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Amela Mujic (40) arbeitet als Reinigungskraft – jetzt will sie raus aus der Mini-Job-Falle.

Zwischen- wurde zur Dauerlösung

So will Amela den Weg aus der Mini-Job-Falle schaffen

Mehr als 150.000 Menschen sitzen in München in der Mini-Job-Falle. So auch Amela. Die 40-Jährige will nun aber neu durchstarten - und unsere Zeitung zeigt, wie.

Endlich einen Job! Als Amela Mujic (40) ihre Tochter vor drei Jahren zum Arzt begleitet, sieht sie einen Aushang. Kurz darauf ist sie „Putzperle“ – auf glanzloser 200-Euro-Basis. Doch was als Zwischenlösung angedacht war, ist für Amela zur Dauerlösung geworden: Sie ist in der Mini-Job-Falle!

Mujic gehört zu den 150.000 Münchnern, die einen Mini-Job ausüben. Das belegen die neuesten Zahlen des Münchner Jobcenters (s. u.). Und für viele wird dieser Job zur Falle. Auch für Amela Mujic. Obwohl die gebürtige Bosnierin eine Ausbildung zur Landwirtschaftstechnikerin abgeschlossen hat, muss sich die 40-Jährige seit über zehn Jahren mit diesen Nebentätigkeiten auf 200-Euro-Basis über Wasser halten.

Aufgewachsen ist Mujic auf einem kleinen Bauernhof in Herzegowina. Nach ihrer Ausbildung zieht die damals 30-Jährige nach München. Die erste Zeit beschreibt Mujic als „unheimlich aufregend“: Deutschkurs, Hochzeit, erster Nebenjob. Vier Jahre später bringt sie ihr erstes Kind zur Welt – eine Tochter, sechs Jahre später bekommt sie Zwillinge. Seitdem ist Mujic hauptberuflich Mama. Ihr Ehemann arbeitet damals noch auf dem Bau, verdient gut.

Doch die Arbeit hinterlässt Spuren. Vor sieben Jahren dann die Diagnose: Bandscheibenvorfall. Doch Amela kann ihre Fach-Ausbildung nicht beruflich umsetzen – sie wird bei uns nicht vollwertig anerkannt. Damit die 40-Jährige im „grünen Bereich“ arbeiten könnte, müsste die Familie aufs Land ziehen. Doch das wollen die Mujics nicht wagen. Und so lautet die Alternative: Mini-Job. „Ich mach’s vor allem für die Kinder“, sagt die Mutter. Die sind mittlerweile aus dem Gröbsten raus.

Raus will auch ihre Mama – raus aus dem Mini-Job, der staatlichen Abhängigkeit und hinein in ein selbstbestimmtes Leben als Gärtnerin. Dafür will die 40-Jährige jetzt noch einmal eine dreijährige Ausbildung machen. Unterstützung erhält sie vom Münchner Jobcenter und dessen Initiative.

Sie bieten Wege aus der Armut

Wer 15 Jahre lang einen Mini-Job ausübt, bekommt im Alter eine Rente von 70 Euro. Das reicht nicht zum Leben, nicht mal zum Überleben. Allein in München sind derzeit 150.000 Menschen betroffen. Deshalb hat das Münchner Jobcenter zusammen mit der „Frau und Beruf GmbH“ im Oktober 2016 die Initiative Ich kann mehr – Wege aus dem Mini-Job gegründet: eine individuelle Beratungsmöglickeit für Frauen, die aus der Mini-Job-Falle ausbrechen wollen.

Zwar können Mini-Jobs als Brücke in den Arbeitsmarkt sinnvoll sein. „Viel zu häufig werden sie jedoch für Menschen in der Grundsicherung zur Dauerlösung“, sagt Sabine Schultheiß, stellvertretende Geschäftsführerin des Jobcenter München.

Armin Salamon von Aktivas GmbH.

Vor allem Frauen bleiben oft jahrelang in Mini-Jobs hängen. Aber auch Ausländer haben es schwer. Nach Angaben des Jobcenter München haben 57 Prozent der Betroffenen keinen deutschen Pass. Deutlich über die Hälfte aller Betroffenen hat keine abgeschlossene Berufsausbildung. Die Folge: Die meisten Mini-Jobber arbeiten in Niedriglohnbereichen. Armin Salamon, Geschäftsführer der Versicherung und Immobilienfirma Aktivas GmbH, betont: „Ist eine Mitarbeiterin gut eingearbeitet, bieten wir ihr an, ihre Stundenzahl auszubauen und aus dem Mini-Job eine sozialversicherungspflichtige Teilzeit-Tätigkeit zu machen.“

Denn: Eine Einarbeitung kostet Geld. Außerdem sei es oft besser, eine gut eingearbeitete Mitarbeiterin zu halten, als eine zweite für dieselbe Tätigkeit einzustellen.

Ich schufte für zwei Arbeitgeber

1200 Euro netto – das ist in München kaum etwas. So viel verdient

Oscar Ramirez

Oscar Ramirez (25) als Festangestellter bei einer Münchner Imbisskette. In Neuperlach zahlt er 550 Euro Miete – die Hälfte geht also für die Wohnung drauf. Nur mit den 450 Euro von seinem Minijob bei der Bäckereikette Brezelina kommt er im Alltag gut über die Runden. „Meine Vergangenheit war schwierig.“ So erklärt der Münchner, weshalb er heute so viel ackern muss. „Aber immerhin kann ich durch die zwei Gehälter alleine wohnen. Das Geld reicht für meine Fahrkarten, und ab und zu trinke ich auch mal ein Bierchen.“

Sarah Brenner

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