Sonderbare Lust auf riechende Füße

München - Der Mann steht auf Füße – auf riechende Füße von Buben. Er spricht von „Gaudi“, die Staatsanwaltschaft von sexuellem Missbrauch von Kindern. Nun streitet man sich, ob die Lust sexuelle Hintergründe hat oder nicht.

Immer wieder zieht es Fabian L. (Name geändert) an Fußballplätze. Dorthin, wo zehn- bis zwölfjährige Buben kicken. Manchmal spielt er mit, manchmal beobachtet er die Buben auch nur. Dann bittet er sie zu sich und fragt, ob er sich ihre Schuhe genauer anschauen dürfe. Ziehen die Jungs ihre Treter aus, schnüffelt Fabian L. an deren Füßen.

Dies, das jedenfalls meint die Staatsanwaltschaft, errege den Mann. Sexuellen Missbrauch werfen die Ankläger dem 42 Jahre alten Handelsfachpacker deshalb vor, weil zwei der Buben eindeutig gesehen haben wollen, dass sich bei Fabian L. was im Intimbereich ausgebeult habe. Außerdem steht er wegen Nötigung und Körperverletzung vor dem Amtsgericht, weil er den Buben die Schuhe bisweilen gewaltsam von den Füßen zog und der ein oder andere dabei schmerzhaft auf dem Hosenboden landete.

Bei einem Vorfall in Heimstetten etwa riss Fabian L. drei Jungen recht rüde zu Boden, um deren Füße zu entkleiden. Bei einem Fall in München versuchte er, einem elfjährigen Radfahrer gegen dessen Willen die Schuhe abzunehmen, und auf einem Bolzplatz in Ismaning packte er ordentlich zu, als sich ein Bub weigerte, seine Turnschuhe auszuziehen.

Fabian L. hingegen, ein wenig redegewandter Mann mit geringem Intellekt, gibt zwar zu, den Buben die Schuhe abgenommen und an ihren Füßen gerochen zu haben, behauptet aber, er verspüre keinerlei sexuelle Erregung dabei. Vielmehr handle es sich um „Gaudi“ und „Blödsinn machen“, so wie das früher auch Buben mit ihm gemacht hätten. „Manche Leute finden das lustig“, sagt er. Deshalb habe er das getan. Erst später habe er begriffen, dass er den Kindern Angst eingejagt habe. „Das wollte ich nicht, das tut mir echt Leid.“

Richter Andreas Forstner scheint dem Mann, der inzwischen gut kontrolliert in einer betreuten Einrichtung lebt, zu glauben. Überdies, sagt Forstner, sehe er keinen sexuellen Missbrauch. Selbst wenn der Angeklagte sich subjektiv durch sein Handeln erregt fühle, mangele es am objektiven Erscheinungsbild. „Beim Riechen an einem Fuß oder Schuh kann ich beim besten Willen keine sexuelle Handlung sehen“, sagte Forstner. Wenn die objektive Grundlage fehle, so der Richter weiter, dann spiele die subjektive Motivation des Angeklagten keine Rolle mehr. Er sehe zwar eine Nötigung und die Körperverletzung, nicht aber den Missbrauch. Einzig bei einem Fall, bei dem Fabian L. den Fuß eines Buben abschleckte, sei eine sexuelle Komponente denkbar. Allerdings fehle es da rein rechtlich bei einem besockten Fuß an der Erheblichkeit.

Das sieht die Staatsanwaltschaft völlig anders. Sie will sich nun an einem weiteren Prozesstag anhören, was die Buben zu den Vorfällen zu sagen haben. Zudem gebe es ein Gutachten des Gerichtspsychiaters, das dem Verhalten sehr wohl eine sexuelle Komponente zuordne. Damit wiederum sei der Tatbestand des sexuellen Missbrauchs erfüllt.

Der Aussage von Fabian L.s Therapeuten, der keinerlei Anhaltspunkte für einen sexuellen Hintergrund oder gar Pädophilie sieht, scheint die Anklage nicht viel Bedeutung beizumessen. Das dürfte daran liegen, dass der Psychologe die entscheidenden Aspekte in den Therapiestunden mit Fabian L. nicht sehr tiefgehend besprochen hat. „Ich hatte nie das Gefühl, dass da irgendein Drang ist“, sagte der Psychologe als Zeuge. Fabian L. habe sich in solchen Situationen vielmehr selbst als Kind gesehen und nicht bemerkt, dass die Buben das anders sehen, „Er hat das nicht als etwas Schlimmes empfunden.“ Der Prozess dauert an.

Bettina Link

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