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„Aber ich bin doch bitte unschuldig“: Nach der Urteilsverkündung am 4. Juni 1962 tröstet Brühnes Mitangeklagter Johann Ferbach im Gerichtssaal Vera Brühne.

Vera Brühne: „Sie wollte keine Gnade, sondern Recht“

München - Als Hure beschimpft, als Doppelmörderin verurteilt und schließlich begnadigt: Vera Brühne war die Hauptfigur in einem der spektakulärsten Kriminalfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte. Heute wäre sie 100 Jahre alt geworden. Eine Spurensuche.

Die junge Frau geht in den Keller und sucht nach einem Spazierstock – Vera Brühnes Gehhilfe. Im Halbdunkel kramt sie Gartengeräte hervor, aber den Spazierstock findet sie nicht.

Seit fünf Jahren wohnt die junge Frau, sie soll hier Romana Adler heißen, in dem grau getünchten Haus an der Maxvorstädter Kaulbachstraße 40. Als sie die lichtdurchflutete Wohnung kaufte, ahnte sie nicht, wer hier bis 2001 lebte: Vera Brühne, vor mehr als 40 Jahren in einem spektakulären Mordprozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht hatte die damals 52-Jährige schuldig gesprochen, in Pöcking am Starnberger See ihren angeblichen Geliebten, den Arzt Otto Praun, und dessen Haushälterin aus Habgier ermordet zu haben.

Romana Adler war gerade beim Weißeln, als sie erfuhr, dass dies einst die Wohnung von Deutschlands berühmtester Strafgefangener war: Ein Passant sprach sie durch das zur Straße hin geöffnete Fenster an, erzählte, dass er früher oft hier war. Auf den rauschenden Partys, die Brühne vor ihrer Verurteilung gab. „Ganz melancholisch war der Mann, schwärmte von Brühnes Schönheit“, erzählt Adler. Ihr Interesse war geweckt, sie begann, sich umzuhören. Erfuhr, dass noch immer Brühnes Spazierstock im Keller steht – Brühne hatte ein Hüftleiden. Dass die Pappeln im Hof von Brühne gepflanzt worden waren. Und dass noch immer eine Frau im Haus wohnt, die mit Brühne befreundet war.

In den 60er-Jahren verfolgte ganz Deutschland den Indizienprozess gegen Brühne, die schöne Lebedame. Ihr Stolz und ihre angeblichen erotischen Ausschweifungen wurden damals als skandalös empfunden. Etliche Herren traten in den Zeugenstand und behaupteten, von Brühne betört und ausgenommen worden zu sein. Brühne eine Mätresse, die sich aushalten ließ? Eine Mörderin, die einen Liebhaber um die Ecke brachte, weil sie um ihr Erbe, eine Finca in Spanien, fürchtete? „Aber ich bin doch bitte unschuldig“, flüsterte Brühne nach dem Richterspruch. Sie war eine Dame. Eine, die lieber zu oft „bitte“ sagte, als zu wenig.

Nach ihrer Begnadigung im Jahre 1979 kehrte Brühne in ihre elegante Wohnung an der Kaulbachstraße zurück, wo sie unter falschem Namen ein zurückgezogenes Leben führte. Bis sie mit 91 Jahren starb.
Adler, die heute in der 80 Quadratmeter großen Wohnung lebt, kaufte diese von Brühnes Adoptivsohn. Der veränderte nichts, aber wollte das Apartment los werden: „Es waren zu viele Erinnerungen, ich musste einen Schlussstrich ziehen“, sagt Wilfried Tasch, der Brühne oft besuchte. Deshalb kennt Adler die Räume noch so, wie Brühne sie hinterließ: Antike Möbel, elegante Teppiche auf dem Parkett – und durchbrochene Wände: „Nach Jahren im Gefängnis konnte Brühne Wände nicht ertragen. Sie fühlte sich davon bedrängt“, erzählt Adler, die die Rundbögen wieder zumauern ließ.

Bis heute ist das Urteil gegen Brühne umstritten. Handfeste Beweise gab es nicht, weil die Polizei bei der Spurensicherung gepfuscht hatte. Zudem soll der ermordete Praun in illegale Waffengeschäfte verwickelt und für den Bundesnachrichtendienst tätig gewesen sein. Musste Brühne herhalten, um vom wahren Täter, einem Geheimdienstagenten, abzulenken? War sie das unschuldige Opfer in einem politischen Komplott? Achtmal beantragte Brühne eine Wiederaufnahme des Verfahrens, achtmal wurde das abgelehnt.

Doch nach 18 Jahren hinter Gittern wurde Brühne überraschend begnadigt – vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Damit begannen die Verschwörungstheorien: Angeblich soll der persönliche Referent Strauß’ in den Praun-Mord verwickelt gewesen sein, weshalb Strauß eidesstattlich versichern musste, nichts mit dem Verbrechen zu tun zu haben. Aber irgendetwas schien Strauß zu wissen. Denn nachdem der damalige Kanzleramtsminister Horst Ehmke beim BND Akteneinsicht zum Fall Praun genommen hatte, soll ihm Strauß geraten haben: „Wenn Ihnen ihr Leben lieb ist, lassen Sie die Finger von der Geschichte.“

Im Haus an der Kaulbachstraße kannte zunächst niemand Brühnes wahre Identität: „Sie ist mir aber aufgefallen, weil sie trotz ihres Alters eine kerzengerade Haltung und beeindruckende Augen hatte“, erzählt eine Bewohnerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will und die mit Brühne befreundet war. Brühne habe unzählige Fotos in ihrer Wohnung gehabt, aber keines von sich selbst. „Ich bin so oft fotografiert worden, ich kann keine Fotos mehr von mir sehen“, habe Brühne gesagt – und angefangen, ihre Geschichte zu erzählen. Einmal habe Brühne den Trenchcoat aus dem Schrank geholt, den sie während des Prozesses trug. „Wie ein Mannequin führte sie mir den Trenchcoat vor. Sie genoss es, bewundert zu werden.“ Die Frau ist überzeugt, dass es „der Hass der grauen Mäuse“ war, den sich Brühne während des Prozesses zuzog.

In ihren letzten Lebensjahren stand Brühne oft am Fenster und beobachtete das Leben auf der Straße. Das Haus verließ sie selten. Zuweilen ging sie Semmeln kaufen bei der Bäckerei Hörner, die es heute nicht mehr gibt. Einsam war sie nicht, sagt Adoptivsohn Tasch, „sie genügte sich selbst“.

Tasch kümmerte sich um sie, holte sie zu Spazierfahrten ab. Er kannte eine andere Vera Brühne. Nicht die selbstverliebte Blondine, sondern eine, die sich für harte Arbeit nicht zu schade war. Die nichts wegwarf, sondern alles reparierte. Servietten flickte und ihre Kleider selbst nähte. Die Presse, sagt Tasch, habe damals geschrieben, Brühne trage Chanel vor Gericht. „Dabei war es ein 14-Mark-Kostüm von der Stange, an das sie Paspeln genäht hatte.“ Und Brühne kochte gern: „Kaum Fleisch, nur Gemüse. Sie achtete sehr auf ihre Figur, wog bei 1,78 Metern Größe nur 51 Kilo.“

Haderte Brühne mit ihrem Schicksal? Tasch sagt: „Ein Leben lang. Sie hatte Angstträume. Sie wollte keine Gnade, sondern Recht.“

Bettina Stuhlweissenburg

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