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Als "Sex-Bestie von Geretsried" sorgte Karl D. für Schlagzeilen.

"Sex-Bestie von Geretsried" ist frei

Geretsried - Mag sein, dass dieses Urteil im juristischen Sinne korrekt ist. Ein Urteil im Namen des Volkes jedoch wird es damit noch lange nicht:

Seit Freitag ist ein sadistischer Sex-Verbrecher wieder frei. Das Landgericht II hat nicht die von der Staatsanwaltschaft geforderte nachträgliche Sicherungsverwahrung gegen Karl D. (47) ausgesprochen – obwohl zwei Sachverständige ihm „Suchtverhalten“ und hochgradige Gefährlichkeit bescheinigten.

Der Staplerfahrer hat 1994 zwei Mädchen (14 und 15 Jahre alt) einem unbeschreiblichen Martyrium ausgesetzt. Er vergewaltigte, verletzte und quälte seine Opfer stundenlang auf bestialische Weise.

Seine 14-jährige Haft „hat nichts zum Guten verändert“, so der Psychiater Professor Dieter Athen. Familienvater Karl D. – sein Sohn war damals auch erst 14 und die Tochter zwei Jahre alt – war bei dem scheußlichen Verbrechen von 1994 kein unbeschriebenes Blatt.
Schon zehn Jahre zuvor hatte er eine Schülerin (17) vergewaltigt.

Trotz einer Strafe von sechs Jahren erlaubten die gesetzlichen Voraussetzungen bei der Verurteilung von 1995 noch nicht die anschließende Sicherungsverwahrung. Nach heutigem Recht wäre sie zwingend ausgesprochen worden.

Seit 2004 kann die Sicherungsverwahrung nachträglich ausgesprochen werden: wenn ein „Hang“ zu schweren Sexualverbrechen festgestellt wird und wenn wenigstens eine Tatsache bekannt wurde, die zum Zeitpunkt der Verurteilung noch im Dunkeln lag. Solche Fakten sah das Landgericht schon im April 2008 nicht, als Karl D. die 14 Jahre Haft verbüßt hatte. Damals verhinderte jedoch das Oberlandesgericht die Entlassung des Sex-Täters per Haftbefehl und wies Karl D. in die Psychiatrie ein.

Staatsanwalt Florian Gliwitzky wollte die Allgemeinheit unbedingt vor Karl D. schützen. Der Psychiater von 1995 habe zwar den „Hang“ des Staplerfahrers zu schweren Straftaten verneint. Die Gutachter von heute seien da aber ganz anderer Meinung. „Aufgrund seiner spezifischen Persönlichkeitsmerkmale muss mit weiteren Sexualtaten gerechnet werden“, zitierte der Staatsanwalt. Und: „Es besteht eine hohe Rückfallgefahr.“

Schon im Gefängnis hatte der Sex-Täter jede Therapie abgelehnt. Die Aussagen von zwei ehemaligen Mithäftlingen legen überdies nahe, dass D. „Rachegelüste entwickelte und für mindestens eines der Opfer von 1994 gefährlich ist“. Das Mädchen hatte erfolgreich Schmerzensgeld eingeklagt. Ihr Peiniger soll sich bei Mitgefangenen beschwert haben, dass sie auf seine Kosten einen Motorroller fahre. Wenn er rauskomme, werde er sich „was einfallen lassen“. Die Mädchen stellte er als Lügner dar.

Auf Aussagen von Mithäftlingen lasse sich eine so schwerwiegende Entscheidung nicht stützen, so Verteidiger Günther Haberl. „Das sind Menschen, die alles sagen, um gut dazustehen.“ Neue Tatsachen hätten diese Äußerungen laut Haberl nicht gebracht. Und die Sachverständigen „haben bekannte Fakten nur anders bewertet“.

Dieser Meinung war auch Richter Hans-Jochen Hintersaß. „Ich sehe keine neuen Tatsachen, die für einen Hang zu schwersten Sexualstraftaten sprechen“, sagte er in der Urteilsbegründung. Es war übrigens sein letztes Urteil. Ab heute ist er in Pension.

Und Karl D.? Der bekommt elf Euro Haftentschädigung für jeden Tag, den er seit April 2008 in der Psychiatrie saß. Gesetzlich korrekt eben.

Thomas Gerber

Bei Opfern kehrt die Angst zurück

Hinter jeder Zahl steht so viel Angst, so viel Scham und die totale Demütigung: 921 Frauen wurden im Jahr 2007 in Bayern vergewaltigt. Allein in München waren es 182 Opfer. Die tz sprach mit dem Wolfratshauser Psychiater Dr. med. Oliver Seemann (www.psychiater.org ) über die psychischen Folgen, die diese Form der rohen Gewalt anrichtet:

Wie reagieren Frauen auf eine Vergewaltigung?

Dr. Oliver Seemann: „Viele schweigen, weil sie befürchten, dass man ihnen nicht glaubt. Das geschieht insbesondere in Fällen, in denen der Täter aus dem persönlichen Umfeld der Frau oder sogar aus ihrer Familie kommt. Manche quälen sich mit Scham und Schuldgefühlen. Andere befürchten private oder berufliche Repressalien und haben Angst davor, nicht ernstgenommen zu werden.“

Was hilft, dieses Trauma zu verarbeiten?

Dr. Oliver Seemann: Eine Vergewaltigung kann man nicht verarbeiten, weil es dafür im Gegensatz zu beispielsweise zwischenmenschlichen Konflikten keine Lösung gibt. Grundsätzlich ist es gut, darüber zu sprechen. Eine echte Vertrauensperson ist oft hilfreicher als die gesamte Familie, alle Freunde und auch noch die Kollegen einzuweihen. Die könnten nach erstem Interesse und Mitleid genervt reagieren.“

Was geschieht, wenn sich eine Frau entschließt, zu schweigen?

Dr. Oliver Seemann: Beziehungsprobleme sind eine typische Folge. Manche Frauen ertragen die körperliche Nähe des Partners nicht mehr, lehnen Sexualität ab. Andere reagieren mit Angststörungen. Einige Opfer öffnen sich plötzlich nach 20 Jahren. Bei ihnen besteht jedoch die Gefahr einer unerwünschten Re-Traumatisierung. Das ist gefährlich. Denn es ist nicht hilfreich, die alten Traumata immer wieder bis ins Detail in Erinnerung zu rufen. Ich bin da sehr vorsichtig.

Was empfinden vergewaltigte Frauen, wenn der Täter wieder auf freiem Fuße ist?

Dr. Oliver Seemann: Eine große Wut kann die Folge sein. Oder bei den Opfern kehren die alten Ängste zurück. Manche Frauen können an nichts anderes mehr denken. Nachts schlafen sie schlecht. Tagsüber können sie sich auf nichts mehr konzentrieren und sich auch über nichts mehr wirklich freuen. An diesem Punkt ist professionelle Hilfe dringend angeraten.“

dop.

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