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Umstrittenes Hochhaus: Der Uptown-Tower am Georg-Brauchle-Ring wurde zu einem Symbol dessen, was Kronawitter nicht wollte.

Serie über den Alt-OB - Teil 4

Münchner Hochhaus-Entscheid: Kronawitters Kampf gegen die Vierkantbolzen

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München - Georg Kronawitter (1928-2016) hat als Münchens Oberbürgermeister der Stadt seinen Stempel aufgedrückt. In einer vierteiligen Serie erinnern wir an Laufbahn und Errungenschaften des „Roten Schorsch“.

Georg Kronawitter ist gerne in seinem Neuperlach spazieren gegangen. Ein Alt-OB, der sich nur ins Private zurückzieht, ist er aber nie gewesen. Viele Erfolge hat er seit seinem Rückzug aus dem Amt 1993 verbuchen können. Seinen größten bejubelte er auf seine Art: leise. Am 21. November 2004 flackern um 19.34 Uhr die entscheidenden letzten Ergebnisse des Hochhaus-Entscheids im Kreisverwaltungsreferat über die Bildschirme. In der Stadt dürfen auch in Zukunft keine Häuser gebaut werden, die höher sind als die Türme der Frauenkirche. Kronawitters Bündnis hat gewonnen. Knapp, mit 50,8 Prozent der Stimmen. Gegen Wirtschaftsverbände, den Stadtrat und – auch das – gegen den Nachfolger im OB-Büro, Christian Ude. Kronawitter aber mag für die Fotografen kein Sieger-Lächeln aufsetzen. „Das begreife ich nicht“, sagt er zunächst nur.

Hochhaus-Entscheid - ein kleines Bündnis gewann die Schlacht

Für Münchens traditionelles Gesicht: 2004 sammelte Kronawitter Unterschriften gegen Hochhäuser.

Der Kampf gegen die Hochhäuser und für die alte Stadt-Silhouette, er hatte zunächst chancenlos ausgesehen. Mit nur 25 Mitstreitern zog Kronawitter in die Schlacht. Am Ende hatte der „OB der kleinen Leute“ wieder mal das richtige Gespür für die Stimmung in der Stadt gehabt. Im Rückblick erscheint der Hochhaus-Entscheid als eine konsequente Fortführung kronawitterscher Rathaus-Politik– und manches Argument seiner Gegner geradezu aberwitzig. Kronawitter hatte bereits in seiner Amtszeit auf Maßhalten bei der Verdichtung gedrängt: Das Gesicht der Stadt solle erhalten bleiben. Kronawitter setzte auf Grünflächen, auf Wohnungsbau statt immer nur mehr Büros. In der Debatte 2004 malten seine Gegner eine schwarze Zukunft an die Wand, sollte München auf Hochhäuser verzichten. Auf dem Spiel stünden viele Arbeitsplätze, die Stadtentwicklung komme ohne Hochhäuser an ihr Ende – der Ruf als führende Wirtschaftsstadt sei akut in Gefahr. Zwölf Jahre nach dem Entscheid muss man wohl sagen: Kronawitter hat Recht behalten, nichts von dem Befürchteten ist eingetreten. Eher kämpft die Stadt mit all jenen Problemen, vor denen er immer gewarnt hatte: Die kleinen Leute drohen unter die Räder zu kommen, bezahlbarer Wohnraum wird immer knapper, eine spezifisch münchnerische Identität ist immer weniger erkennbar.

Häuser über 200 Meter Höhe waren geplant

Um die Jahrtausendwende entdeckte Kronawitter das Hochhaus-Thema für sich. Schon 2001 schrieb er, eine Grundsatzdiskussion darüber sei „überfällig“. „Es macht keinen Sinn, sie erst zu führen, wenn die Stadt voll von beliebigen Hochhäusern an beliebigen Stellen, in beliebiger Höhe, in beliebiger Geschossfläche und von beliebiger Qualität ist.“ Als Ude später erklärte, sich Hochhäuser jenseits der 200-Meter-Grenze vorstellen zu können, war das Fass übergelaufen. München sei nicht Houston/Texas und nicht Frankfurt, schimpfte Kronawitter. Immer wieder sprach er vom „Vierkantbolzen“, dem ungeliebten „Uptown Munich“ am Georg-Brauchle-Ring (146 Meter). Wäre der 230 Meter hoch geworden – Udes Hochhaus-Größenordnung – wäre das „nicht modern, sondern unfassbar“ gewesen, sagte Kronawitter.

Der Turm der SZ wurde deshalb gekürzt

Demonstranten: Mit Hans-Jochen Vogel am 1. Mai 2003.

Konkret gestoppt wurden durch den Entscheid – Wahlbeteiligung nur 21 Prozent – zwei Projekte: das Siemens-Hochhaus mit 148 Metern Höhe im Münchner Süden – und der Turm der SZ, der von 145 Metern auf unter 100 Meter gestutzt wurde. Die rechtliche Wirkung des Entscheids ist längst erloschen. Höher gebaut hat trotzdem keiner. Kronawitters Initiative hat also gewirkt. Sein engagierter Kampf für eine Vermögenssteuer blieb hingegen ungekrönt, auch wenn er viele in der SPD überzeugen konnte. Dort wurde sein Wort bis zuletzt gehört. Auch im Wahlkampf 2014, als er für OB-Kandidat Dieter Reiter warb – und ihm beim entscheidenden SPD-Parteitag zu einer Mehrheit für die Große Koalition verhalf. Reiter sagt, er werde das Kronawitter nie vergessen. „Gemeinsam haben wir die Kooperation möglich gemacht.“

Kronawitter - der OB für die Kleinen Leute wirkt weiter

Reiter erinnert auch an einen sonnigen Märztag 2014 vor dem Pep-Einkaufszentrum in Neuperlach, die OB-Stichwahl stand bevor. „Kronawitter hat für mich seine berühmten Moosröschen verteilt“, sagt Reiter über den Moment, als zufällig CSU-Kandidat Josef Schmid vorbeikam. Schmid setzte im Wahlkampf auf Prominenz, hatte sogar Ministerpräsident Horst Seehofer dabei. „Ich habe mich mit Kronawitter nicht schlechter gefühlt“, sagt Reiter stolz. Er hat schon im Wahlkampf den Spruch und den Anspruch von Kronawitter aufgenommen, ein OB für die kleinen Leute sein zu wollen. Alt-OB Georg Kronawitter, der „Rote Schorsch“, er wirkt auch nach seinem Tod im Rathaus weiter.

Alt-OB Georg Kronawitter - Sein Leben und Wirken in Bildern

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