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Sexuelle Gewalt

Kinderfänger unterwegs? Polizei warnt vor Gerüchten

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München - Immer wieder kursieren Gerüchte, dass „verdächtige Unbekannte“ Kinder vor Schulen oder Kindergärten ansprechen. Das Thema ist äußerst heikel, das weiß auch die Polizei. Sie gibt Tipps, wie Eltern und Schulen mit beunruhigenden Beobachtungen am besten umgehen.

Erst kürzlich kursierten im Lehel E-Mails: Die Entführung eines Kindergartenkindes sei gerade noch verhindert worden, hieß es darin. Ähnliches soll sich eine Woche zuvor auf der Postwiese am Ostbahnhof zugetragen haben. Die Polizei ermittelte – und gab Entwarnung. Die Fälle waren der Phantasie der Kinder entsprungen. Fälle wie diese sind für die Polizei fast schon Tagesgeschäft. Zwei bis drei verdächtige Beobachtungen werden pro Woche gemeldet. Der Tenor ist immer ähnlich: Ein Unbekannter habe Kinder vor der Schule oder dem Kindergarten angesprochen und versucht, sie zum Mitgehen zu bewegen oder ins Auto zu locken.

„Wir nehmen alle Fälle sehr ernst“, betont Ralph Kappelmeier. Der Kriminalhauptkommissar ist Experte, wenn es um Gewalt gegen Kinder geht. Jeder Beobachtung gehe man nach, jedes Gerücht werde akribisch geprüft, sagt er. In den meisten Fällen finde die Polizei aber niemanden, auf den die Beschreibung der Eltern oder Kinder passe. Oft würden sich Dinge in der Phantasie der Kinder abspielen oder sie wollen bei etwas Spannendem „dabei sein“ und erfinden deshalb etwas. „Hat an einem Tag ein Kind ein schwarzes Auto gesehen, können das am nächsten Tag schon fünf Kinder gesehen haben“, sagt Kappelmeier.

Kappelmeier weiß, dass das Thema ein heißes Eisen ist. Zwar entpuppen sich die Gerüchte meist als haltlos, aber sie zu ignorieren, ist keine Alternative. Bleibt, Eltern und Lehrer zu sensibilisieren, ihnen Mittel an die Hand zu geben, Gerüchte erst zu hinterfragen, ehe E-Mails oder Elternbriefe verfasst werden. „Kinder werden selbstständig und somit wächst verständlicherweise die Angst der Eltern vor sexuellen Übergriffen“, sagt Kappelmeier. „Es ist eine Urangst von Eltern, dass ein Unbekannter im verdunkelten Wagen vor der Schule oder auf dem Heimweg hält, ein Kind ins Auto zieht, entführt und missbraucht.“

Die Gefahr, dass ein Kind Opfer eines unbekannten Sexualtäters wird, ist laut Kappelmeier äußerst gering. Bundesweit gebe es pro Jahr im Schnitt ein bis zwei Sexualmorde an Kindern bis 13 Jahren. In München habe es in den vergangenen Jahren nur einen Fall gegeben: Michaela Eisch, die 1985 im Alter von acht Jahren missbraucht und erdrosselt wurde. „Da der Täter immer noch nicht gefasst ist, ist unklar, ob es wirklich ein Unbekannter war“, sagt Kappelmeier. Denn der überwiegende Teil der Übergriffe auf Kinder, 80 bis 90 Prozent, werden laut Kappelmeier von Menschen aus dem Umfeld verübt – Bekannte, Freunde, Betreuer, oder gar Verwandte. Insgesamt sei die Zahl sexueller Missbräuche an Kindern rückläufig. Beim Polizeipräsidium München waren 2002 346 Fälle aktenkundig, im Jahr 2014 nur noch 146. Über die Gründe kann Kappelmeier nur spekulieren. Es gebe die Hypothese, dass Pädophile sich vermehrt über Kinderpornografie im Internet „abreagieren“ würden. Insgesamt leben in Deutschland 400 000 Pädophile – fast jeder hundertste Mann wäre demnach pädophil veranlagt. Angesichts dieser Zahl, sagt Kappelmeier, sei es auch Realität, dass es Männer gebe, die vor Schulen stehen, da sie die Nähe zu Kindern suchen.

So bleibt das Thema eine Gratwanderung. Der Experte rät Eltern, aufmerksam zu sein, aber nicht übertrieben ängstlich. Angst übertrage sich auf die Kinder. „Das wäre nicht gut.“ Auf jeden Fall sollten Eltern die Signale ihrer Kinder ernst nehmen. Nach kritischen Situationen, etwa wenn es erzählt, Gummibärchen von einem Fremden angenommen zu haben, solle man mit dem Kind nicht zu hart ins Gericht gehen. Das könne nämlich dazu führen, dass es künftig gar nichts mehr erzählt. „Sinnvoll ist es, darüber zu reden, wie Kinder Gefahren vermeiden können.“ Dazu gehöre, dass sie auf dem Schulweg oder beim Spielen nicht alleine seien.

„Für Schulen ist es schwierig, sich bei einem Gerücht richtig zu verhalten“, räumt Kappelmeier ein. Verschweigt man es, kann der Vorwurf des Verheimlichens aufkommen. Schreibt man einen Rundbrief, schüre man unter Umständen unnötig Angst. Kappelmeier rät: „Wenn ein Brief formuliert wird, dann objektiv und wenig theatralisch.“

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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