Abschiebungsgegner demonstrieren am Donnerstagabend in München. 

„Wir sind doch nicht in Kolumbien!“

So reagieren Münchner Schulen auf die Vorfälle in Nürnberg

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An Münchner Schulen herrscht nach den Vorfällen in Nürnberg Entsetzen. Die SchlaU-Schule, an der aktuell 300 Flüchtlinge auf den Mittelschulabschluss vorbereitet werden, sei „schockiert“, sagt Schulgründer Michael Stenger.

München - „Schule ist und muss ein sicherer Ort sein! Wenn Flüchtlinge jederzeit im Unterricht von der Polizei abgeholt werden können, kann man als Schule gleich einpacken.“ Auch Klaus Seiler, der die neue Schule zur Berufsintegration an der Balanstraße leitet, ist fassungslos. Mit solchen Aktionen würden alle Anstrengungen, Jugendliche zu integrieren, „ad absurdum geführt“. Und: „Dass die Polizei mit Schlagstöcken auf Schüler losgeht – wir sind doch nicht in Kolumbien!“

Seit Monaten wächst die Unsicherheit

Lehrer berichten, manche Schüler kämen aus Angst nicht mehr zum Unterricht. Viele würden ihre Motivation verlieren, weil sie keine Perspektive hätten, ob sich der Fleiß lohne. Verunsichert seien gerade Afghanen, aber auch Nigerianer oder Senegalesen, sagt Monika Muschol, Lehrerin an der Berufsschule für das Hotel-, Gaststätten- und Braugewerbe. Die Befürchtung, abgeschoben zu werden, sei oft Thema. Sie berichtet vom Engagement der Lehrkräfte und Sozialpädagoginnen: „Sie betreuen jeden Schüler, etwa wenn er einen Ablehnungsbescheid bekommt.“

SPD-Stadträte führten gestern seit Längerem geplante Gespräche an zwei Schulen – „weil wir ständig von Schulleitungen hören, dass es immer schwieriger wird, die Schüler bei der Stange zu halten“, sagt Birgit Volk. An den städtischen Berufs- und Realschulen gab es bisher noch keine Abschiebung aus dem Unterricht, heißt es aus dem zuständigen Referat. Münchens OB Dieter Reiter (SPD) sagte gestern: „Eine Abschiebung aus dem Klassenzimmer darf es nicht geben!“ Er habe bereits im Februar an Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) appelliert, den restriktiven Kurs zu überdenken. Die unsichere Situation habe auch Unmut bei der Wirtschaft hervorgerufen. Reiter nannte es „verstörend“, dass der Freistaat am Mittwoch „scheinbar jedes Augenmaß verloren“ habe. Eine solche Vorgehensweise sei „unmenschlich“.

Solidaritäts-Demo vor dem Kultusministerium

Am Donnerstagmittag protestierten die Landtags-Grünen vorm Innenministerium am Odeonsplatz: „Schämen Sie sich, Innenminister Herrmann!“, rief Fraktionschefin Katharina Schulze. Sie stellte eine schriftliche Anfrage zum Polizeieinsatz. Am Abend fand vor dem Kultusministerium eine Kundgebung statt, zu der zahlreiche Organisationen aufgerufen hatten. Angemeldet waren 150 Teilnehmer, laut Polizei kamen 350, laut Veranstalter über 1000. Unter dem Motto „Schützt unsere Schüler“ wurde gegen Abschiebungen von Menschen in Ausbildung und Arbeit demonstriert. Den Salvatorplatz vor dem Kultusministerium habe man sich ausgesucht, so sagt ein Vertreter des Flüchtlingsrats, um Minister Ludwig Spaenle aufzufordern, sich vor die Schüler zu stellen. Auch prominente Politiker und Künstler traten auf, unter anderem Urban Priol und Friedrich Ani. 

Lesen Sie hier den ausführlichen Bericht zum Thema: Wie der Fall Asef N. eskalieren konnte. Außerdem berichtet ein Schüler, der den Einsatz in Nürnberg miterlebt hat im Interview: „Die Polizei war überfordert“

Im Video: Kundgebung gegen Abschiebung von Schülern

Christine Ulrich & Franziskus Reich

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