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Gute Aussichten für München: Die Stadt wird für Arbeitnehmer immer attraktiver.

250.000 neue Jobs in vergangenen zehn Jahren

Gehälter, Weiterbildung, Beschäftigte: So verändert sich die Arbeitswelt in München

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München boomt - auch deshalb entstand im vergangenen Jahrzehnt eine Viertel Million neuer Jobs. Wir zeigen, wie sich die Berufswelt in der Stadt weiterdrehen wird.

München - Stadt ohne Grenzen? Das Wachstum von München geht immer weiter - gleichzeitig ändert sich damit die Wirtschaft in rasantem Tempo. 250.000 neue Jobs in den letzten zehn Jahren und immer neue Rekordpreise auf dem Miet- und Wohnungsmarkt sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Doch was bedeutet das Münchner Wachstum für die heimische Wirtschaft und die Beschäftigten vor Ort?

Die tz hat gemeinsam mit ­Peter Kammerer, dem stellvertretenden Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern, den Blick in die Glaskugel geworfen. Der Branchenkenner erklärt, wie sich die Wirtschaft bis 2030 ­entwickeln wird und was das für die Stadt und die Arbeitnehmer bedeutet.

Der IHK-Experte Peter ­Kammerer.

Jobs: Umbau statt Abbau

Alles redet über die Digitalisierung - trotzdem sind Jobs im IT-Bereich nur ein kleiner Teil der künftigen Arbeitswelt. „Es wird nicht so sein, dass wir plötzlich nur noch Arbeitsplätze im IT-Bereich haben“, beruhigt IHK-Vize Peter Kammerer all jene, die keine besondere Affinität zur Arbeit an der Computertechnik haben. Trotzdem wird die Digitalisierung Einfluss auf nahezu alle Jobs haben. „Die Wertschöpfungskette verändert sich - und mit ihr die Anforderungen an die einzelnen Berufe“, sagt Kammerer.

Das entscheidende Thema, für Mitarbeiter wie Unternehmen, wird dabei die Weiterbildung und Qualifizierung. Entgegen landläufiger Erwartungen führe die Digitalisierung nicht zum Stellenabbau im großen Stil, mache aber einzelne Tätigkeiten überflüssig. Kammerer: „Unternehmen quer durch alle Branchen bauen zwar bestimmte Qualifikationen ab - sie stellen aber in anderen Bereichen ein.“ In der Summe sei die Bilanz für den Großraum München aber positiv. „Die Herausforderung wird sein, möglichst viele Menschen so gut zu qualifizieren, dass sie diesen Schritt mitgehen können“, sagt Kammerer. Trotz aller Automatisierung - die Wirtschaft klagt bereits heute über einen enormen Fachkräftemangel.

Die Situation wird sich eher noch verschärfen, über die Branchen hinweg. Ein Beispiel: Der Dienstleistungssektor. „Mehr Menschen brauchen mehr Dienstleistungen – außerdem lassen sich viele Dienstleistungen bisher kaum von der Technik ersetzen“, erklärt Kammerer. Das hänge nicht nur von der Entwicklung der Technik ab, sondern auch von der Frage, ob die Menschen die neue Technik auch akzeptieren. „Andere Länder diskutieren etwa über den Einsatz von Pflegerobotern - ob das hierzulande schnell akzeptiert wird, steht aber in den Sternen“, sagt Kammerer.

Und selbst im Handel werden nicht alle Jobs durch die Konkurrenz aus dem Internet verschwinden. Auch hier gilt: „Die Anforderungen werden sich verändern.“ Kammerer beobachtet, dass die Geschäftsmodelle des klassischen stationären Handels und des Onlinehandels immer mehr verschmelzen. Die stationären Händler sind immer mehr im Netz unterwegs, während die Online-Händler selber Geschäfte aufmachen oder mit Händlern kooperieren.

Tipps für Beschäftigte

Jedes Berufsfeld ist anders - trotzdem gelten einige Grundtugenden für alle. Kammerer rät: „Man muss aktiv sein und die Augen offen halten. Welche Signale gibt der Arbeitgeber, der Arbeitsmarkt? Welche Fähigkeiten werden in meiner Branche in Zukunft gefragt sein?“ Dort gelte es, das persönliche Profil schärfen. Bei aller Orientierung an den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt dürfen Arbeitnehmer einen Faktor nicht außer Acht lassen. „Man braucht Herzblut für das, was man tut. Dann kann man in jedem Beruf erfolgreich werden“, sagt Kammerer.

Zwar seien junge Menschen meist besser auf die digitale Welt vorbereitet als die ältere Generation, die nicht mit Internet aufgewachsen ist. „Aber auch dann ist es eine Frage der Leidenschaft für das Thema, nicht des Alters“, sagt Kammerer. Sprich: Auch 60-Jährige können Apps programmieren. Andere Qualifikationen, die auf dem Arbeitsmarkt immer Hochkonjunktur haben: „Kommunikationsfähigkeit und Lust am Service spielen in Zukunft eine große Rolle.“ 

Weiterbildung ist das A und O.

Die Gehälter der Zukunft

Einer aktuellen Bertelsmann-Studie zufolge steigen die Löhne in Deutschland bis 2020 weiter an. Je nach Branche fällt das Plus allerdings auch unterschiedlich stark aus. Am meisten profitieren Chemiker und Pharmazeuten, am wenigsten Beschäftigte in der Nahrungsmittelindustrie. Im Durchschnitt aller Wirtschaftszweige steigen die Löhne in den nächsten fünf Jahren um 2200 Euro pro Jahr.

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Zuwächse in den Branchen

  • Chemie/Pharmazie: plus 6200 Euro
  • Kfz, Fahrzeugbau: plus 6100 Euro
  • Elektroindustrie: plus 5850 Euro
  • Maschinenbau: plus 4850 Euro
  • Energie, Wasser, Abfall: plus 4100 Euro
  • Finanz- und Versicherungsdienstleistungen: plus 3700 Euro
  • Information, Kommunikation, Immobilienwesen: plus 3500 Euro
  • Land- und Forstwirtschaft, Bergbau: plus 2650 Euro
  • Verkehr und Lagerei: plus 2500 Euro
  • Öffentliche Verwaltung, Sozialversicherung: plus 2450 Euro
  • Holz, Papier, Druck: plus 2200 Euro
  • Metallerzeugung: plus 2050 Euro
  • Handel und Reparatur von Kraftfahrzeugen: plus 1750 Euro
  • Unternehmensnahe Dienstleistungen: plus 1550 Euro
  • Baugewerbe: plus 1500 Euro
  • Gastgewerbe, Beherbergung: plus 1500 Euro
  • Private Haushalte, sonstige Dienstleistungen: plus 1400 Euro
  • Erziehung, Unterricht: plus 1350 Euro
  • Gesundheits- & Sozialwesen: plus 1050 Euro
  • Nahrungs- und Genussmittel: plus 1000 Euro
Im Baugewerbe sind die Zuwächse nicht so hoch.

Was die Stadt machen muss

München steht gut da - trotzdem ist das weitere Wachstum kein Selbstläufer. Die größten Risiken lauern dabei im Wachstum selbst. „Der Knackpunkt wird sein: Wie finden die qualifizierten Facharbeiter in der Stadt oder im Umland noch Wohnungen“, sagt Peter Kammerer von der IHK. „Das wird von der Politik erkannt und Stadt und Umland versuchen, neue Kooperationen einzugehen“, lobt er. Die Chance, rechtzeitig zu handeln sei da, weil die Stadt durch die gesunde Wirtschaft noch einen Gestaltungsspielraum habe. „Wachstum bedeutet übrigens nicht, dass wir das ganze Land zubauen“, erklärt Kammerer. 

Er plädiert für intelligente Lösungen, wie die vorhandenen Flächen und die Infrastruktur besser genutzt werden können. Ebenfalls nötig sei ein massiver Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel. Kammerer: „Wenn eine Region wächst, dann muss die Infrastruktur mitwachsen.“ Auch hier drängt die Zeit, weil eine Verbesserung des Verkehrsnetzes einen langen Vorlauf benötige. Eine zentrale Bedeutung misst Kammerer dabei den öffentlichen Verkehrsmitteln bei – und den Vorteilen durch die Digitalisierung mit einer digitalen Steuerung von Verkehrsströmen. Die Voraussetzungen dafür seien nicht schlecht: „Wir haben am Standort München alles zur Verfügung, was man für eine moderne Mobilitätsentwicklung braucht.“

Große Mobilitäts- und Softwarekonzerne, Firmen wie Siemens, die sich mit der Stadt der Zukunft beschäftigen, sowie Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Hier fordert Kammerer mehr Selbstvertrauen: „Wir müssen das nur alles zusammenbringen und vernetzen. Da müssen alle Beteiligten etwas mutiger werden - und wir müssen in unseren Entscheidungsprozessen schneller werden.“

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Knackpunkt Bildung

„Wir sehen derzeit drei Zukunftsfelder“, sagt Peter Kammerer, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern. Besonders diese Themen werden den Raum München in den kommenden Jahren beschäftigen: „Fachkräfte und Bildung, Digitalisierung der Wertschöpfungsketten sowie die vernetzte Mobilität.“ Die Bildung ist deshalb ein so zentraler Baustein der Zukunft der Stadt, weil sie die Grundlage für eine erfolgreiche Entwicklung des Wirtschaftsstandortes ist. „Dabei erwarten wir den Haupt­engpass eher im Dualen Ausbildungsbereich und bei den Aufstiegsqualifizierten. Bei den Akademikern können die Hochschulen vor Ort den Bedarf dagegen einigermaßen decken“, schätzt Kammerer.

Die Digitalisierung führt zu einer anderen Arbeitsteilung und anderen Prozessen und Abläufen in den Betrieben. „Alles läuft wesentlich schneller ab. Was früher zeitkritisch war, ist heute weltweit in Echtzeit verfügbar“, weiß Kammerer. Dazu kommen noch zwei Mega-Themen: „Bei der Energieversorgung geht es darum, dass wir die Energiewende so hinbekommen, dass die Stromversorgung weiter zu international wettbewerbsfähigen Preisen sicher ist“, erklärt Kammerer. Der zweite Megatrend: Globalisierung. Die Verflechtungen der Wirtschaftsbeziehungen werden immer intensiver. „Ob im Tourismus, durch zunehmende Exporte oder Ansiedlungen internationaler Unternehmen in München“, sagt Kammerer.

Laura sorgt Für Spaß an Technik

Sich selbst steuernde Roboter, Brillen mit eingebautem Monitor oder Apps für die eigene Zimmertemperatur – bei IBM Watson ist für jeden Technikfan etwas dabei. Im gläsernen Hochhaus im Münchener Norden befindet sich das einzige Hauptquartier von IBM außerhalb Amerikas. Ein (Traum-)Job der Zukunft? Für Laura Dohle auf jeden Fall. Seit einem Jahr arbeitet sie für den IT- Riesen und ist begeistert von ihrem Beruf: „Ich wollte schon immer Technik-Designerin werden. Als ich gehört habe, dass Stellen bei IBM ausgeschrieben werden, habe ich mich sofort beworben.“

Doch was macht eine Technik-Designerin eigentlich? „Im Wesentlichen bin ich für drei Dinge verantwortlich: Ich sorge dafür, dass unsere Produkte einfach zu bedienen sind, dass sie verlässlich sind, und, dass es Spaß macht, sie zu benutzen“, erklärt die gebürtige Würzburgerin. Momentan arbeitet sie an dem Projekt „IOT Workspace“, das für ein produktiveres und effizienteres Arbeiten sorgen soll.

Wie das geht? Das Gerät greift auf eine große Menge Daten zu und vernetzt diese, so dass es den Nutzer bei schwierigen Entscheidungen optimal beraten kann. Das werde in Zukunft immer wichtiger, gerade bei der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine. Und für wie wichtig hält sie selbst ihren Beruf? „Natürlich beeinflusst das Internet die Arbeitswelt immer mehr, das wird Jahr für Jahr sogar noch stärker. Allerdings gibt es auch noch andere Jobs, die in Zukunft wichtig bleiben werden“, sagt die 30-jährige lachend.

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Pflege ist gefragt

Bei den Jobs der Zukunft denken viele an Computer, Technik und Internet. Der Blick auf den Gesellschaftswandel zeigt aber auch: Die Menschen werden immer älter - die Zahl pflegebedürftiger Menschen steigt. Elena Menicke kümmert sich genau um dieses Problem. In ihrem Job der Zukunft im Kreszentia Stift sorgt sie für die Personalplanung. „Seit meiner Kindheit hatte ich den Wunsch, Menschen zu helfen. Hier im Kreszentia Stift begleiten wir Menschen in ihrer letzten Lebensphase - das gibt ihnen Kraft und Halt.“

In der Einrichtung leben momentan 250 Senioren, eine Zusammenarbeit mit dem Christoferus Hospiz zur Vergrößerung der Kapazitäten ist bereits geschlossen worden. Der 47-jährigen ist dabei jedoch wichtig, dass der Kontakt zu den Menschen im Vordergrund steht. Deshalb setze das Pflegeheim auch nicht auf Zeitarbeiter, sondern nur auf selber ausgebildete Mitarbeiter. Und von denen braucht man ja in Zukunft bekanntlich immer mehr...

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München als Standortvorteil

Beim Megatrend Digitalisierung ist München gut aufgestellt. „Wenn man die Firmen-Ansiedlungen der letzten Jahre verfolgt, dann baut alles, was in der Digitalisierung Innovationstreiber ist, zentrale Standorte in München auf“, sagt Peter Kammerer, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern. So hat IBM sein weltweit erstes Hauptquartier außerhalb der USA eröffnet. Bei IBM Watson sollen langfristig 1000 Mitarbeiter die Möglichkeiten der Vernetzung verschiedener Geräte erforschen. Der Platzhirsch Siemens ist ebenso einer der Treiber der vierten industriellen Revolution und der neue InsureTec-Hub bündelt die Expertise zur Digitalisierung in der Versicherungsbranche in München.

Nicht zuletzt dank BMW bleibt auch die Automobilindustrie eine der prägenden Branchen der Stadt - eine, die besonders großen Umbrüchen unterworfen sein wird. „Die großen Autofirmen entwickeln sich längst zu Mobilitätsunternehmen“, sagt Kammerer. Auch hier sei der Standort München ein Vorteil: „Wir haben die passende Forschungslandschaft – mit Exzellenzuniversitäten und Fraunhofer-Instituten. Strategisch ist es eine wichtige Weichenstellung dafür, dass der Großraum München als Wirtschaftsstandort attraktiv bleibt.“ Bei der Entwicklung des selbstfahrenden Autos hat sich BMW zudem mit Intel zusammengetan - der US-Chiphersteller hat seine Deutschland-Zentrale in Feldkirchen.

Für Innovationen sorgt auch die Start-Up-Szene. Kammerer: „Nur Standorte, in denen diese neuen Geschäftsideen entstehen, werden weltweit attraktive Standorte bleiben“, sagt der IHK-Mann. Dabei sieht er München sogar im Vorteil gegenüber Berlin. „München hat den Vorteil, dass hier viele Unternehmen sind, so dass die neuen Geschäftsideen gemeinsam mit dem produzierenden Gewerbe auch gleich Wertschöpfung generieren.“ Sprich: Gründer kommen in München mit Kunden aus der heimischen Industrie zusammen, während Berliner Start-Ups eher auf den Kontakt zum Verbraucher setzen. Vom Wachstum der Stadt profitieren aber auch völlig andere Branchen – etwa die Bauindustrie. „Die Nachfrage nach Bauleistung wird in den nächsten Jahren im Großraum München sicher hoch bleiben“, schätzt Kammerer.

Mobilität ist Trumpf - das zeigt auch BMW.

Marc Kniepkamp

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