Auf Kontrolle setzt die Polizei: Sie sieht die Ursache der hohen Unfallzahlen im rücksichtslosen Fahrstil mancher Radler. rk

Schlechte Noten für die Radlhauptstadt

München - Radeln in München ist gefährlich: In einem „Städtecheck Fahrradsicherheit“ des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) schneidet die Isar-Metropole schlecht ab. Gegen den Bundestrend ist hier die Zahl der verunglückten Radler gestiegen. Die Polizei sieht die Ursache bei den Radfahrern selbst.

Kassierte München 2010 bei einem allgemeinen Verkehrssicherheits-Check des Clubs noch die Bestnote „grün“, so wendete sich das Blatt, als in diesem Jahr gezielt die Sicherheit der Radfahrer unter die Lupe genommen wurde. Für den Zeitraum 2006 bis 2010 haben die Club-Experten von 43 deutschen Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern die jährlichen Veränderungen der Unfallzahlen errechnet und einen Mittelwert gebildet. Im Durchschnitt gingen die Radl-Unfälle demnach um 2,54 Prozent zurück, obwohl der Rad-Verkehr insgesamt zunahm. Städte, in denen die Unfallzahlen stärker sanken, wurden mit „grün“ bewertet, darunter auch Hamburg. Städte, in denen die Radl-Unfallzahlen unterdurchschnittlich zurückgingen, zum Beispiel Berlin, kassierten „gelb“. München, die dritte Millionenstadt der Republik, leuchtet auf der VCD-Karte rot, mit dem Vermerk: „Achtung! Die durchschnittliche Zahl der Verunglückten hat zugenommen!“

Wie belastbar die Zahlen sind, ist unklar. Die Wertung berücksichtigt nicht, wie stark der Radlverkehr in den fünf Jahren gewachsen ist. Und den Mittelwert hat der VCD gewählt, weil die Unfallzahlen in den meisten Städten von Jahr zu Jahr stark schwanken. Hätte man nur die Unfallzahlen von 2006 und 2010 betrachtet, so stünde München blendend da, sagt Polizeidirektor Johann Gschoßmann: „Da haben wir einen Rückgang der Radlunfälle um 8,56 Prozent.“ Der gemittelte Fünfjahreswert hingegen weist ein Wachstum von 1,84 Prozent aus. Einig sind sich alle Experten, dass zu viele Radler in München verunglücken - 2179 waren es im vergangenen Jahr.

Über die Ursache der Unfälle gibt die Studie des VCD keine Auskunft. Doch für Gschoßmann, Leiter der Verkehrsabteilung im Polizeipräsidium, liegt sie auf der Hand. Das Problem liege „grundsätzlich im Verhalten der Radler“. Deren Verkehrsmoral sei „nicht die beste“, wie die gerade beendete Schwerpunktaktion „Vorfahrt und Rotlicht“ gezeigt habe (wir berichteten). Die Polizei will deshalb mit weiteren Aktionen für mehr Disziplin und Rücksichtnahme werben. Im Juli geht es um ein besseres Miteinander von Radlern und Autofahrern, im Herbst ist eine Aktion zum Thema „Geisterradler“ angedacht. „Eine neue Kultur des Radfahrens in der Großstadt“ wolle man fördern, sagt Polizeisprecher Wolfgang Wenger. Vornehmlich mit Aufklärung, „aber bei Belehrungsresistenten gehen wir auch an den Geldbeutel“.

Diese Linie unterstützt auch der grüne Bürgermeister Hep Monatzeder, der den Ausbau Münchens zur Radlhauptstadt zu seiner Herzensangelegenheit gemacht hat. „Ich glaube nicht, dass es am Ausbau der Infrastruktur liegt“, kommentiert er das schlechte Abschneiden im VCD-Check. Es gebe aber „eine ganze Reihe von Radlern, die sich nicht regelkonform verhalten oder als Rambos durch die Stadt fahren“. Die Stadt wolle in den nächsten Jahren mit einer Kampagne „gezielt bei Kindern und Jugendlichen ansetzen, weil wir da am allermeisten bewirken“. Auch die Parküberwachung werde weiterhin ein Auge auf Radler haben, sagt Monatzeder und stellt klar: „Ich bin der Radl-Bürgermeister, aber nicht der Bürgermeister der Rotlichtsünder, Gehsteigfahrer und Radl-Rambos.“

Sind die Radler also selbst Schuld an den hohen Unfallzahlen? So einfach will es der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) der Stadt nicht machen. München sei zwar beim Ausbau des Radwegenetzes „auf einem guten Weg“, aber noch viel zu selten wage es die Stadt, Radwege von der Benutzungspflicht auszunehmen, sagt Sprecherin Traudl Schröder. Gerade auf schmalen Wegen gebe es folgenschwere Unfälle zwischen Radlern, weil diese mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs seien. Nach Ansicht des ADFC sind schnelle Radler auf der Fahrbahn besser aufgehoben.

Polizei und Kreisverwaltungsreferat sehen dies kritisch. So etwas könne man nur im Einzelfall und nach sorgfältiger Abwägung beurteilen, heißt es übereinstimmend.

Peter T. Schmidt

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