Deutlich mehr Patienten, fast alle mit Schweinegrippe: Dr. Heinz Reiniger in seiner Bogenhauser Praxis. Goetzfried

Schweinegrippe: „Massiver Infektionsanstieg in München“

München - Die Schweinegrippe ist auf dem Vormarsch: Ein Viertel der knapp 2000 Münchner Fälle wurde allein seit dem vergangenen Wochenende registriert. Genaue Zahlen sind kaum zu ermitteln.

Die Zahl der an Schweinegrippe Erkrankten ist bereits wieder veraltet, kurz nachdem das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) sie täglich auf seine Homepage gestellt hat (www.lgl.bayern.de): Denn mittlerweile hat der Zuwachs an Neuinfizierten die Stundentaktung erreicht. Allein von Montag auf Dienstag wurden dem Gesundheitsamt 230 neue Fälle gemeldet, so viele wie noch nie.

Bereits am Wochenende hatte sich die Zahl um 300 erhöht, damit liegt sie nun nach dem Stand von gestern Abend bei 1980 Erkrankten in München. Und die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, da viele Patienten die Symptome (siehe Kasten) nicht ernst nehmen und zu Hause auskurieren.

Noch schätzen die Ärzte den Andrang an Patienten mit grippalen Infekten unterschiedlich ein. „Bei uns ist im Oktober grundsätzlich immer die Hölle los“, heißt es in der Schwabinger Kinderarztpraxis Dr. Mühe & Dr. Kugler. Man sei trotz des Ansturms „relativ entspannt“. Dr. Heinz Reiniger, der in Bogenhausen seine Praxis hat, sagt dagegen: „Wir hatten bislang schon über 300 zusätzliche Patienten im Vergleich zum Vorjahr. Fast alle, die wir getestet haben, sind an der Schweinegrippe erkrankt.“

Sean Monks vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) ist sich sicher: „Die Schweinegrippeerreger H1N1 verdrängen die normale saisonale Grippe.“ Auch weil viele Praxen es zeitlich nicht mehr schafften, bei jedem Patienten mit grippalem Infekt einen Erregernachweis zu machen, vermutet er eine weithaus höhere Zahl als die derzeit 1980 erfassten Fälle.

Beim Kreisverwaltungsreferat räumt die Sprecherin Daniela Schlegel ein: „Die Zahlen sind nicht unbedingt repräsentativ, da ja nur die gemeldeten Fälle aufgenommen werden.“ Weil außerdem laufend neue Laborabstriche genommen und positive Befunde sowohl vor- als auch nachgemeldet würden, könne es durchaus „zu Divergenzen“ zwischen den Aussagen anderer Stellen kommen.

Am Dienstag hatte Monks für Wirbel gesorgt, nachdem er auf der Internetseite des BVKJ von dem sprunghaften Anstieg mit 600 Neuinfizierten alleine am Montag berichtete. Den hatte er aus den unterschiedlichen Angaben des LGL und des Gesundheitsamtes abgeleitet, die um genau diese 600 Fälle auseinanderlagen.

Auch wenn der BVKJ seine Aussagen auf „mehrere Hundert“ Neuerkrankungen korrigiert hat, sagt Monks: „Am Ende des Tages ändert sich dadurch nicht die Aussage, nämlich dass wir einen massiven Infektionsanstieg bei uns in München haben.“

Auch die Zahl der Schulen, die Infektionen gemeldet haben, hat sich inzwischen auf 150 erhöht. Anders als im Sommer läuft der Unterricht nun in der Regel aber weiter. „Das Infektionsrisiko ist außerhalb der Schule ja ähnlich groß“, sagt Schlegel. Die Eltern werden bei einem Schweinegrippefall aber informiert.

Die Sprecherin der Münchner Apotheker, Karen-Mareen Bereiter, warnt nun vor einer Hysterie. „Manche Eltern reagieren tatsächlich etwas übertrieben.“ So gebe es in Bereiters Apotheke in der Altstadt bereits eine Nachfrage nach dem Grippemittel „Tamiflu“ – als Schutzmaßnahme. „Eine Mutter wollte das Medikament für ihr vierjähriges, gesundes Kind, weil jemand in der Spielgruppe krank geworden war. Das ist natürlich Quatsch.“

Katharina Fuhrin

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