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Die Schatten der Vergangenheit wird das Max-Planck-Institut in München nicht so leicht los. 

Einrichtung muss sich Vergangenheit stellen

Das sollten Sie über Nazi-Opfer im Keller des Max-Planck-Instituts wissen

Lange galt die NS-Zeit als abgeschlossenes Kapitel im Max-Planck-Institut. Doch kürzlich entdeckte man in Archiven Präparate von Euthanasie-Opfern, die nach dem Krieg nicht bestattet, sondern eingelagert worden waren.

München - Nun muss die Forschungseinrichtung ihren Umgang mit der Vergangenheit überdenken. „Zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus und ihren Missbrauch durch die Medizin“, steht auf einer Stele aus beigefarbenem Stein. Seit 1990 steht das schlichte Grabmal auf dem Münchner Waldfriedhof. Es markiert die Stelle, an der die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) 1990 vermeintlich das dunkelste Kapitel ihrer Geschichte abschloss. Denn unter der steinernen Gedenktafel liegen die präparierten Überreste von Menschen, die zwischen 1939 und 1945 von den Nazis systematisch ermordet worden sind.

Im sogenannten Euthanasieprogramm wurden Hunderttausende umgebracht, deren Leben die Nazis als „unwert“ betrachteten. Besonders häufig traf das körperlich und geistig Behinderte, aber auch psychisch kranke Menschen. Die sterblichen Überreste, insbesondere die Gehirne, wurden häufig konserviert. Wissenschaftler hofften, aus ihnen Erkenntnisse zu gewinnen. Brauchte eine Forschungseinrichtung bestimmte Präparate, kam es in dieser Zeit nicht selten zu Morden auf Bestellung.

Bei diesen grausigen Praktiken machten auch Einrichtungen, die heute der MPG zuzuordnen sind, keine Ausnahme. Und auch nach der Nazizeit kamen die damals beschafften Präparate noch zum Einsatz in Forschung und Lehre. Erst Ende der 80er-Jahre fand ein Umdenken statt: In den Instituten in Frankfurt, Köln und München machten sich Forscher daran, die Euthanasiepräparate in den Beständen der Einrichtung aufzuspüren. 1990 wurden sie unter der Stele auf dem Waldfriedhof beerdigt. Die MPG betrachtete das Kapitel als abgeschlossen.

Das war es aber nicht, wie ein Zufallsfund 2015 in der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin ans Licht brachte: Rund hundert weitere Hirnschnitte aus den Archiven konnten damals eindeutig Euthanasieopfern zugeordnet werden. Daraufhin veranlasste die MPG eine erneute Prüfung aller menschlichen Präparate in ihren Instituten. Auch in München blickte ein Team der Psychiatrischen Klinik um Chefarzt Martin Keck in die Bestände – und wurde fündig. In den Kellern stieß man auf Hirnschnitte, Feuchtpräparate und Unterlagen, die die Fundstücke recht eindeutig als Euthanasieprodukte identifizierten.

„Hunderte bis tausend“ Euthanasiepräparate lagern noch in den Archiven

„Wir waren alle fassungslos“, erinnert sich der Direktor. Wie die Präparate so lange im Verborgenen lagern konnten, dazu möchte sich Keck, der die Klinik erst seit 2014 leitet, nicht äußern. Fest steht aber, dass externe Wissenschaftler schon früher Interesse an den Archiven der Münchner Einrichtung gezeigt hatten. Viele von ihnen berichteten jedoch, in ihren Bemühungen von Institutsmitarbeitern behindert worden zu sein. „Das haben wir sehr kritisch geprüft, und es stimmt“, sagt Keck zu den Anschuldigungen. Inzwischen seien die entsprechenden Konsequenzen gezogen worden – auch personell.

„Hunderte bis tausend“ Euthanasiepräparate lagern noch in den Archiven des Psychiatrischen Instituts, schätzt Keck. Aus den Dokumenten könne man auch andere nie aufgearbeitete Verbindungen des Instituts zur NS-Tötungsmaschinerie herstellen, erzählt er: So soll es etwa den Fall eines Mitarbeiters geben, der Kinder in seinem privaten Wagen in die Tötungsanstalt gefahren hat. Lange Zeit wurde so getan, als sei er zu dieser Zeit hier nicht mehr beschäftigt gewesen. Aber das stimmt nicht, wie im Archiv leicht zu recherchieren ist: Der Mann wurde vom Institut bezahlt und beauftragt.

„Da darf man nicht so tun, als wäre nichts gewesen“

Der Klinikleiter ist ob der jahrzehntelangen Verschleierung des Themas traurig und wütend zugleich: „Unser Fach war das einzige, in dem es möglich war, seine eigenen Patienten zu ermorden. Da darf man nicht so tun, als wäre nichts gewesen.“

Deshalb will Keck jetzt Licht in die dunkle Geschichte der Einrichtung bringen. Ein unabhängiges internationales Forscherteam wird demnächst die Arbeit in den Archiven aufnehmen. Dabei wird es vor allem darum gehen, die Präparate NS-Opfern und ihren Biografien zuzuordnen. Auch hofft man, mögliche Angehörige ausfindig zu machen.

Drei Jahre, schätzt Keck, wird das Projekt mindestens in Anspruch nehmen: Die MPG unterstützt es mit 1,5 Millionen Euro. Ist es abgeschlossen, sollen die Präparate würdig bestattet werden. Keck will den Opfern außerdem eine Gedenkstätte direkt am Max-Planck-Institut widmen. Schon jetzt thematisiert eine Ausstellung zum 100-jährigen Jubiläum des Instituts die Rolle der Einrichtung in der NZ-Zeit.

„Es ist allerhöchste Zeit“, sagt Keck. „Das alles ist sehr bitter, aber wir müssen daraus lernen. Für uns ist es auch eine wichtige Gelegenheit, der nächsten Generation unseres Fachs darzulegen, wie es so weit kommen konnte, dass Ärzte ihre Patienten umbringen lassen.“ Ein Auftrag, der sich auch auf der Stele über der letzten Ruhestätte der bereits bestatteten Opfer findet. Dort lautet der letzte Satz in Stein gemeißelt: „Allen Forschern als Mahnung zu verantwortlicher Selbstbegrenzung“.

Sehen Sie hier die Merkur.de-Multimediareportage „München im April 1945 – die letzen Kriegstage im Ticker. Ein Rückblick.“

Annika Schall

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