Sind unsere neuen Wohnviertel zu langweilig? Das Ude-Interview, Teil 2

München - Sie geht in die zweite Runde, unsere Debatte mit OB Ude über neue Architektur in München. Wieder geht es um ein großes Streitthema: die neuen Wohngebiete. Sind sie zu monoton?

Im Arnulfpark entsteht derzeit der Komplex Central & Park mit Wohnungen und Büros. Wie gefällt er Ihnen?

Ich finde hier manches eintönig und in der Dimensionierung wenig überzeugend. Die Gesamtbotschaft ist eigentlich recht abweisend. Vor allem bei den Balkonen. Sowas habe ich seit den 60er Jahren nicht mehr gesehen.

Ist eine gewisse Uniformität nicht generell ein Problem des Arnulfparks?

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Meine Frau und ich haben uns einige der Wohngebäude dort auf einer Architekturfahrt angesehen - und waren sehr angetan. Betrachtet man sie im Detail sieht man, dass dort sehr helle, freundliche Wohnungen entstanden sind. Hier gibt es eine vornehme Architektur-Haltung. Das Problem ist: Wenn Zeitungen über ein neues Viertel berichten, zeigen sie den Neubau-Zustand. Da ist die Begrünung oft noch karg, die Bäume schwindsüchtig. Wenn 30 Jahre später prächtige Bäume und dichte Büsche gewachsen sind, zeigt niemand mehr das Viertel.

Auch die Messestadt Riem empfinden viele als gleichförmig. . .

Also, gerade in der Messestadt gibt es eine erfreuliche Vielfalt von Handschriften und unterschiedlichen Bauformen! Ich bin Fan des Galeriahauses (siehe mittleres Bild unten) - es gehört zum Lebendigsten, was ich im sozialen Wohnungsbau in der Republik kenne. Auch am Ackermannbogen gibt es wirklich reizvolle Orte - etwa dort, wo sich die dichtere Bebauung um Innenhöfe gruppiert.

Also sehen Sie kein Monotonieproblem bei den Neubaugebieten?

Doch, natürlich. Ich bin auch kein Freund von allzu vielen Wohnriegeln. Ich muss aber die Erfahrung machen, dass die Menschen genau das wollen. Die Menschen loben die Urbanität der Türken- und Amalienstraße, würden sich aber in ihrem Neubauviertel niemals die dortigen Belästigungen gefallen lassen. Die Menschen wollen mit dem Auto zum Haus, aber keine Straße vorm Fenster. Sie wollen ins Grüne blicken - und nicht gestört werden durch Werkstätten oder Ladenverkehr.

Wir haben uns auch gefragt, warum ins Parterre der Neubauviertel nicht öfter Läden kommen. Sie würden belebend wirken. . .

Die Frage ist berechtigt, wenn man es nur als ästhetisches Problem sieht. Aber man kann Läden nicht einfach hinplanen, wo man sie als Auflockerung der Häuserzeile gerne hätte. Die Frage ist, ob ein Ladenbetreiber glaubt, dass sich der Standort trägt. Und häufig ist es gerade in Randgebieten einer Wohnbebauung nicht möglich, Läden zu betrieben.

Kann es sein, dass manche Wohnviertel deshalb monoton werden, weil es Investoren nicht nötig haben, spannende Architektur zu schaffen? In München verkauft sich ja eh alles. . .

Das halte ich für einen voreiligen Schluss. Denn die Architektur ist in München ja nicht eintöniger als anderswo! Das behaupten nur Manche, die dann ein Beispiel einer Anlage am Hamburger Hafen für Multimillionäre bringen. Wenn ich aber Neubauviertel deutscher Städte gründlich vergleiche, dann kann ich nicht feststellen, dass München schlechter wäre als andere. Die Wahrheit ist: In vielen Städten wird überhaupt nicht gebaut. München ist doch die einzige Stadt, die ein Wohnungsbauprogramm mit 625 Millionen Euro im Fünfjahreszeitraum auflegen muss, um den Wohnungsbedürfnissen gerecht zu werden.

Aber es fehlt schon ein wenig der Mut zum pfiffigen Bau. Innovatives, wie das Steidle-Hochhaus auf der Theresienhöhe sieht man zu selten.

Sie werden lachen: Ich kriege auch Beschwerdebriefe zu diesem Hochhaus, in denen Leute schreiben: „So schaut doch kein Haus aus! Wo ist denn da das Dach und wieso sind die Balkone nicht ordentlich, sondern in jedem Stockwerk anders?“ Ich persönlich kann mit der Architektur von Steidle sehr viel anfangen - aber die Geschmäcker sind eben verschieden.

Was wird im Olympischen Dorf für mögliche Winterspiele 2018 besser?

Da muss architektonische Spitzenqualität geboten werden. Denn das Dorf wird auf dem internationalen Präsentierteller liegen. Es muss eine Vielfalt der architektonischen Handschriften geben. Und das Dorf muss eine ökologische Mustersiedlung werden.

„Kompakt, „Urban, Grün“ lautet das Credo der städtischen Siedlungsplanung. Ist es Zeit, von dem Motto mal abzurücken?

Ganz und gar nicht. Gehen wir doch das Motto durch: „Kompakt“ müssen wir bauen - in wachsenden Städten muss mit der Fläche sparsam umgegangen werden. „Urbanität“ bedeutet Mischung. Und wir sind Verfechter der „Münchner Mischung“ in jeder Beziehung: Wir wollen keine Ghettos für Arme und Ghettos für Reiche, sonden in jedem Neubaugebiet eine Mischung der Einkommensverhältnisse. Wir wollen auch einen Mix von Wohnungen, Büros, Kulturangeboten und Gastronomie. Und der dritte Punkt - „Grün“ - ist ja so unbestritten wie noch nie.

Wird das woanders auch so gesehen?

Das Motto „Kompakt, Urban, Grün“ war seiner Zeit um mehrere Jahre voraus. Die Chinesen entdecken jetzt erst das Grün, und die Amerikaner brauchen noch Jahrzehnte, um Urbanität zu erkennen. Die haben ja noch die reinen „Suburbs“ zum Schlafen und die „Commercial Districts“ zum Arbeiten und die Einkaufszentren wieder woanders. Es fehlt die gesunde Mischung, die auch ökologisch geboten ist, weil sonst Verkehrswege erzwungen werden.

Wie gefallen Ihnen die frühen Beispiele für Wohngebiete: etwa die Parkstadt Bogenhausen?

Die Parkstadt Bogenhausen war eines der ersten größeren Münchner Entlastungsviertel. Es ist dicht bebaut, aber das Grün ist dort manchmal nur Abstandsgrün, das wäre mir zu wenig. Und Urbanität finde ich in diesen frühen Schlafstätten noch gar nicht. Die ist auch in Neuperlach erst nachträglich geschaffen worden - mit einer Infrastruktur, für die anfangs weder Zeit noch Geld da war.

Das heißt, auch in der Vergangenheit sind Fehler gemacht worden?

Es ist früher etwas wenig von der Urbanität geredet worden - das geschah aber unter dem wahnwitzigen Druck einer bitteren Wohnungsnot. Ich habe ja vor kurzem mit Hans-Jochen Vogel (OB von 1960-1972, d. Red.) 50 Jahre Hasenbergl gefeiert. Wir sagten beide, so eine Wohnungsnot wie damals gab es nie wieder. Über 125 000 Menschen waren behelfsmäßig in der Stadt untergebracht. Da interessierten die Fertigstellungszahlen und sonst fast nix.

Wie viele Wohnungen wurden damals gebaut?

Die Zahlen waren gigantisch: Vogel ist in seiner zwölfjährigen Amtszeit auf fast 200 000 Wohnungen gekommen. Ich krebse jetzt nach fast 17 Jahren als OB knapp über der 100 000-Marke dahin. Aber: Heute sind die Planungsprozesse viel demokratischer. Die Bezirksausschüsse werden beteiligt, es gibt öffentliche Wettbewerbe - all das gab es früher nicht. So wird heute sichergestellt, dass auch die Bedürfnisse der Bewohner zum Zuge kommen.

Interview: Johannes Patzig, Matthias Kristlbauer, Johannes Löhr

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