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Heinrich S. verklagt einen Arzt.

Sohn verklagt Arzt auf Schmerzensgeld

Warum durfte mein Vater nicht sterben?

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München - Es geht um 150.000 Euro: Ein Mann verklagt die Ärzte, die seinen Vater künstlich am Leben gehalten hatten. Nun muss das Gericht ermitteln, ab wann ein Leben noch lebenswert ist.

Heinrich S. fordert Schadensersatz, weil sein kranker Vater künstlich am Leben gehalten wurde, obwohl die Familie das nicht wollte.

Am Ende seines Lebens huschte Heinrich S. († 82) nur noch selten ein Lächeln übers Gesicht. Sein Zustand war schlimm: Arme und Beine konnte er infolge einer Lähmung nicht mehr bewegen. Das Sprechen war unmöglich, auch auf Reize reagierte der Senior nicht mehr. Gurte fixierten ihn ans Bett, wo er Schmerzen und Atemnot ertrug – gefangen in seinem dementen Körper, die Seele war längst depressiv. Denn sterben durfte Heinrich S. trotz langer Krankheit nicht: Sein Hausarzt hielt ihn mit einer Magensonde über Monate künstlich am Leben. Länger als es medizinisch zu vertreten war? Das glaubt der Sohn – und verklagte den Arzt. Der habe seinem Vater nur unnötiges Leid zugefügt – und daran sogar noch verdient.

Ein heftiger Vorwurf, mit dem sich seit das Landgericht beschäftigt. 150.000 Euro Schmerzensgeld fordert Heinrich S. (57) dort – er heißt genau so wie sein Vater, der am 8. Oktober 2011 verstorben ist. Über dessen Zustand sagte ein Gutachter: „Es war keine Verbesserung mehr in Sicht – sondern nur zu erwarten, dass das Schlechterwerden verlangsamt wird.“ Und weiter: „Mit seinen Leiden war er ein bedauernswerter Mensch.“

Wann ist das Leben nicht mehr lebenswert?

Nur: Wann ist das Leben nicht mehr lebenswert? Das ist die zentrale Frage im Prozess. Heinrich S. ging es sehr schlecht – das ist unstrittig. „Aber ich habe viele Patienten erlebt, die trotzdem einen enormen Lebenswillen hatten“, sagt der Gutachter. Nur der Patient selbst könne entscheiden, ob er weiterleben will. Dazu konnte sich Heinrich S. aber nicht mehr äußern – auch eine Patientenverfügung (siehe unten) hatte er nicht verfasst. Also entschied der Arzt in Absprache mit dem Betreuer, Heinrich S. eine Magensonde einzusetzen – obwohl die Angehörigen das nicht wollten. „Er wäre sonst am Entzug der Ernährung verstorben“, erklärt der Gutachter. Der Sohn ist wütend: „Die Maßnahme wurde trotz unserer Einwände durchgesetzt. Warum durfte mein Vater nicht sterben“, fragt er – und fordert nun auch die Behandlungskosten über 52 600 Euro zurück.

Hat der Arzt Unrecht getan, weil er nach Berufsstandards handelte? Klägeranwalt Wolfgang Putz sagt: „Es wurde eine fachärztliche Leitlinie für künstliche Ernährung missachtet.“ Diese ist aber nicht gesetztlich geschützt. Und: Bisher hat noch kein Gericht hinreichend geklärt, ob Ärzte das Leben von Schwerkranken gegen den Willen von Angehörigen verlängern dürfen. Am Landgericht könnte sich das demnächst ändern.

Stichwort Patientenverfügung

Eine Patientenverfügung ist eine schriftliche Erklärung einer Person für den Fall, dass sie ihren Willen nicht mehr selbst erklären kann (beispielsweise wegen einer schweren Krankheit). Sie bezieht sich auf medizinische Hilfe sowie Eingriffe und steht meist im Zusammenhang mit der Verweigerung lebensverlängernder Maßnahmen (künstliche Beatmung, Ernährung etc.). Wenn jemand eine Patientenverfügung erstellt, muss er nach deutschem Recht sowohl einwilligungsfähig als auch volljährig sein. Übrigens: Sie kann jeder Zeit widerrufen werden.

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