Ein unscheinbares Steinkreuz erinnert in der Au an die Zeiten der Pest. Margit Riemerschmid kennt die Geschichte dazu.

Serie: Münchner Geheimnisse

Ein Steinkreuz als Erinnerung an den Schwarzen Tod

München - München ist eine Stadt voller Geheimnisse und Geschichten, von denen selbst manche Münchner nichts wissen. In unserer Serie „Münchner Geheimnisse“ lüften wir einige von ihnen. Heute geht es um ein Steinkreuz, das an eine todbringende Krankheit erinnert..

In Oberbayern sind Kreuze an allen Ecken und Enden zu finden. Auf weiter Flur und mitten in der Stadt, auf dem Boden stehend oder hoch über den Köpfen angebracht: Das Christentum und vor allem der katholische Glaube sind allgegenwärtig. Deswegen verwundert es zunächst nicht, dass auch im Münchner Stadtteil Au unter anderem an einer ehemaligen Herberge ein kniehohes, unscheinbares Steinkreuz an der Wand befestigt ist.

Margit Riemerschmid, Vorsitzende des Vereins „Freunde der Vorstadt Au“, weiß, dass es sich dabei nicht um ein Kreuz wie so viele andere handelt. „Das Kreuz an der Franz-Prüller-Straße 12 ist vermutlich ein so genanntes Pestkreuz“, erklärt sie. Damit habe man während der Pestepidemien Häuser markiert, in denen alle Einwohner der Seuche zum Opfer gefallen waren. „Als Zeichen dafür wurde die Eingangstür vermauert und das Steinkreuz davorgesetzt, damit alle Bescheid wussten“, fährt sie fort. Erst wenn eine bestimmte Zeitspanne verstrichen war und man keine Ansteckung mehr befürchten musste, wurden die Toten – oder das, was von ihnen noch übrig war – herausgeholt und in Massengräbern beerdigt.

Das Kreuz in der Au stammt vermutlich aus der Pest-Epidemie, die von 1517 bis 1519 dauerte. Damals wütete die Seuche auf grausame Weise in der Stadt. Tausende Menschen erlagen der Krankheit, die Angst und Schrecken brachte. So sehr die Menschen auch versuchten, sie abzuwenden – sie scheiterten kläglich. Auf der Straße beherrschten die Totengräber das Bild, wenn sie sich denn überhaupt noch die Mühe machten, die Gestorbenen abzutransportieren.

In München waren vor allem in späteren Pestjahren nur das Neuhauser Tor und das Isartor offen. Beide wurden penibel bewacht: Wer in die Stadt wollte, musste einen Gesundheitspass vorzeigen. Briefe wurden vor dem Zustellen geräuchert, Geld mit Essig gewaschen und an den Ein- und Ausgängen der Straßen eiserne Ketten befestigt, die geschlossen wurden, sobald auf einer der beiden Seiten ein Verdacht auf Ansteckung bestand.

Wenn sich die Münchner nicht daran hielten, wurden Straßen, in denen sich Pestkranke befanden, mit Brettern verschlossen. Oder eben auch einzelne Häuser, wie im Fall der Herberge in der Au. Genaue Zahlen dazu, wie viele Münchner während der unzähligen Pestepidemien vom Schwarzen Tod dahingerafft wurden, gibt es nicht. Doch allein im Winter 1635 waren es von den 20 000 Einwohnern rund 15 000. Dass ausgerechnet das Haus mit dem Steinkreuz, das deswegen lange Zeit auch den Namen „Pesthaus“ trug, später mit zwei berühmten Personen in Zusammenhang gebracht werden würde, war in den schweren Zeiten der Seuche noch nicht abzusehen.

Den Anfang machte die Opernsängerin Clara Metzger-Vespermann (1799–1827), die von den Bewohnern der Au noch heute liebevoll „Metzger Clarl“ genannt wird. „Sie hat ihren Eltern von ihren Anfangshonoraren eine Wohnung im ersten Stock des Hauses gekauft“, erinnert Margit Riemerschmid an die Großzügigkeit der jungen Frau. Überliefert sind die Worte: „So, Herr Vater, jetzt haben’S a Heimat für immer“, die die Sängerin beim Öffnen der Tür gesprochen haben soll. Sie habe die Wohnung mit neuen Goldstücken in bar bezahlt und so dafür gesorgt, dass ihre Eltern – ein fleißiger Maurer und seine nicht minder fleißige Ehefrau – einen ruhigen Lebensabend in der Au verbringen konnten.

Während sie als Sängerin internationale Erfolge feierte und unter anderem in der Mailänder Scala auftrat oder in Berlin, Dresden und Leipzig die Opernhäuser füllte, vergaß Clara Metzger-Vespermann nie ihre Herkunft in der Au. Ab 1819 setzte sie ihre Karriere daher am Königlichen Hof- und Nationaltheater in München fort, wo sie für ihre Interpretation der Agathe in Karl Maria von Webers „Der Freischütz“ großes Lob erntete – auch vom Komponisten selbst. Entsprechend groß war die Trauer in ihrer Heimat, als sie bereits im Alter von 28 Jahren am 6. März 1827 verstarb.

Ob diese Geschichte eine Rolle spielte, als der bekannte Regisseur und Kameramann Joseph Vilsmeier 170 Jahre später alle Wohnungen in dem Haus kaufte und sie renovieren ließ? „Warum er sich ausgerechnet dieses Gebäude ausgesucht hat, wissen wir nicht. Aber er hat das Haus vor dem Verfall gerettet und wieder zu dem großen, schönen Gebäude gemacht, das es auch zu Clara Metzger-Vespermanns Zeiten war“, erzählt Margit Riemerschmid. Das weiße Steinkreuz aber erinnert noch an die Jahre, als der Schwarze Tod in dem Haus umging.

Das Buch "Münchner Geheimnisse" kostet 14,90 Euro und kann im Internet unter www.heimatshop-bayern.de/geheimnisse bestellt werden. Erhältlich ist es ab Anfang November. 190 Seiten; ISBN 9783981679670.

Lesen Sie hier die bisherigen Folgen der Serie:

Bierkrugtresor: Im Hofbräuhaus gibt es Stammgäste über den Tod hinaus

Was es mit der Eskimo-Tragödie auf sich hat

Das Schöne Tor in der Kaufinger Straße

Christian Ude und die verbotene Party

Das letzte Stündlein: Wo es in München eine Arme-Sünder-Glocke gibt

Die Zwiebelhauben der Frauenkirche

Die Kanonenkugel vom Alten Peter

Heike Thissen

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