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Stein des Anstoßes: Vor zwei Wochen stülpten Katharina Schulze und ihr Landtagskollege Sepp Dürr am Marstallplatz einen braunen Sack über den Gedenkstein für die Trümmerfrauen und die Aufbaugeneration.

Grünen-Chefin Schulze

Trümmerfrauen-Denkmal: "Verhüllung war richtig"

München - Seit Wochen tobt die Diskussion um die Verhüllungs-Aktion der Grünen am Marstallplatz. Im Interview erklärt Münchens Grünen-Chefin Katharina Schulze, warum sie die Aktion immer noch für richtig hält.

Lesen Sie dazu:

Trümmerfrauen-Debatte: "Wir haben eben geholfen"

Frau Schulze, vor zwei Wochen haben Sie einen braunen Sack über den Gedenkstein gestülpt. Mit welchen Reaktionen haben Sie gerechnet?

Wir haben das als örtliche Aktion geplant. Es geht uns darum, dass es in München - anders als in Berlin oder Hamburg - Geschichtsverzerrung ist, ein Denkmal für Trümmerfrauen zu bauen. Wir wollten eine Debatte anstoßen und über Erinnerungskultur diskutieren. Das ist uns zunächst gelungen. Dann ist das im Netz hochgedreht: Da wurde auch von der rechten Seite gezündelt, es gab zeitweise keine Möglichkeit mehr, zu differenzieren.

Wenn Sie eine differenzierte Debatte wollen: Ist es dann wirklich die richtige Form, einen brauen Sack überzustülpen?

Über die Umsetzung von Aktionen kann man immer diskutieren. Wir haben ein Tuch über den Stein gehängt, auf dem klar stand, worum es uns geht: Wir möchten, dass die Richtigen geehrt werden, nicht die Altnazis. Auf dem Stein steht „Den Trümmerfrauen und der Aufbaugeneration“. Das ist genau genommen ein Affront gegen die Trümmerfrauen, die dort mit den Altnazis - die bekanntermaßen die Trümmer weggeräumt haben - gleichgesetzt werden.

Selbst wenn man sagt, dass es in München wenige Trümmerfrauen im engeren Sinne gab: Beleidigen Sie dann mit ihrer Aktion nicht trotzdem noch Menschen zu Unrecht?

Wenn es tapfere Frauen und Männer in München gab, die sich im lokalen Umfeld an Aufräumarbeiten beteiligt haben, dann sollte man sie anhand ihrer Einzelschicksale ehren. Aber nicht, indem man einen Mythos schafft und sagt: In München war das mit den Trümmerfrauen wie in anderen Städten.

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Also haben Sie kein Verständnis, dass sich viele Menschen von Ihnen beleidigt fühlen?

Ich kann nachvollziehen, dass es ein emotionales Thema ist. Ich finde, dass es keine Kollektivschuld geben darf. Genauso falsch wie es war, wenn 68er ihren Eltern gesagt haben: Ihr ward doch alle Nazis, darf es eben auch keine Kollektiv-Freisprechung geben. Es ist ja nicht so, dass alle Großeltern nicht am Nationalsozialismus beteiligt waren - dann sähe die Vergangenheit nämlich anders aus.

Das Denkmal steht schon seit Monaten. Hätten Sie sich die Aktion auch kurz vor der Landtagswahl getraut?

Wir haben erst nach der Landtagswahl eine Antwort von der Staatsregierung bekommen und uns daraufhin entschieden die Aktion zu machen. Der Shitstorm im Internet zeigt, wie nötig es ist, über Erinnerungskultur zu sprechen.

Wenn man zum Beispiel die Reaktionen unserer Leser sieht, wird aber deutlich, dass es sich nicht nur um ein Internet-Phänomen handelt. Sehr viele ältere Münchner haben sich sehr über Sie geärgert.

Wir sehen, dass es eine schreckliche Zeit war für Menschen, die damals jung waren. Was mich ärgert, ist, dass mir vorgehalten wird, dass ich erst 28 bin. Es ist ja nicht so, dass ich mir Fakten in meinem Hirn zusammenreime. Es gibt wissenschaftliche Belege, unter anderem vom Stadtarchiv. Dass manche Frauen bei sich vor dem Haus mit angepackt haben, hat großen Respekt verdient. Die Mehrzahl der Aufräumarbeiten wurden aber von Alt-Nazis gemacht, die gezwungen wurden.

Aber deren Kinder haben ihre Mutter im Kopf, die damals Steine geklopft hat. Die sagen jetzt: Meine Mutter wird von dieser jungen Frau beleidigt, die damals gar nicht dabei war.

Der Mythos Trümmerfrau ist eben positiv besetzt, das hat die Gesellschaft damals wohl auch gebraucht, um nach vorne zu schauen. Trotzdem sollte man sich an den Fakten orientieren. Ich finde, dass wir uns, auch wenn es weh, tut mit dem Thema auseinandersetzen müssen.

"Bescheuertes Argument von Ude"

Auch innerhalb der Grünen gibt es Kritiker Ihrer Aktion. Wollen viele nach der Debatte um den Veggie-Day vermeiden, oberlehrerhaft zu wirken?

Die Aktion war nicht belehrend, sondern sollte einen Denkanstoß geben. Wir wollen eine Debatte führen mit den Älteren, die noch leben, und mit den jüngeren Leuten. Ich finde, dass wir Grüne unseren Weg weitergehen sollten. Wir sind keine angepasste Kraft der Mitte. Da können wir uns auch mit Themen beschäftigen, die ein Christian Ude...

...der über Ihre Verhüllungs-Aktion gesagt hat, sie sei unnötig wie ein Kropf, als habe man keine anderen Probleme.

Ein bescheuertes Argument. Welche Themen diskutiert werden sollen, entscheiden nicht Herr Ude und auch nicht Herr Spaenle. Es sind die Themen, über die die Gesellschaft diskutieren will - wie man an den Reaktionen gemerkt hat, gibt es ein Bedürfnis, sich darüber auszutauschen.

Wenn Sie sagen, unbequem zu sein, sei auch die Rolle der Grünen: War das eine Münchner Wahlkampfaktion, das Erhaschen von Aufmerksamkeit auf dem Rücken der Aufbaugeneration?

Nein, das finde ich wirklich verschwörungstheoretisch. Die Aktion der Landtagsfraktion war kein Vorbote irgendwelcher Wahlkämpfe.

Haben Sie die vielen kritischen Reaktionen junger Menschen mehr überrascht als die der älteren?

Es hat gezeigt, dass es überfällig ist, die Debatte auch unter uns jungen Menschen zu führen. Es kamen viele Rückmeldungen: Was soll das? Meine Oma war kein Nazi! Schon ist man in der Debatte drin, das ist gut! Man merkt, dass es inzwischen manchmal einen verklärten Blick auf die eigenen Vorfahren gibt. Wir müssen diese Debatten auch als jüngere Generation neu führen. Das wird spannend.

Das Gespräch führte Felix Müller

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