Knistert da was? Helene L. und Charmeur Egon Stengl beim Speeddating für Senioren. Foto: Homann

In sieben Minuten zur späten Liebe

München - Speeddating - das klingt nach einer Mode-Sportart für Teens und Twens. Doch weit gefehlt: In Obermenzing beschnupperten sich Singles ab 60 bei dem „Schnelltreffen“. Auffällig: der Frauenüberschuss. Die Männer sind offenbar schüchtern - einer ging sogar gleich wieder.

Helene L. (Name geändert) war schon etwas perplex, als sie der 69-jährige Physiker so direkt nach ihrem Alter fragte. Als er dann noch verkündete: „Sie sind zu alt für mich“, war es endgültig vorbei. Und überhaupt: Wer bringt denn zu einem Treffen eine Liste mit Fragen mit? „Knallhart, der Mann“, resümiert L. Aber zum Glück waren ja noch mehr Männer da, beim Speeddating für Senioren am Donnerstagabend in Obermenzing.

Ein großer Raum, geschmückt mit Rosen und Grünpflanzen. Zwei Reihen Holztische, auf jedem eine Flasche Mineralwasser und zwei Gläser. Acht Frauen und fünf Männer. Sieben Minuten Redezeit, anschließend Wechsel der Gesprächspartner. Ein bisschen Nervosität liegt in der Luft, vor allem aber Neugier.

Der jüngste Teilnehmer ist 61 Jahre alt, die älteste Teilnehmerin 78. Über 100 Frauen hatten angerufen und sich für die Veranstaltung interessiert, nur die ersten acht durften schließlich teilnehmen. Nur sechs Männer hatten sich angemeldet. Einer kam, sah sich um, meinte, da sei für ihn nichts dabei - und verschwand wieder. Da waren es nur noch fünf. Die Herren sind offenbar schüchtern.

Vielleicht liegt das an Frauen wie Helene L. „Ich weiß genau, was ich will“, sagt die 78-Jährige. Vor elf Jahren starb ihr Mann, seitdem lebt sie allein. Über 30 Jahre lang war sie verheiratet. Doch die Ehe war nicht unbedingt das, was L. sich gewünscht hätte. Ihr Mann habe sie eingeengt, erzählt sie. „Seine Vorstellungen stammten noch aus dem vergangenen Jahrtausend.“ Jetzt ist sie wieder auf der Suche. Aber ihr Traummann, betont sie, muss ihr unbedingt Freiraum lassen.

Die Liebe im Alter ist für viele kein leichtes Thema. Senioren üben oft keinen Beruf mehr aus, können niemanden auf der Arbeit kennenlernen. Manche gehen nur selten aus. Und wenn doch - einen Fremden im Theater anzusprechen fällt auch nicht leicht.

Einsam fühlt sich Helene L. aber nicht. Allein vielleicht, aber nicht einsam. „Mir macht das nichts mehr aus“, sagt sie. Sie gehe auch allein in den Biergarten oder ins Restaurant. „Aber im Alter ist es einfach schöner, jemanden zu haben“, sagt sie. Gab es denn jemanden in letzter Zeit? „Ja, da gab es schon einen“, verrät L. „So ein fetziger, kleiner Sportler.“ Und da sei noch einer gewesen, der ihr besonders gefallen habe.

Vielleicht war das ja Egon Stengl, 74 Jahre alt, freundliches Lachen, Schnauzbart. Gerade gibt er einer anderen Dame einen Handkuss - ein Charmeur der alten Schule. Seit drei Jahren lebt er allein, seine Partnerin habe damals Schluss gemacht. „So wie ich es vorher mit anderen Frauen gemacht habe“, sagt Stengl zwinkernd. Nette Gespräche habe er geführt, auch wenn sie etwas kurz gewesen seien. Wenn man bisher ein so erfülltes Leben gehabt habe, gebe es eben viel zu erzählen. „Bei den Jungen geht das schneller“, sagt Stengl. Es sei aber locker gewesen, unverkrampft, kein reines Abklappern von Fakten. Er habe sieben völlig verschiedene Gespräche geführt. „Das hat sie gut gemacht, die Frau Berger“, lobt der Charmeur.

Friederike Berger, Paartherapeutin aus Schwabing, hatte die Idee für das Senioren-Speeddating. „Mir ist aufgefallen, dass es da einen sehr großen Bedarf gibt.“ Vor allem bei Männern sei Liebe im Alter noch immer ein Tabuthema. Deshalb seien auch nur so wenige gekommen. Ein paar Männer hätten angerufen, um Berger selbst kennenzulernen, nachdem sie ihr Foto in der Zeitung gesehen hatten. Aber das sei natürlich nicht Sinn der Sache.

Nach Bergers Beobachtung geht es den Senioren vor allem darum, jemanden für gemeinsame Unternehmungen zu finden. Ob man ungefähr zusammenpasse, merke man schon nach ein paar Sekunden. „Die Teilnehmer haben sich alle sehr intensiv unterhalten“, sagt sie. Es sei aber auch ein großer Organisationsaufwand gewesen. Ob es eine Wiederholung geben wird, will Berger noch nicht sagen.

Und jetzt? Nach dem Speeddating mussten alle Teilnehmer die Nummern der Gesprächspartner aufschreiben, die sie interessant fanden und wiedersehen wollen. Berger wertet die Zettel nun aus. Dann teilt sie den Partnern die jeweiligen Telefonnummern mit. „Selbst wenn es nicht die Liebe auf den ersten Blick war, rate ich dazu, sich noch einmal zu treffen“, sagt Berger. „Es gibt ja auch die Liebe auf den zweiten Blick.“

Moritz Homann

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