst zu spielen.“ Aber nicht mit den Männern. Das hat seinen Grund. „Es ist nicht jedem gegeben, das Spiel menschenfreundlich zu erklären.“ Eine diplomatische Umschreibung für den männlichen Jähzorn, für den grantelnden Tadel nach einer falschen Spielentscheidung – als ob Mann sich nicht oft genug selbst verschmissen hätte. Das Schimpfen gehört zum Schafkopfspiel einfach dazu, doch Marga Beckstein nimmt es bei den ehrgeizigen Männern stärker wahr als bei den Damen. „Frauen haben mehr Spaß am Spiel selbst.“ Eine steile These, aber die Haimhausener Runde zeigt: Sie stimmt. Da wird geratscht und gelacht, auch nach einem verlorenen Solo. Kein grimmiges Gschau, kein Lamentieren über die schlechten Karten oder das leere Geldschüsserl. Kein beleidigtes „Ach geh’, so schlecht kann’s ja gar ned stehn“.

Ein besonderes Blatt mit starken Frauen als Trumpf.

Nur bei der Wahl der Spielvariante sind sich sogar die Frauen uneinig: „Na, an Ramsch spielen wir nicht“, sagt Irmi Hartmann und schüttelt den Kopf. Ramsch heißt: Wer punktet, zahlt. Ein amüsantes, weil hinterfotziges Spiel. Beim Ramsch enden Freundschaften, alte Schafkopfweisheit. Einen spielen sie dann doch, Lisa freut sich – aber nicht lange. Ziemlich viele Trümpfe in ihrem Blatt.

Die schauen allerdings etwas anders aus als beim typischen bayerischen Blatt. Wo sonst schwer bewaffnete Soldaten, feine Monarchen oder eine Wildsau samt Hund auf dem Rücken zu sehen sind, schauen hier Liesl Karlstadt, Sophie Scholl, Lena Christ oder Emerenz Meier von den Karten. Starke Frauen für starke Trümpfe. Ein Spezialblatt, das Lisa von ihrem Mann geschenkt bekommen hat.

Entworfen haben es – zwei Frauen: Martina Huber und Inge Benninger aus Landshut. Die Idee kam ihnen bei der Vorbereitung eines Frauenturniers. „Da waren ja nur Männer auf den Karten. Und damit sollte ich für ein Frauenturnier werben? Das war mir zu ironisch“, sagt Martina Huber und lacht. Also, Frauen aufs Blatt. Heldinnen der Emanzipation – Politikerinnen, Schauspielerinnen, Schriftstellerinnen. Inge Benninger zeichnete und kolorierte sie. Auf der Schachtel rufen die beiden nichts weniger aus als den „Anfang vom Ende der männlichen Dominanz in der bayerischen Schafkopf-Kultur“. Sappralott. Argumente hat Martina Huber, im Wirtshaus aufgewachsen, auch: „Da hat sich in den letzten 25 Jahren wirklich was getan. Frauen gehen raus, spielen Turniere und erfahren immer mehr Wertschätzung.“ Erst der Frauenfußball. Und jetzt auch noch der Frauenschafkopf. Das letzte Männerbiotop – zerstört.

Naja, nicht ganz. Bleibt ja noch das Wirtshaus. „Da hat’s uns eigentlich nie hingezogen“, sagt Irmi und schenkt sich Apfelschorle nach. Bier vom Fass? Nein danke. „Außerdem wurde früher ja noch drinnen geraucht“, sagt Lisa. Was für manche Männer gerade der Grund fürs Wirtshaus war, der Duft von kräftigen Roth-Händle statt zarten Rosenkerzen, schreckte die Frauen ab.

Agnes Reissner ist auch eine Schafkopferin, und ihr spielte das Rauchverbot in die Karten. Sie gründete mit Freunden vor acht Jahren die Schafkopf-Internet-Plattform sauspiel.de. Ihre Münchner Kartenrunde wurde gesprengt, als sie nach Berlin umzog – aber keiner wollte auf das wöchentliche Herz-Solo verzichten. Aus einer Online-Schafkopfrunde für Freunde wurde der Marktführer: fast eine halbe Million Mitglieder, rund 235 000 ausgeteilte Schafkopf-Hände pro Tag. Wie kommt das? „Viele Nutzer haben uns gesagt, dass sie nicht aufs Rauchen verzichten wollen und deshalb jetzt online spielen“, sagt Agnes Reissner. Aber nicht nur die Raucher kommen, auch die Frauen. Ein Drittel der Nutzer ist weiblich, schätzt sie. „Es werden immer mehr. Auch in unseren Bestenlisten tauchen immer mehr Frauen auf.“ Die Damen spielen nicht nur mit – sie gewinnen auch noch.

Lisa Glonegger auf der Eckbank in Haimhausen inspiziert schon ziemlich lange ihr Ramschblatt. Die Wanduhr tickt in die Stille. „Mach koa Gsicht“, sagt Irmi – nicht ungeduldig, wie ein männlicher Schafkopfer, sondern mit einem Lächeln. Aber: Es hilft nichts. Lisa muss zahlen. Wurscht, das Gespräch ist jetzt längst woanders. Eine erzählt von der Großmutter, die auch im Rollstuhl mit gelähmter Hand nicht aufs Schafkopfen verzichten wollte. Die andere von den Urlauben mit den Kindern, wo sie nicht genügend Münzen hatten und mit Pistazienschalen spielten. Bloß: Die mussten sie jeden Tag vor der Putzfrau in Sicherheit bringen.

Der Fernseher am anderen Ende des Wohnzimmers ist aus. Einmal haben die Frauen sogar gespielt, als es für den FC Bayern in der Champions League um alles ging, das Match kam live im TV. An so einem Abend hätten die Ehemänner der Haimhausener Frauenrunde nie gekartelt. Aber die wären ja auch nie auf die Idee mit der Spülmaschine gekommen.

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