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Er schmirgelt und lackiert: Markus K. (Name geändert) arbeitet eine Geldstrafe von 2400 Euro ab.

Schwitzen statt sitzen

München - Wer seine Geldstrafe nicht bezahlen kann, muss ersatzweise ins Gefängnis – eigentlich. In Bayern können Straftäter ihre Tagessätze auch ehrenamtlich abarbeiten. Frei nach dem Motto: Schwitzen statt sitzen.

Markus K. (Name geändert) setzt die Schleifmaschine auf ein Holzbrett. Er wird heute eine Menge dieser Bretter abschmirgeln und anschließend neu lackieren – für eine Küche, die er renoviert. Geld wird er für seine Arbeit nicht bekommen, keinen Cent. Stattdessen wird die Schuld, die der 29-Jährige zu begleichen hat, mit jedem Tag Arbeit geringer. Markus K. ist zu einer Geldstrafe von 2400 Euro verurteilt worden. Bezahlen konnte er das Geld nicht, er ist arbeitslos. Damit sie die Strafe nicht im Gefängnis absitzen müssen, können Straftäter wie K. in Bayern am Projekt „Schwitzen statt sitzen“ teilnehmen – und ihre Geldstrafe ehrenamtlich abarbeiten.

Etwa 215 Jahre Gefängnis konnten durch das Projekt allein im Jahr 2010 in Bayern eingespart werden. „Die Personen sind ja bewusst zu Geld- und nicht zu Freiheitsstrafen verurteilt worden“, erklärt Hilde Kugler, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der bayerischen Fachstellen zur Vermittlung gemeinnütziger Arbeit (AGV). Allein in München gibt es drei Organisationen, die mittellose Straftäter ins Ehrenamt vermitteln. Eine von ihnen: die Münchner Zentralstelle für Straffälligenhilfe (MZS). Unter der Geschäftsführung des Katholischen Männerfürsorgevereins (KMFV) betreute sie im vergangenen Jahr mehr als 500 Männer und ersparte ihren Klienten weit über 10 000 Hafttage. „In der Regel sind die Männer arbeitslos, teilweise leiden sie an einer Sucht, meist sind sie bereits verschuldet“, umschreibt MZS-Leiter Rupert Jakob die Klientel, der seine Mitarbeiter Unterstützung anbieten.

Das Stellennetz des MZS ist groß: Über 200 Anlaufstellen stehen für Jobs zur Verfügung. Helfer werden gesucht für Krankenhäuser, Tierheime oder etwa Friedhöfe. Dabei müssen die Anforderungen der Arbeit genau auf die Männer abgestimmt sein. „Ich kann zum Beispiel niemanden, der wegen kleiner Diebstähle verurteilt wurde, in ein Altenheim vermitteln.“

Mit einem Sechs-Stunden-Arbeitstag können die Männer einen Tagessatz ihrer Strafe tilgen. Die meisten müssen zwischen 60 und 100 Tagessätze leisten – etwa 70 Prozent halten bis zum Ende durch. „Die Delikte, die dahinterstehen, sind sehr unterschiedlich“, sagt Susanne Naumann, Sozialpädagogin und stellvertretende Leiterin der MZS. Wiederholtes Schwarzfahren, Trunkenheit im Straßenverkehr oder Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz sind häufig.

Letzteres hat auch Markus K. zur MZS geführt. Er wurde mit Marihuana erwischt, eine Straftat, an die er nur ungern zurückdenkt. Schon seit mehreren Jahren war der junge Münchner arbeitslos, vorher hatte er sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen. Schon einmal wurde Markus K. zu einer Geldstrafe verurteilt. Damals konnte er zahlen, diesmal nicht. „Ich glaube, im Gefängnis wäre ich untergegangen“, erzählt er.

Das MZS vermittelte ihn im Oktober in das „Haus an der Gabelsbergerstraße“, ein Wohnheim des KMFV für wohnungslose Männer, die soziale Schwierigkeiten haben. Seit über zehn Jahren arbeitet das Heim mit der MZS zusammen. „Zehn bis zwölf Ehrenamtliche sind jeden Tag bei uns im Einsatz“, sagt Beschäftigungsanleiterin Marijana Galic. Markus K. sollte Hausmeisterarbeiten übernehmen. „Die ersten zwei Wochen waren schon anstrengend, dann war ich im Rhythmus“, sagt er. Die Freundlichkeit, die ihm im Wohnheim entgegengebracht wird, hat den 29-Jährigen überrascht. „Ich war sprachlos. Hier habe ich die Bestätigung bekommen, die ich gesucht habe.“

Kaputte Glühlampen, verstopfte Urinale, eine renovierungsbedürftige Werkstatt – alles fällt in den Aufgabenbereich des Münchners. Und er macht sich gut. „Er ist sehr zuverlässig, die Zusammenarbeit funktioniert super – das ist nicht häufig so“, lobt Einrichtungsleiter Helmut Geier. Nur noch wenige Tage, dann wird Markus K. seine Geldstrafe durch 714 Arbeitsstunden beglichen haben.

Späte Vernunft? „Ja, das macht das Alter. Mir wurde klar, dass sich jetzt mit fast 30 Jahren die letzte Zeit bietet, um noch mal richtig durchzustarten“, sagt Markus K. Die Chancen dafür könnten kaum besser stehen: Ab April möchte der Münchner in dem Wohnheim in den Bundesfreiwilligendienst starten – und wenn alles gut läuft, soll er dort ab Oktober eine Lehre zum Maler machen. „Das ist mein berufliches Zuhause“, freut er sich. Das gemeinnützige Abarbeiten seiner Strafe sei das Beste gewesen, was ihm hätte passieren können. „Das war meine Resozialisierung.“

Alexandra Müller

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