Die Seele des Spiels

München - Über 40 Stunden tüftelte Christian Seiler mit Bayern-Star Philipp Lahm am gemeinsamen Buch. Der Wirbel irritiert ihn.

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Mitte vergangener Woche, in Deutschland tobte gerade Rudi Völler über den Charakter von Philipp Lahm, hockte ein zehnjähriger Bub am Gardasee über einem Buch, das die Deutschen bewegt hat, Tage bevor es in den Handel kam. Der Knirps durfte „Der feine Unterschied“ schon vorab lesen, da sein Herr Papa als Autor privilegiert ist. „Er hat es in zwei Tagen verschlungen“, berichtet Christian Seiler, für ihn selbst sei das „ein schöner Lackmustest“ gewesen - „als Vater und auch als Autor“. Nicht, dass er Bedenken gehabt hätte. Die Welle der Empörung um das Werk hat den 49-jährigen Journalisten wie den Kapitän des FC Bayern lediglich irritiert. Weil sie so unerwartet hochschwappte.

Philipp Lahm, 27, will Fans den Beruf Profifußballer näherbringen.

Über 40 Stunden saß Seiler, Buchautor und alles andere als ein Boulevardjournalist, mit dem Fußball-Star zusammen, um das Gerüst des Werks zu erörtern. Mehrfach betont er, Lahm sei „ein extrem diskreter Mensch“. Permanent sei er bedacht gewesen, „bloß nichts zu schreiben, was für Stunk sorgt“. Locker kramte man in Erinnerungen, langsam gewann das Werk Konturen, der Fokus lag dabei immer darauf, was im Untertitel des Buchcovers in dicken Lettern gedruckt ist und bei all den Debatten in der letzten Woche hartnäckig ignoriert wurde: „Wie man heute Spitzenfußballer wird.“

Das Werk soll, sagt Seiler, „ein seriöses Bild der Fußball-Branche vermitteln - mit allen Seiten. Wir haben uns nie gesagt: ,Komm, wir mischen mal den Markt auf und schauen, was geht!‘ Es ging nie darum, maximale Lautstärke zu erzielen.“ Der Österreicher, der mit seiner Familie in Wien lebt, sehnt den heutigen Erscheinungstag herbei, denn der Wirbel hat ihn geärgert. Die Rezension ist unglücklich gelaufen, es sei schade, dass man sich rechtfertigen müsse, weil ein bisschen Allgemeingut „so einen Krach auslösen kann, wenn man es in riesigen Buchstaben präsentiert“.

Christian Seiler, 49, formulierte die Gedanken des Bayern-Kapitäns aus.

Das gemeinsame Buch hat - ohne es zu wollen - beleuchtet, in welcher Schieflage das Wahrnehmungsvermögen vieler Deutscher vor sich hindöst: Einige griffige Parolen reichen, um aufzuhetzen. Schnell kursierte landesweit ungefiltert die Phrase „Enthüllungsbuch“, in Wahrheit ist „Der feine Unterschied“ ein Kinderbuch. „Du kannst es mit einem Schmunzeln lesen“, sagt Seiler, „und du erfährst, in was für einem komplexen Gebilde sich ein Profifußballer bewegt.“ Auf „eine fast kulinarische Weise“ könne man sich „in diese Figur Philipp Lahm hineinfühlen“.

Man bekommt den Protagonisten leicht bekömmlich serviert, nicht als Revoluzzer oder Intriganten - schlichtweg authentisch, versichert Seiler; er selbst war manchmal erstaunt über die Reife des 27-Jährigen. „Er repräsentiert in meinen Augen eine neue Generation von Fußballern oder sogar Prominenten, die sich ihrer Verantwortung der Gesellschaft gegenüber bewusst sind und etwas zurückgeben.“ Beispiele gefällig? Seilers Antwort erfolgt prompt: „Seine Stiftung - und dieses Buch. Er sieht es als eine Verpflichtung, nachkommenden Fußballern das Leben eines Nationalspielers ein wenig näherzubringen.“

Seilers Lieblingspassage ist die Sequenz, die die Sorgen vor der WM 2006 beleuchtet. Lahm litt unter einer Operation, er bangte um die Teilnahme am WM-Turnier vor heimischem Publikum. Am Ende wurde alles gut, gegen Costa Rica erzielte er zum Auftakt das 1:0. „Dieses Tor wird so oft angeklickt bei ,Youtube‘, man kennt seinen Jubel nach diesem Tor“, sagt Seiler, „aber wenn man das Buch liest und dabei erfährt, wie viel Ballast von Philipp in dem Moment abgefallen ist, wird man erst wirklich begreifen, was alles passiert ist. Man wird dieses Tor, diesen Jubel dann noch einmal ganz anders sehen.“

In einer anderen Buch-Passage ist von der „Seele des Spiels“ die Rede. Der Leser ist ihr - und nicht nur dort - bei besagtem Jubel nahe. Sehr, sehr nahe.

Andreas Werner

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